Sarah Graber Majchrzaks Studie über die Leninwerft in Gdańsk und die AG »Weser« in Bremen

Zeitweilig solidarisch

Platte Buch Von

»Über dem Haupteingang der AG ›Weser‹ liegt ein Hauch von Danzig, ein Hauch von Lenin-Werft«, hieß es in einer Reportage eines Bremer Lokalradios im September 1983. Es war der Höhepunkt der Besetzung der Bremer AG-Werft, mit der die Beschäftigten die Schließung in letzter Minute verhindern wollten. Ermutigt wurden sie auch von den Ereignissen in der Lenin-Werft in Gdańsk, die damals weltweit große Beachtung fanden. Rückblickend gilt der Arbeitskampf der polnischen Werftarbeiter als Anfang vom Ende des Staatskapitalismus im Ostblock.

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Nun hat sich Sarah Graber Majchr­zak in ihrem kürzlich erschienen Buch »Arbeit – Produktion – Protest« mit der Wirkung befasst, die die Ereig­nis­se für die Werftarbeiter im Westen hatten. Im ersten Teil des Buchs widmet sie sich den Gemeinsamkeiten und Unterschieden in der Schiffbaupolitik in Polen und der BRD. Der Schwerpunkt ihrer Untersuchung liegt auf den betrieblichen Arbeitsbeziehungen. Diese zeugten, so die Autorin, »von einer Krise der Repräsentation der Lohnabhängigen«. Gemeint ist damit die Distanz zwischen Betriebsaktivisten und IG-Metall-Funktionären, die sich auf der AG-Werft Ende der siebziger Jahre entwickelte. Vorher hatte die von der SPD dominierte Gewerkschaft in der Belegschaft großen Rückhalt.

Heutzutage ist die Besetzung ist weitgehend vergessen; sicher auch deshalb, weil die Beschäftigten ihren Kampf verloren haben. Sie wollten Druck auf die Bremer Sozialdemokratie ausüben, der viele der Besetzer angehörten. Doch die SPD zeigte keine Kompromissbereitschaft und gewann bei den Bürgerschaftswahlen im September 1983 trotzdem die ­absolute Mehrheit. Einen Tag später verließen die Besetzer das Werft­gelände. Graber Majchrzak erinnert mit ihrem Buch an die transnationale Solidarität, die zeitweilig von der Werft in Gdańsk ausgegangen ist.

Sarah Graber Majchrzak: ­Arbeit – Produktion – Protest: Die Leninwerft in Gdańsk und die AG »Weser« in Bremen im Vergleich (1968–1983). Böhlau-Verlag, Wien/Köln/Weimar 2021, 563 Seiten, 65 Euro