Das Buch »Schiffbruch beim Spagat« persifliert Wirres aus Geist und Gesellschaft

Das tägliche Gewäsch

Dirk Braunstein und Christoph Hesse haben sich den Jargon der Kulturwissenschaften vorgenommen und ein unterhaltsames Glossar zusammengestellt.

In den politischen Debatten der jüngeren Vergangenheit haben Auseinandersetzungen über Sprache eine recht eigentümliche Rolle gespielt. Wenn zwischen Kriegen und Flüchtlingsbewegungen, Erderwärmung und Pandemie noch irgend Platz bleibt, ist »politisch korrekte Sprache«, wie es in meist herabsetzender Absicht genannt wird, stets für einen hitzigen Streit gut, sei es im Feuilleton oder im Freundeskreis. Insbesondere die intersektionalistische Linke scheint Sprachkritik zu einem zentralen Wirkungsfeld er­koren zu haben, angespornt freilich durch die erstaunliche Leidenschaft für Sprachbewahrung, welche sich bei vielen Konservativen Bahn bricht, wenn es etwa das hochheilige Recht zu verteidigen gilt, »Zigeunersauce« zu sagen, ohne sich mit der Frage ­behelligen zu lassen, ob die Einwände gegen diesen Ausdruck nicht vielleicht doch berechtigt sein könnten.

Es ist der Sache nicht angemessen, die neue Begeisterung für Sprachkritik, wie es so manche Traditions­linke tun, mit Verweis auf handfeste Krisen wie die eingangs erwähnten als eitles Gedöns hinzustellen. Das eine gegen das andere auszuspielen, ist ein klassischer Abwehrmechanismus. Politisches Denken kann Sprachkritik nicht als Nebensächlichkeit beiseite schieben, weil es seinem Wesen nach des Mediums der Sprache bedarf. Sprache ist immer geprägt von Wertvorstellungen, die ein genuiner Gegenstand politischer Debatte sind, und sie verleiht zwar keineswegs der Welt, sehr wohl aber unserer Auffassung der Welt eine begriffliche Struktur, die politisch nicht neutral sein kann. Politische Kritik kann daher ohne Sprachkritik nicht auskommen.

Was den derzeit verbreiteten Bemühungen um politisch motivierte Sprachbereinigung und Sprachreform vorzuhalten wäre, ist, dass ihr ein eigentliches Interesse an Sprache völlig abzugehen scheint.

Was den derzeit verbreiteten Bemühungen um politisch motivierte Sprachbereinigung und Sprachreform vorzuhalten wäre, ist nicht eine Vernachlässigung »richtiger« Politik, einer sogenannten neuen Klassenpolitik gar, sondern umgekehrt, dass ihr ein eigentliches Interesse an Sprache völlig abzugehen scheint. Hinzuweisen wäre auf die reiche ­Tradition politischer, zumal linker Sprachkritik, die den heutigen Sprachdebatten weithin inkommensurabel ist – und denn auch der Vergessenheit überantwortet bleibt.

Wenn politische Sprachkritik zu einem bequemen Distinktionsmerkmal im ewigen Kampf zwischen Gut und Böse (lies: Eigengruppe und Fremdgruppe) herunterkommt, ­offenbart sich dies weniger in politischer als in sprachlicher Ignoranz. Das edle politische Ziel dient immerhin der Selbstvergewisserung und Selbsterhöhung, zur Sprache hingegen pflegt, wer so denkt, ein rein ­instrumentelles Verhältnis: Sie erscheint als bloßes Material, das sich beliebig manipulieren zu lassen hat, um die jeweils erwünschten Effekte zu erzielen. Dass man eine Sprache noch längst nicht beherrscht, nur weil man sie spricht, wird selten verstanden. Den Äußerungen und ­Texten aber, die so entstehen, ist es überdeutlich anzumerken.

Besondere Aufmerksamkeit gebührt in diesem Zusammenhang den Geistes- und Kulturwissenschaften, denen es zukommt, zur Pflege, Reflexion, Kritik und Weiterentwicklung der Sprache beizutragen. Freilich war der Ruf der Geisteswissenschaft schon immer zwiespältig. Vorwürfe der Unverständlichkeit, des Jargons, der rhetorischen Scharlatanerie, der Dampfplauderei gibt es so lange, wie es Gelehrte gibt. Auch wer jeglichem Antiintellektualismus abgeneigt ist, wird zugeben, dass solche Vorwürfe oft begründet sind und von einer Versuchung zeugen, die von den Ambitionen der Geisteswissenschaft kaum zu trennen ist.

Dirk Braunstein und Christoph Hesse haben diesbezüglich, so darf man annehmen, im Lauf ihrer aka­demischen Karrieren viel erdulden müssen. Glücklicherweise wussten sie ihr Leid fruchtbar zu machen und haben einige hundert Stichwörter zusammengetragen, die heutzutage an geisteswissenschaftlichen In­stituten und anderswo, wo gern geschwurbelt wird, gängig sind. Die den Stichwörtern beigefügten Ausführungen – selten länger als zwei Seiten – erheben ihrerseits keinen gelehrten Anspruch, sondern dienen, so kann man wohl sagen, der Aufklärung durch Satire sowie der ­Erbauung von Leidensgenossen. Die Zitate, die zeigen, was sich mit den für sich genommen nicht selten unscheinbaren Ausdrücken anrichten lässt, werden prinzipiell ohne Quellenangabe präsentiert, auch Namen werden nicht genannt, denn, so ­schreiben die Autoren im Vorwort: »Für diese ohnehin alles menschenmögliche Verständnis überfordernde Sprache wollen wir niemanden persönlich haftbar machen.«

So geht es von A wie »adressieren« (»Im Zusammenspiel der begrifflich-konzeptionellen und empirisch-explikativen Analysen können weitere ­Aspekte der Fragestellung adressiert werden«; siehe auch unter »Fragestellung«) bis Z wie »zwischen« (beliebt in Titeln, zum Beispiel: »Zwischen Präzision und Unbestimmtheit: Die Kraft der Konstellation«; siehe auch unter »Konstellation«) munter querfeldein, stets die Eindruck schindende Floskel, die wildgewordene Metaphorik, den hinter dem Wortgeklingel verborgenen Unsinn bloßstellend und dem Mysterium nachspürend, dass in den fraglichen Kreisen »Sprache, je verwirrter sie ist und je weniger ein Wort in ihr zu bedeuten hat, nur desto besser verstanden« zu werden scheint.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solches Buch weniger zum Durchlesen am Stück als zum Schmökern in kleinen Portionen oder zum Herumblättern nach Lust und Laune geeignet ist. Der Spott der Autoren lebt nicht von irgendjemandes Erniedrigung, sondern davon, wie leicht sprachliches Brimborium Gedankenlosigkeit überdeckt und selbst begünstigt. Auch sonst vermeiden die Autoren, gewappnet mit ausreichend Selbstironie, die Gefahren des Formats recht erfolgreich. Schließlich kann Polemik allzu leicht billig, können an sich berechtigte Einwände formelhaft und untriftig werden.

Einen gewissen Kontrast dazu bietet das Nachwort von Eckhard Henscheid. Der hat eine zehn Seiten lange Persiflage von Schwurbelsprache abgeliefert, die sich leider nur liest wie zehn Seiten nachgeäffte Schwurbelsprache – und ebenso ermüdet, weil sie weitgehend witzlos daherkommt und auch nichts mitzuteilen weiß.

Erschienen ist das Buch unter dem passenden Titel »Schiffbruch beim Spagat«, als erster Band einer von den Autoren geplanten Reihe »Wirres aus Geist und Gesellschaft«. Hinweise darauf, wie diese fortgesetzt werden soll, werden nicht gegeben; zu hoffen ist auf eine theoretische Durchdringung, auf ausführlichere Überlegungen über die Ursachen und die Implikationen des sinnentleerten, im wahrsten Sinne des Wortes begriffs­losen Sprachgebrauchs, den »Schiffbruch beim Spagat« so unterhaltsam dokumentiert. Denn abgesehen vom Nachwort ist der größte Mangel des vorliegenden Bands, dass das sehr lesenswerte Vorwort zu kurz ist.

Braunsteins und Hesses Buch ist allen ans Herz zu legen, die unter den sprachlichen Zumutungen heutiger geisteswissenschaftlicher oder gesellschaftskritischer Texte leiden – und mehr noch jenen, die solche Texte verfassen. Denn es regt mit humoristischen Mitteln dazu an, ­genau das zu tun, was ansonsten zwar oft beansprucht, aber selten eingelöst wird: sich kritisch mit Sprache auseinanderzusetzen.

Dirk Braunstein und Christoph Hesse: Schiffbruch beim Spagat. Wirres aus Geist und Gesellschaft, Ça-ira-Verlag, Freiburg und Wien 2021, 176 Seiten, 20 Euro