Eine Ausstellung würdigt die Künstlerinnengruppe Erfurt

Den Farbfilm nicht vergessen

Super-8-Aufnahmen, Fotografien, Performances, Modenschauen, Manifeste und experimentelle Musik: Eine Ausstellung in Berlin zeigt die Arbeiten des subversiven Frauenkollektivs Künstlerinnengruppe Erfurt.

Performances von Frauen in verrückten, aus Alltagsgegenständen fabrizierten Kostümen; eine Künst­lerin im selbstentworfenen Joghurt­becherkleid, vorgeführt auf einem Boot; Land-Art-Objekte aus bunten, zerschlagenen Glasflaschen: Die Neue Gesellschaft für Bildende Kunst (nGbK) zeigt bis Ende Januar in der sehenswerten Ausstellung »Hosen haben Röcke an« Originalkostüme, Super-8-Filme, Fotos, ­Tonaufnahmen und anderes Archivmaterial – etwa einen Brief von Christa Wolf – aus den Beständen der von 1984 bis 1994 aktiven Künstlerinnengruppe Erfurt. Dass das Frauenkollektiv auch bei Kunstinteressierten kaum (mehr) bekannt ist, ist schwer zu glauben. Lediglich die Gründerin der Gruppe, Gabriele Stötzer, dürfte bekannter sein. Die Aufmerksamkeit, die der Geschichte des Kollektivs nun zuteil wird, ist mehr als verdient.

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Es waren einfache Mittel und Ma­terialien, mit denen die jungen, durch keine staatliche Kunstakademie gezähmten Künstlerinnen ein kreatives Universum als radikalen künstlerischen Gegenentwurf zum repressiven DDR-Alltag gestalteten. Das »Coca-Cola-Kleid« etwa wurde aus leeren Getränkedosen zusammengebaut und war in Zeiten des Kalten Kriegs eine Provokation. Ebenso die markanten, koboldhaften Kostümierungen, die eine karnevaleske Umkehrung des biederen Alltags und künstlerische Subversion darstellten.

Die Künstlerinnen­gruppe Erfurt hat nicht nur auf hohem künstlerischen Niveau gearbeitet, sondern auch die im Umfeld von Punk, Friedensbewegung und evangelischer Kirche entstandenen gegen­kulturellen Strukturen in Erfurt genutzt und mitgeprägt.

Ein Metallkostüm mit Betonung von Brüsten und Hüften, das weibliche Rundungen ebenso ausstellt wie gefangen nimmt, besticht durch seine Ambivalenz. Manch sperriges Kostüm scheint auf gesellschaftliche Zwänge hinzuweisen, andere Verkleidungen erlauben eine lustvoll-spielerische Verwandlung und Erweiterung der Identität. Die Vielfalt der Arbeiten entspricht der Heterogenität des Kollektivs.Die Performances, die Bewegungen in Räumen ausloten, erinnern an die Objekte und Handlungsaufforderungen des Bildhauers, Konzept-, Installations- und Prozesskünstlers Franz Erhard Walther. Allerdings stehen die Arbeiten der Künstlerinnengruppe Erfurt in einem anderen politischen Kontext als die des in Westdeutschland sozialisierten Künstlerkollegen. Wie unter Tarnkappen, mal lauernd, mal suchend oder sich verbergend, schleichen Personen den Boden entlang – der Überwachungsstaat drang bis tief in die privatesten Räume ein und prägte den Habitus der Menschen.

Das von Gabriele Stötzer 1984 ­gegründete Frauenkollektiv verstand sich als einen genuinen Lebens- und Arbeitszusammenschluss, in dem schöpferisches Tun, prozesshaftes Experiment, Gesellschaftskritik und phantasievoller Protest eng miteinander verwoben werden sollten. Kunstprojekte, die auf Selbstheilung der Beteiligten zielen und »Tagebuchcharakter« annehmen, kreisen oft nur um sich selbst und bleiben einflusslos; die Künstlerinnengruppe Erfurt hat jedoch nicht nur auf hohem künstlerischen Niveau gearbeitet, sondern hat auch die im Umfeld von Punk, Friedensbewegung und evangelischer Kirche entstandenen gegenkulturellen Strukturen in Erfurt genutzt und mitgeprägt. Das selbstverwaltete Kunsthaus Erfurt, das alle Umbrüche überstanden hat, gehört zum Erbe der Gruppe.

Die Schriftstellerin, Künstlerin und Galeristin Gabriele Stötzer war schon als Studentin politisch aktiv und geriet schnell ins Visier der Staatssicherheit. Viele Künstler und Künstlerinnen gingen in den Westen, doch Stötzer war entschlossen, in der DDR zu bleiben. Im Zuge des Protests gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 wurde sie für fünf Monaten in Untersuchungshaft genommen und zwangsexmatrikuliert. Eine akademische Karriere war ihr somit versagt. Doch sie ließ sich nicht einschüchtern. In Erfurt suchte sie Mitstreiterinnen für ihre Ideen und fand sie in einer kleinen Gruppe, den »Femmes Fatales«, die auch »anders leben« (Stötzer) wollten und, wie sie, eine feministische Per­spektive hatten. Gemeinsam wollten sie das hervorheben, was in der Kunst unterrepräsentiert war.

Die Ausstellung zeigt auch eine Dokumentation über die folgenreiche Auseinandersetzung zwischen der zur Gruppe gehörenden Künstlerin Harriet Wollert und den Behörden der DDR. Wollert wurde wegen ihres Lebensstils als asozial gebrandmarkt, der Staat entzog ihr die Kinder. Sie verbrachte zudem einige Zeit in Haft. In ihrer Sache engagierte sich Christa Wolf.

In einem am 8. November 1989 verlesenen Manifest kritisierten die Künstlerinnen die Rolle, die die Gesellschaft der DDR der Frau zugeteilt hatte, und forderten umfassende Veränderungen im Land. Der eindrucksvolle Text, der konsequent Kleinschreibung als Stilmittel bemüht, beginnt mit den Worten: »gegen die führungsrolle des mannes / gegen die führer / gegen die rollen / gegen die bilder«.

Mit klaren Worten wurden die Obrigkeitsstrukturen und der Unter­tanengeist dargestellt: »der kleine mann hatte auch immer noch was zu beschützen zu befehlen hier in der ddr die frau die kinder«. Im Manifest wird von der »fehlenden achtung« vor »allein in der öffentlichkeit« auftretenden Frauen gesprochen, vor ­allem vor Frauen, die »statt des kinderwagens« eine »kamera« oder »­einen karton mit kleidern für einen auftritt« mit sich führen. Es geht um Frauen, die arbeiten und Kinder großziehen, während der Ehemann »zu trinken« anfängt; »es gibt kein entrinnen aus dem schema«. Stötzer erklärt später, es sei dar­um gegangen, eine Realität abzubilden, die beschwiegen wurde, etwa die hohe Scheidungsrate in der DDR, die so gar nicht zu Bild der glücklichen Kleinfamilie im Realsozialismus passte.

Dabei war die Gruppe keineswegs traditionslos. Insbesondere die mittelalterliche Stadtgeschichte Erfurts wurde zu einem kreativen Bezugspunkt, etwa die in das Erfurter Domportal gemeißelte Steinfigurengruppe, die »die Törichten Jungfrauen« genannt wird – lachende, grinsende, ulkende Frauen, wie man sie selten im kirchlichen Kontext sieht. »Wir haben uns als Gruppe frech ­gefühlt und als etwas Besonderes«, so Stötzer in einem Begleittext zur Ausstellung. »Wir haben es genossen, nicht so langweilig zu sein wie der ganze Osten.«

Hosen haben Röcke an. Künstlerinnengruppe Erfurt 1984–1994. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst, Berlin, bis 30. Januar 2022