Paul Schraders neuer Film »The Card Counter«

Bluff ohne Ausweg

Paul Schraders Filme haben sich schon immer dadurch ausgezeichnet, von der transzendentalen Obdachlosigkeit der US-Amerikaner zu erzählen. In »The Card Counter« treibt er dies auf die Spitze und zeigt die Casinos der Vereinigten Staaten in all ihrer Trostlosigkeit.

Auf seinem Oberarm prangt ein Tattoo aus zwei verschränkten Sternenbannern, auf den Schultern ist ein breiter Schriftzug eingestochen: »I trust my life to providence, I trust my soul to grace«. Das Leben der Vorsehung anvertrauen, auf dass die Seele Gnade finden möge, das steht auf dem Rücken von Schauspieler Oscar Isaac, der in Paul Schraders jüngstem Film »The Card Counter« die Figur William Tell spielt, einen ehemaligen US-Soldaten, der in Abu Ghraib folterte und für seine Ver­brechen schließlich in den Knast wanderte. Seit seiner Entlassung tingelt er durch die Casinos der USA, nimmt seinen Mitspielern magere Gewinne ab und zieht weiter. Er schreibt Tagebuch und steigt in billigen Motels ab, deren Interieur er mit weißem Stoff überdeckt. Seine Tätowierungen erzählen unweigerlich von dem Trauma, das mit ihrer Verewigung einherging. Tell führt ein Leben im Büßergewand.

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Das ändert sich, als er den jungen Cirk (Tye Sheridan) trifft und La Linda (Tiffany Haddish), die Spieler sponsert. Sie möchte Tell bei den großen Pokerturnieren einsetzen. Cirk, dessen Vater ebenfalls in Abu Ghraib folterte, hegt hingegen einen mörderischen Racheplan, für den er Tell gewinnen möchte. Cirk hat den Hauptschuldigen im Folterskandal, den Major John Gordo (Willem Dafoe), aufgespürt, der im Gegensatz zu Tell und Cirks Vater straffrei davonkam. Der unglückliche Wilhelm Tell muss sich nun entscheiden, wie er seiner Vergangenheit begegnen möchte. Weiter büßen, sich rächen oder Verantwortung übernehmen?

Der Exzess ist in »The Card Counter« zwar allgegenwärtig, aber als exzessiv fordernder Alltag. Es sind Studienschulden, Opioidsucht und posttraumatische Belastungsstörungen, die die Menschen zum Amüsierbetrieb drängen.

Das ist pures Kino nach Paul Schrader, dessen Filme stets von der transzendentalen Obdachlosigkeit in den Vereinigten Staaten erzählen. In einer streng protestantischen Familie in Michigan aufgewachsen, flüch­tete sich Schrader in den Sechzigern ins Kino und die linke Gegenkultur. Er wurde Protegé der Filmkritikerin Pauline Kael und begann, selbst zu schreiben. Erst Kritiken, dann 1972 ein filmwissenschaftliches Standardwerk mit dem Titel »Transcendental Style in Film: Ozu, Bresson, Dreyer«, schließlich eigene Drehbücher, etwa zu Sydney Pollacks »The Yakuza« von 1974 und Martin Scorseses »Taxi Driver« von 1976, die ihm schließlich eine Regiekarriere ermöglichten.

Auch wenn Schrader nie müde wird zu betonen, wie prägend die Enge und Kargheit seines christlichen Elternhauses für ihn war, breitet er in seinen Filmen weniger einen religiösen als einen politischen Messianismus aus. Das Leben seiner Protagonisten ist beschädigt, ihr Alltag ist von Stillstand und Ziellosigkeit bestimmt, bis sich die schwelende Erwartung radikaler Veränderung Bahn bricht. »Blue Collar« von 1978, sein Regie­debüt über Arbeiter in den Autowerken von Detroit, habe bei vielen Intellektuellen den Status eines genuin marxistischen Hollywood-Films erreicht, wie der Filmkritiker Andrew Sarris einmal schrieb. Schrader verbat sich solche Zuschreibungen, gab aber zu, dass sein Script ihn auf ­natürliche Weise zu »marxistischen Schlussfolgerungen« geführt habe.

Er sollte diesem Prinzip in vielen Filmen thematisch treu bleiben. Seine Stoffe sind bevölkert mit Antihelden des US-amerikanischen Alltags auf Erlösungsodyssee: Vietnam-Veteranen, die Taxifahrer werden, überarbeitete Rettungssanitäter, emporgekommene Callboys oder alternde Drogendealer, die alle einer Veränderung ihrer Lebensverhältnisse harren. Glücksspiel bedeute zu warten, sagt William Tell einmal im Voice-over, warten, bis plötzlich etwas passiert.

Tatsächlich ist »The Card Counter« nur insofern ein Film übers Glücksspiel, als dass sich am Kartentisch jeder verstellen muss. Nicht entzifferbare Mienen, unwägbare Blätter auf der Hand, die Vergangenheit abstreifen, sich ein neues Gesicht zulegen, so reüssiert man beim Poker oder Black Jack. Es gibt einen aufstrebenden Spielerkönig im Film, scheinbar Tells Nemesis, einen ukrainischen Einwanderer, der als »USA! USA!« rufender Hurra-Patriot durch die Casinos stolziert. Hier die Verheißung der Einwanderernation und dort die USA, die sich politisch versündigt haben. Man mag hier einen allegorischen Dualismus ausmachen, von den guten und den schlechten Ver­einigten Staaten. Doch so recht geht das nicht auf und so einfach will es sich der Film auch gar nicht machen. Als sich die beiden irgendwann beim Spielen gegenübersitzen, gibt es keinen Showdown, der Film nimmt plötzlich eine Abzweigung.

Auch die titelgebende Technik des Kartenzählens spielt gar keine so entscheidende Rolle. Geht es beim Kartenzählen im Black Jack darum, anhand der bereits gespielten Karten durch logisches Kombinieren abzuschätzen, ob weitere Einsätze sicher genug sind, verfolgt der Film alsbald eine entgegengesetzte Strategie. Der Spielersoziolekt spricht beim Poker von »full tilt«, wenn mittels waghalsiger Einsätze versucht wird, bereits erlittene Verluste möglichst schnell wieder wettzumachen. »Any man can tilt«, jeder kann kippen, sagt William Tell an einer Stelle. Da hat er schon ein Paar medizinischer Handschuhe übergestreift und eine Tasche voller Folterwerkzeuge neben sich. Tells Feststellung gilt in »The Card Counter« nicht nur für den ­Casinotisch, sondern gewissermaßen für das gesamte gesellschaftliche Leben, das Schrader in alarmierender Erosion begriffen zeigt.

Dafür muss das Casino nicht als bloße Metapher herhalten: Schrader verfährt bei seinen filmischen Raumkonstruktionen mit grimmigem Ernst. Fensterlos sind die Flure, und die Spielsäle, in Beige- und Grau­tönen gehalten, scheinen keinen Ausweg zu haben. Wo das Casino endet, schließt ein Bistro mit der gleichen Wandfarbe an, ein Mall-Komplex, eine Waffenmesse und der Moteltrakt. Diesen Räumen geht jeglicher Glanz ab, den etwa Martin Scorseses »Casino« von 1995 als Abgesang auf die Glücksspielmetropole Las Vegas exzessiv inszenierte.

Hier halten nicht das Showbusiness und das organisierte Verbrechen Hof, sondern die Unter- und Mittelklasse. Der Exzess ist in »The Card Counter« zwar allgegenwärtig, aber als exzessiv fordernder Alltag. Es sind Studienschulden, Opioidsucht und posttraumatische Belastungsstörungen, die die Menschen zum Amüsierbetrieb der Casinos drängen.

Was ihnen dort an Amüsement ­geboten wird, ist hohl, gegenstands- und alternativlos geworden, in dem Sinne, dass darin keine Außenseite und kein Gegenentwurf zum Alltag der Menschen aufscheinen kann. Die Außenaufnahmen schaffen kaum freie Perspektive, reduzieren sich auf die Casinofassaden, Zubringer zum Freeway und Parkplätze.

Natürlich ist es nur eine Frage der Zeit, bis solche strengen Komposi­tionen kollabieren. Der Name William Tell, den sich der Protagonist selbst gegeben hat, ist ein sinistres Omen nach dem Motto »Time will tell«. ­Irgendwann bricht sich die Vergangenheit unerbittlich Bahn. Es gibt eine Rückblende zur Folter in Abu Ghraib, deren perspektivische Ver­zerrung das Explizite zwar mindert, der Szene aber nichts von ihrer Schockwirkung nimmt. Alles Verdrängte kehrt irgendwann zurück, bis ins private Heim.

Es ist eine Eigenart von Paul Schraders Alterswerk, um ein Vielfaches kälter und kompromissloser zu sein als manche seiner früheren Filme und es einem Massenpublikum nicht unbedingt leicht zu machen. Vielleicht deswegen, weil Schrader selbst das Filmemachen niemals leicht ­gemacht wurde, er seine Filme wiederholt gegen erbitterte Widerstände von Produzentenseite verteidigen musste. Hatte Schrader einen Film, den er drehen wollte, schließlich durchgesetzt, wussten die Verantwortlichen oft nicht, wie sie ihn adäquat vermarkten sollten. Auch hier verspricht der Trailer einen ganz anderen Film, als »The Card Counter« eigentlich ist: kein fiebriger Casino-Thriller, sondern ein kaltes Drama über ein US-Amerika abseits der großen Me­tropolen, das sich nach politischer wie ökonomischer Veränderung und einem neuen Selbstverständnis sehnt.

Es ist ein Drama, dessen Beklemmung und Schockwirkung dennoch Raum für eine Handvoll Momente von befreiender Schönheit lassen. William Tells Tätowierung »I trust my life to providence, I trust my soul to grace« ist dem Soundtrack von »Light Sleeper« aus dem Jahre 1992 entlehnt, Schraders wohl romantischstem Film. Die letzte Einstellung in »The Card Counter« zitiert hingegen Robert Bressons »Pickpocket« von 1959. Auf dessen Ende hat Schrader bereits in einigen seiner Filme an­gespielt. Nicht ohne Grund, trifft es doch, was seinen Kino-Messianismus im Kern ausmacht: Man wartet, dass etwas passiert und alles sich plötzlich verändert.

The Card Counter (USA 2021). Buch und ­Regie: Paul Schrader. Darsteller: Oscar Isaac, Tiffany Haddish, Tye Sheridan, ­Willem Dafoe. Filmstart: 3. März