Ein Gespräch mit Güzin Kar über ihren Kurzfilm »Deine Strasse«

»Nicht politisch, sondern poetisch«

Dem im Mai 1993 in Solingen verübten rassistischen Brandanschlag fielen fünf Menschen zum Opfer, eine davon war die vierjährige Saime Genç. In einem Bonner Industriegebiet wurde eine Straße nach ihr benannt, die im Zentrum des Kurzfilms »Deine Strasse« von Güzin Kar steht. Im Interview mit der »Jungle World« erzählt die Filmemacherin von den Dreharbeiten, spricht über die Frage nach Gedenken und plädiert für Kunst, die sich nicht auf eine Forderung reduzieren lässt.
Interview Von

Der fünffache rassistische Mord an Angehörigen der Solinger Familie Genç liegt nun fast 30 Jahre zurück. Nach der vierjährigen ­Saime Genç ist mittlerweile eine Ringstraße in einem Bonner Gewerbegebiet benannt, der sich Ihr Kurzfilm »Deine Strasse« widmet. Wie kamen Sie dazu, auf diese Weise an das jüngste Opfer des Anschlags zu erinnern?

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Die Solinger Morde beschäftigten mich davor schon viele Jahren, aber ich hatte nie einen Weg gefunden, ­einen Film darüber zu machen. Vor ein paar Jahren, als ich auf Google Maps nach einer Firma in der Nähe von Bonn suchte, fiel mir dieser tür­kische Straßenname mitten im Industriegebiet auf. Der Name kam mir bekannt vor. Also recherchierte ich den Hintergrund und stieg eines Tages spontan in den Zug nach Bonn, ohne Plan, ohne Drehbuch.

Wie sind Sie vorgegangen?

Ich bin tagelang durch die Straße ­gelaufen und habe Aufnahmen mit meinem iPhone gemacht. Parallel dazu habe ich einen Text geschrieben und als Arbeitsfassung selber ein­gesprochen. Dann fing die eigentliche Arbeit an. Mein Editor Simon Gutknecht und ich haben uns der Geschichte angenähert, indem wir circa 50 Versionen geschnitten haben, pa­rallel dazu habe ich den Text immer wieder neu geschrieben und aufgenommen – beides musste ja immer zueinander passen. Als die Story in etwa stand, bin ich mit dem Kameramann Felix von Muralt nach Bonn gefahren, um die definitiven Bilder für den Film plus jene, die uns noch fehlten, in Profiqualität aufzunehmen. Zum Schluss kürzte ich den Text so lange, bis alles an Gefühl weg war. Diesen Text hat Sibylle Berg eingelesen. Die gesamte Soundkulisse ist künstlich, sie entstand im Tonstudio. Unter anderem haben wir die dumpfe Stille der Antarktis als Hintergrundatmosphäre genommen. Der Tonmeister Felix Bussmann knallte sie völlig entnervt drauf, nachdem ich alles andere zu belebt gefunden hatte. Dasselbe Team war übrigens schon bei meiner Serie »Seitentriebe« dabei. Bei einer solch diffizilen Arbeit ist es hilfreich, wenn man sich gut kennt.

Für Ihr Vorhaben konnten Sie, wie Sie gerade erwähnten, Sibylle Berg gewinnen. War es Ihnen wichtig, dass eine Schriftstellerin Ihren Text liest?

Ich wollte Sibylles dunkle, unverwechselbare Stimme. Mir war wichtig, dass der Text nicht von einer Schauspie­lerin oder Profisprecherin mit einer geschliffenen, ausgebildeten Stimme vorgetragen wird. Natürlich ist Sibylle aufgrund ihrer Auftritte ein Profi, aber sie spricht bestimmte Wörter anders aus als eine klassische Sprecherin es tun würde, und ihr Duktus ist eigenwilliger.

Wie gestaltete sich die Arbeit im Tonstudio?

Sibylle bekam den finalen Text kurz vor den Aufnahmen. Sie saß in der Kabine, der Tonmeister und ich am Pult, von wo aus ich Sibylle Anweisungen gab. Jeder Satz wurde einzeln und bis zu zehnmal wiederholt. Auch hier war wichtig, alles an Gefühl zu eliminieren, aber auch nicht zu technisch zu klingen. Anschließend nahmen wir von jedem Satz den besten Take, verkürzten hier eine Pause, dehnten dort eine, so wie man es ­immer macht, wenn man am Ton arbeitet. Sibylle hat die Fähigkeit, Anweisungen sehr präzise umzusetzen und dennoch ganz bei sich zu bleiben, was ich sonst nur von erfahrenen Sprecherinnen kenne.

Ihr Film zeigt vorwiegend ein leeres Industriegebiet, erst im letzten Drittel sind sporadisch Menschen zu sehen. Die Bildsprache, mit der Sie arbeiten, wirft unweigerlich Fragen nach der Form auf, die Erinnerungspolitik in der Regel annimmt.

Es ist die Kombination aus Bild und Text, die diese Fragen aufwirft. Für sich genommen sind die Bilder fern jeder Bedeutung. Als ich im Dezember 2019 zum ersten Mal zum Recherchieren in dieser Straße war und die ersten Bilder machte, saß ich am Abend schockiert im Hotel vor meinem Laptop. Nach einem ganzen Tag in dieser Straße hatte ich kein ein­ziges brauchbares Bild. Ich wollte abreisen und das Projekt abbrechen. Aber dann fuhr ich anderntags doch noch einmal hin und merkte, dass ich einen Fehler gemacht hatte. Ich hatte nach Bildern gesucht, die etwas erzählen. Doch diese Gebäude, Wege und Baustellen haben keine Bedeutung, sie verweigern sich auf fast nicht aushaltbare Weise dem ­Bedeutungsvollen. Ich gab mich dem hin, und auf einmal sah ich die Bilder. Im Film gibt es keine Nahaufnahmen und keine Schwenks, nur fixe Totalen, in denen alles gleichwertig behandelt wird. Ob Brücke, Lager­halle, Brachfeld oder eine zufällig vorbeispazierende Familie – alles wird zur reinen Form ohne Vergangenheit und ohne Zukunft. Die ­Bedeutung entsteht erst durch den Text.

Es ließe sich aber doch einwenden, dass eine abgelegene Ringstraße, die nach einem vierjährigen Opfer rassistischer Gewalt benannt ist, erkennen lässt, was einer Stadt als bedeutsames oder angemessenes Erinnern gilt.

Absolut. Nur würde ich behaupten, dass vor meinem Film niemand mit dieser Frage durch diese Straße gegangen ist. An so einen Ort geht man nur, wenn man dort etwas zu tun hat: eine Ladung Backwaren abholen, sein Auto waschen, Gewächshäuser heizen. Der Film macht etwas, das so gar nie vorgesehen war: Er flaniert durch eine Straße, die nie zum Flanieren gedacht war. So kommen Fragen und Zusammenhänge auf, die sich vorher nicht stellten, zum Beispiel jene, warum Saimes Straße am Stadtrand liegt und wem ein Platz im Zentrum zugestanden wird – und ob es hier wirklich ums Erinnern oder nicht vielmehr ums Verdrängen geht.

In Solingen gibt es offizielle Gedenkorte: ein Mahnmal am Mil­dred-Scheel-Berufskolleg, wo ­Saime Gençs Schwester Hatice Genç, die beim Brandanschlag ebenfalls ermordet wurde, zur Schule ging; am ehemaligen Tatort wiederum sind Kastanien­bäume gepflanzt worden. Abgesehen von Form und Genre: Worin unterscheidet sich das Gedenken, das »Deine Strasse« anstrebt?

An Gedenkorten sieht man sehr gut, wie erbittert der Kampf um Bedeutungsräume geführt wird. Die fünf Kastanienbäume, die an die fünf ­toten Familienmitglieder erinnern, wurden auf Wunsch der Hinterblie­benen an Stelle des abgebrannten Hauses gepflanzt. Für das Mahnmal mit dem zertrümmerten Hakenkreuz, das jetzt auf dem Gelände des Mil­dred-Scheel-Berufskollegs steht, war ursprünglich ein Standort im Zentrum Solingens vorgesehen. Man stellte es weiter weg auf, und zwar um den sozialen Frieden nicht zu stören, wie es hieß. Es war also auf einmal das Mahnmal, das den Frieden störte, und nicht etwa die Morde ­selber. Dass ein belebter, fröhlicher Platz mit einer zusätzlichen Bedeutung aufgeladen werden sollte, die Scham und Schuld mit sich brachte, schien einigen Menschen uner­träglich.

Der Saime-Genç-Ring in Bonn ­hingegen existierte noch nicht, als er zu seinem Namen kam. Die Gegend war erst im Entstehen begriffen und wurde neu gebaut. Diese Straße bekam ihre Bedeutung noch vor ihrer Existenz. Nur kann das Gedenken dort keinen Frieden stören, da dieser Ort keinen Frieden sucht, er ist rein funktional inmitten des Industriegebiets. Ein Mahnmal, das keinen mahnt, ist seltsam, aber damit wurde quasi der gerade noch lebbare Kompromiss zwischen Verdrängenwollen und Erinnernmüssen ge­funden.

»Deine Strasse« ist 2020 auf der Berlinale gezeigt worden, ein Jahr später sind Sie dafür mit dem Schweizer Filmpreis ausgezeichnet worden. Ihr Film ist jüngst vom »New Yorker« gekauft worden und läuft auf dessen Youtube-­Kanal. Denken Sie, er kann auch international zur Rassismus­diskussion beitragen?

Wer etwas über Rassismus erfahren will, findet in jeder Bibliothek ­me­terweise Bücher, Filme, Aufsätze. Kluge Leute reden sich seit Jahrzehnten den Mund fusselig. Was soll da ein siebenminütiger Film beitragen? Ich bestehe darauf, dass »Deine Strasse« nicht politisch, sondern poetisch ist. Und zwar so sehr, dass ich einer Vor­führung des Filmes, die unter dem Titel »Der politische Kurzfilm« laufen sollte, nicht zugestimmt habe und ihn auch nicht als Rahmenprogramm für politische Dis­kus­sionsveran­staltungen zur Verfügung stelle. Dies führt regelmäßig zu Aggressionen – und zwar vornehmlich bei Linken, die es doch eigentlich gut meinen und die mir ­daraufhin ausführlich zu erklären versuchen, dass doch immer alles politisch sei, ganz so, als ob meine Haltung auf mangelnde Bildung ­zurückzuführen wäre. Dabei ist, poetisch zu sein, die radikalste Haltung, die ich als Filmerin einnehmen kann.

Wie sehen Sie das Verhältnis von Aufklärung, Politik und Kunst?

Wir müssen in aller Klarheit festhalten, dass ohne die Initiative linker Kreise viele rassistische Taten noch nicht einmal aufgeklärt worden wären. Ein künstlerisches Nachdenken darüber, was Rassismus ist, interessiert mich aber nicht. Was soll denn da als Antwort herauskommen? Dass Rassismus vielleicht doch nicht so gut ist? »Deine Strasse« hätte seine Berlinale-Teilnahme, den Verkauf an den New Yorker und die Auszeichnung beim Heartland Film Festival, durch die er ins Oscar-Rennen ging, niemals geschafft, wäre er zwar aus politischer Sicht wichtig, aber künstlerisch beliebig. Es war die poetische Kraft, die überzeugte.

Poesie als Gegengewicht zu Politik meint nicht, harmlos und gefällig zu sein. Aber während Politik aufklären, aufzeigen und verändern will, was richtig ist, kann ein Film anders vorgehen. Er muss es sogar, denn ein Film, der sich auf eine Aussage oder Forderung reduzieren lässt, ist ein schlechter Film.

In »Deine Strasse« biete ich dem Publikum keinerlei Erlösung an. Ich möchte, dass man sieben Minuten lang die Absenz des toten Mädchens erträgt, ohne am Ende dafür eine ­Belohnung zu erhalten, weder durch Hoffnung noch durch Erkenntnis­gewinn. Der Versuch, diese Erlösungslücke zu schließen, indem man Diskussionen und Nachbereitungen zum Film anstrebt, ist verständlich – aber egal, wie viel wir reden, leiden und uns schämen, Saime wird davon nicht wieder lebendig. Da bleibt immer eine nicht aushaltbare Leerstelle. Diesen Raum des Unsagbaren zu bespielen, ist Aufgabe der Poesie.

 

Güzin Kar

Güzin Kar, geboren 1967, ist eine mehrfach preisgekrönte Schweizer Filmregisseurin und Drehbuchautorin.