Manuel Vanegas Ayala von der NGO Medicuba Suisse im Gespräch über Kubas Gesundheitssystem

»Kuba könnte sich der Welt mit dieser Leistung noch besser verkaufen«

Pandemie im Sozialismus. Manuel Vanegas Ayala spricht über Kubas Gesundheitssystem und die erfolgreiche Impfstoffentwicklung auf der Insel.
Interview Von

Im Sommer war das kubanische Gesundheitssystem wegen der Covid-19-Pandemie an der Belastungsgrenze: überfüllte Krankenhäuser, fehlende Medikamente, ein Mangel an Fachkräften. Nun, ein paar Monate später, scheint sich die Lage entspannt zu haben und die Pandemie in Kuba weitgehend unter Kontrolle zu sein. Wie schätzen Sie die Situation ein?

Anzeige

Die geschilderte Notlage war darauf zurückzuführen, dass nicht nur die für die Covid-19-Bekämpfung benötigten Mittel und Sanitärmaterialien, sondern auch der von Kuba produzierte Sauerstoff knapp waren. Die Behörden haben den Mangel offenbar nicht vorhergesehen und waren nicht darauf vorbereitet. Aber sie waren in der Lage, zu reagieren. Die kubanische Regierung hat eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, die es ermöglichten, Importe zu erhöhen und die Produktivität auf lokaler Ebene zu steigern. Auch ist es gelungen, die Sauerstoffproduktion wieder in Betrieb zu nehmen. Soweit ich weiß, haben mit den kubanischen Streitkräften verbundene Betriebe eingegriffen und es geschafft, die Notlage in relativ kurzer Zeit zu lösen.

Mitte November hat sich das Land wieder für den internationalen Tourismus geöffnet, auch das tägliche Leben normalisiert sich gegenwärtig wieder, aber es gibt immer noch einige akute Herausforderungen, die das Gesundheitssystem bewältigen muss. Da ist vor allem der Mangel an Medikamenten. Das ist ein strukturelles Problem, da Kuba nicht in der Lage ist, 100 Prozent der Nachfrage nach jenen Medikamenten zu befriedigen, die das Gesundheitssystem der Bevölkerung kostenlos oder zu relativ günstigen Preisen bereitstellt. Dabei handelt es sich oft um stark nachgefragte Arzneimittel gegen chronische oder häufig auftretende Krankheiten.

Nach den Protesten im Juli, die sich auch gegen die Epidemielage und die Medikamentenknappheit richteten, erlaubte die Regierung unter anderem die unbeschränkte Einfuhr von Medikamenten durch Privatpersonen. Welchen Effekt hatte das auf das ­Gesundheitssystem und auf den Zugang zu Medikamenten?

Es mangelt nicht nur an bestimmten Medikamenten, sondern auch an anderen lebensnotwendigen Gütern wie ­Lebensmitteln, Ersatzteilen oder Werkzeugen. Als Reaktion auf die Straßenproteste im Sommer erlaubte die Regierung die freie Einfuhr dieser Arten von Produkten. Das war eine intelligente Entscheidung. Der Mangel an Medikamenten, Lebensmitteln und Hygieneartikeln wurde nicht erst während der Pandemie kritisch, sondern die Situ­ation bestand schon seit langem. Die Maßnahme ist eine Erleichterung für die Bevölkerung.

Die lokale Arzneimittelproduktion kann die Nachfrage nach Antibiotika und anderen Medikamenten nicht befriedigen. Einige Arzneimittel werden importiert, was die Nachfrage aber ebenfalls nicht befriedigt. Also müssen sich die Menschen auf dem informellen Markt zu enorm hohen Preisen versorgen. Solange das nationale Angebot, ob importiert oder lokal produziert, gering und die Nachfrage hoch ist, wird es immer einen Mangel geben, und damit sind der Spekulation und dem illegalen Kauf dieser Medikamente Tür und Tor geöffnet.

Hat dieser Mangel zu einem Klassenunterschied beim Zugang zu Gesundheitsleistungen geführt?

Sobald die Bedingungen für die Spekulation mit einem Produkt erfüllt sind, entsteht in Kuba wie überall auf der Welt ein Parallelmarkt, zu dem nicht alle Menschen Zugang haben. Es kann vorkommen, dass ein Medikament dort das Zehn- oder Zwanzigfache des regulären Preises kostet oder direkt in Devisenwährungen verkauft wird. Man muss also Zugang zu Devisen haben oder die aufgerufenen Beträge zahlen können. Dadurch entsteht natürlich eine Kluft zwischen denen, die Zugang zu diesen Arzneimitteln haben, und ­jenen, die ihn nicht haben.

Welche Rolle spielen die US-Sank­tionen?

Zu Beginn der Covid-19-Pandemie waren natürlich neues medizinisches Gerät oder Ersatzteile für bereits existierende Gerätschaften erforderlich, zum Beispiel für Beatmungsgeräte – Ersatzteile, die auf den nächstgelegenen Märkten, etwa in Mittelamerika oder der Karibik, nicht verfügbar sind und aus Europa oder den USA importiert werden müssen. Aufgrund der Sanktionen, die die USA gegen Unternehmen in aller Welt verhängen, die mit Kuba Handel treiben – einige davon in Asien, die meisten in Europa, zum Beispiel in Deutschland –, ist es praktisch unmöglich, diese Ersatzteile zu bekommen. Ersatzteile und Geräte auf entfernten Märkten zu kaufen, erhöht zudem Kosten und Aufwand und verlängert die Zeit, bis die Krankenhäuser diese Geräte einsetzen können. Das ist ein klares Beispiel dafür, wie ein nationales Gesetz der Vereinigten Staaten, das extra­territorial angewandt wird, ein Land wie Kuba in ungerechter Weise und in einer Notsituation wie einer weltweiten Pandemie beeinträchtigt. Es hat nichts mit den Gründen zu tun, die die USA für ihre Blockadepolitik gegen Kuba anbringen.

Wie schafft es Kuba trotz der angeführten Probleme, seine allgemeine kostenlose Gesundheitsversorgung aufrechtzuerhalten?

Das ist die Frage, die wir uns alle stellen. Anfang November hat die kubanische Regierung den biotechnologischen Industriekomplex CIGB in der Sonderentwicklungszone Mariel eingeweiht. Beim Anblick der Fernsehbilder der Anlage fragt man sich: Wie ist es möglich, dass ein Land unter den Bedingungen ­Kubas, dessen Haupteinnahmequellen, darunter der Tourismus, die Ärztebrigaden und der internationale Handel, pandemiebedingt oder aufgrund der US-Blockade fast vollständig weggebrochen sind, es schafft, einen der modernsten Wissenschaftskomplexe in der Region zu eröffnen? Eine Antwort darauf habe ich nicht.

Zudem kosten mehr als anderthalb Jahre Pandemiebekämpfung einen gewaltigen Betrag in US-Dollar. Ich würde gern glauben, dass Kuba entweder über Ressourcen und Finanzierungsreserven verfügt oder dass es Darlehen aus dem Ausland erhalten hat, zum Beispiel von verbündeten Ländern wie China. Obendrein hat die kubanische Regierung zu Jahresbeginn eine tiefgreifende Wirtschaftsreform eingeleitet, die eine Reihe von Unsicherheiten mit sich bringt, so dass im Moment überhaupt nicht absehbar ist, wie sich die wirtschaftliche Situation entwickeln wird.

Welche Rolle spielen die wirtschaftlichen Reformen für den Gesundheitssektor?

Ich denke, dass es in nächster Zukunft keine wesentlichen Änderungen geben wird, vor allem nicht bei den drei Pfeilern des kubanischen Gesundheitssystems: der allgemeinen und kostenlosen Gesundheitsversorgung, dem Ziel, deren Qualität zu verbessern, und der Einführung von Technologie in die medizinische Versorgung. Interessant ist jedoch, dass medizinische Dienstleistungen im Ausland, zum Beispiel auf dem kanadischen Markt, nun proaktiver angeboten werden. Ich denke, das ist ein Element, das noch ausgebaut wird.

Ein weiteres Tabuthema sind ausländische Investitionen in das Gesundheitssystem. In Lateinamerika nennt man das Privatisierung des Gesundheitswesens. Vielleicht wird es in naher Zukunft einige private Dienstleistungen geben, auch für Kubanerinnen und Kubaner, die hier leben und es sich leisten können, aber ich glaube nicht, dass dies kurzfristig geschehen wird.

 

Manuel Vanegas Ayala

Manuel Vanegas Ayala ist seit 2014 Vertreter der Schweizer NGO Medicuba Suisse in Kuba, die seit mehr als 25 Jahren mit dem kubanischen Gesundheitssektor zusammenarbeitet. Der Salvadorianer hat in Wien Geographie studiert.

 

Wie hat das vergleichsweise kleine Kuba es geschafft, eigene Impfstof­fe herzustellen? Wie ist da der Stand?

Man sagt das so leicht: Kuba hat eigene Covid-19-Impfstoffe – Soberana 01 und 02, Abdala, Soberana Plus und zwei weitere Projekte –, als wäre das so einfach, wie irgendwo ein Bier trinken zu gehen. Es ist das Resultat einer Anstrengung des Landes, der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, der Menschen, die an den klinischen Studien teilgenommen haben. Ich wage zu behaupten: Kuba könnte sich der Welt mit dieser Leistung noch besser verkaufen. Denn wenn man die Situation des Landes sieht, angesichts der US-Blockade und der Wirtschaftskrise, ist es ­nahezu unglaublich, dass Kuba eigene Impfstoffe herstellen kann. Wohlhabendere Länder waren dazu zum Teil nicht in der Lage. Kuba verdankt es dem Aufbau eines biotechnologischen Sektors seit mehr als 30 Jahren, dessen Früchte nun geerntet werden.

In welche Zukunft blickt Kubas Gesundheitssektor?

Kuba hat die Möglichkeit, zwei mit dem Gesundheitswesen verbundene Wirtschaftssektoren zu nutzen, um die wirtschaftliche Situation des Landes zu ­verbessern. Einer ist der gesamte Bereich der Biotechnologie. Es gibt Hunderte von jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die an sehr interessanten Projekten arbeiten, um neue Medikamente herzustellen, Behandlungen zu verbessern, neue Technologien einzuführen. Wenn es Kuba gelingt, den Grad an technologischer Innovation und die Akzeptanz seiner Produkte auf dem internationalen Markt aufrechtzuerhalten, können diese Arten von Waren und Dienstleistungen helfen, die wirtschaftliche Situation zu verbessern.

Der andere Bereich sind die medizinischen Dienstleistungen, die auf bestimmten Märkten, zum Beispiel in Lateinamerika, bereits etabliert sind. Das heißt, die Menschen kommen nach Kuba und lassen sich hier behandeln, da es in ihren Heimatländern entweder nicht möglich oder zu teuer ist. Und wenn man das mit dem Tourismussektor zusammenbringt, dann ist das eine interessante Kombination für Kuba. Ich denke, dass die derzeitigen Wirtschaftsreformen diese Art von Unternehmertum und diese Art von Flexibilität begünstigen, die das Land in vielen Bereichen der Wirtschaft braucht.