Hannes Þór Halldórsson, ehemals Torhüter des isländischen Nationalteams, hat eine Actionkomödie gedreht

Ohne Schafzüchter, dafür mit Fußballerinnen

Mit »Cop Secret« kommt der erste Spielfilm von Hannes Þór Halldórsson, dem ehemaligen Torhüter der isländischen Nationalmannschaft, in die deutschen Kinos.

Reykjavik ist auch nicht mehr das, was es mal war. Oder, wie es der saufende und prügelnde Polizist Bússi ausdrückt: »Reykjavik ist keine unschuldige Kleinstadt mehr.« Die isländische Hauptstadt ist ein Sündenpfuhl, schlimmer als Las Vegas und Chicago zusammen. Bússi raunt: »Niemand ist unschuldig in dieser gottverdammten Stadt.«

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Hier werden in Serie Banken überfallen, harmlose Radio-DJs von Psychopathen gemeuchelt, Cops rasen in Sportwagen über die einzige Landstraße und liefern sich Verfolgungsjagden mit marodierenden Frauen auf Motorrädern, und wer nichtsahnend ins Fußballstadion geht, kann schon mal von der Bombe einer Weltverschwörungsbande in die Luft gejagt werden – wenn nicht die Polizei zur Stelle wäre und in letzter Sekunde entschärft hätte.

Natürlich ist Reykjavik immer noch eine ziemlich unschuldige Kleinstadt. Die Actionsatire »Cop Secret« tut aber zumindest mal so, als sei sie zwischen Killern und Superbullen umkämpft. Regie geführt hat der Mann, der bis zum Frühjahr Torhüter der isländischen Nationalelf war – Hannes Þór Halldórsson. Der einstige Fußballstar hat mit seinem Regiedebüt gleich einen der erfolgreichsten isländischen Filme aller Zeiten gedreht. Und will sich jetzt ganz aufs Kino konzentrieren.

»Teilweise musste ich während der Drehpausen zum Training oder, wenn ich von einem internationalen Spiel zurückkam, direkt ans Set.« Hannes Thór Halldórsson, früher isländischer Torwart, jetzt Regisseur

Wenn die isländische Nationalelf der Männer in einem Länderspiel zu sehen ist, haben deutsche Fernsehkommentatoren und -kommentatorinnen stets ihre helle Freude daran, zu erzählen, was einige dieser Typen im Hauptberuf machen. Schließlich wirkt es arg niedlich, wenn zum Beispiel Bayern-Profi Thomas Müller gegen einen Tischler antritt. Das Halbprofiland Island wird dafür belächelt wie gefeiert, am allermeisten bei der EM 2016, als auch Hannes Þór Halldórsson zwischen den Pfosten stand und das Team bis ins Viertelfinale kam. Beim WM-Debüt 2018 hielt Halldórsson einen Elfmeter von Lionel Messi, der größte Moment seiner Karriere. Bei beiden Turnieren war er, wie viele andere seiner Mitspieler, allerdings längst Vollprofi.

Dass die isländischen Frauen wesentlich erfolgreicher sind, ist in der deutschen Öffentlichkeit weniger bekannt. Mit Sara Björk Gunnarsdóttir von der Champions-League-Siegerin Olympique Lyon oder Sveindís Jane Jónsdóttir vom deutschen Meister VfL Wolfsburg stammen zwei der besten Spielerinnen der Welt von der Insel. Beide kommen übrigens im Film vor, aber dazu später mehr.

Dass das Halbprofitum große Vorzüge hat, zeigt derweil Halldórssons Geschichte. Der war nämlich lange Zeit nebenbei Werbefilmer. Er hat sogar mal ein Video für den isländischen Beitrag zum Eurovision Song Contest 2012 aufgenommen. Erst re­lativ spät gab der Torwart das Filmen aufgrund von Zeitmangel auf. Als sich seine Fußballkarriere dem Ende zuneigte, fiel Halldórsson nicht in das bei vielen Kollegen übliche Loch – sein Kinodebüt stand schließlich an.

Gedreht hatte er »Cop Secret« teilweise noch während der spielfreien Zeit als Torhüter, teilweise während der Saison, auch das Drehbuch entstand, als er noch Spieler war. »Der Dreh war nicht leicht, er hat mich viel Energie gekostet«, so Halldórsson beim Locarno Film Festival, wo der Film für den Goldenen Leoparden nominiert wurde. »Teilweise musste ich zwischen den Drehpausen zum Training oder, wenn ich von einem internationalen Spiel zurückkam, ­direkt ans Set.«

Der Stress hat sich offenbar gelohnt. Nach einer Spitzenkarriere fällt es vielen Ex-Profis schwer, ihr Leben mit Sinn zu füllen und den Rausch des Spieltags zu ersetzen. Dem NDR sagte der Halldórsson: »Was vielen Profis danach fehlt, ist dieser Adrenalin-Kick nach einem großen Match. Besonders die Euphorie nach Siegen, die man kaum beschreiben kann.« Die wenigen Male, die er bislang in vollen Kinos mit »Cop Secret« gesessen und anhand der Reaktionen des Publikums gespürt habe, dass die Leute sein Werk mögen, dass der Film funktioniere, hätten »ein ähn­liches Glücksgefühl wie ein Abpfiff des Schiedsrichters zum Sieg der eigenen Mannschaft« ausgelöst. »Man ist voller Adrenalin, voller Emotionen im Kino.«

Eine neue Berufung also. Von 2014 bis 2019 war Halldórsson, der die Hoffnung auf eine Profikarriere wegen einer hartnäckigen Schulter­verletzung eigentlich schon aufgegeben hatte, doch noch nur Fußballer. Er spielte in Island, in Dänemark, in Norwegen und, was für seine Abenteuerlust spricht, kurzzeitig in Aserbaidschan.

Auch bei »Cop Secret« wollte er vieles, nur nicht konventionell sein. So steht im Zentrum der Story um die beiden superharten Polizisten in Reykjavik eine homosexuelle Liebesgeschichte: Der harte Bulle Bússi verliebt sich in den Kollegen und beruflichen Rivalen Hörður. Um das zuzulassen, muss Bússi seine Vorstellung von Männlichkeit hinterfragen. Eine interessante Idee des Regisseurs, der aus der homophoben Fußballerblase kommt. Am Schluss, als alle Bösen erledigt sind, wohnen die beiden Cops cheesy und glücklich mit Adoptivtochter in einem bonzigen Haus.

Offenbar gefiel dem Torhüter die Idee, das Macho-Genre Action auf den Kopf zu stellen – und es auch in Island selbst gegen die Erwartungen zu durchzuspielen. Hannes Þór Halldórsson wollte ganz bewusst nicht noch einen Film machen, in dem es um Klischees isländischer Idylle geht oder der Krimi-Plot darin besteht, dass »ein Bauer oder Schafzüchter jemandem Geld schuldet«. Das isländische Publikum sei von solchen Geschichten ermüdet. »Auch ich als Kinogänger und Kind der neunziger Jahre, der mit Hollywood-Filmen aufgewachsen ist, wollte Action-­Kino aus unserem Land sehen. Wir wollten im besten Sinne gutes Unterhaltungskino für das isländische Publikum machen, das vor allem ­Kinofans bei uns zum Lachen bringt.«

Unerwartet gelang das auch im Ausland, am 23. Juni läuft der Film in Deutschland im Kino an. Die Ideen allerdings klingen leider besser, als der Film selbst dann ist. Bei dem hakt es doch an vielem. Zu selten zünden die Gags, zu vorhersehbar bleibt die Geschichte über einen Bösewicht mit Ultra-Computervirus und zwei taffe Cops, die sich vor allem damit begnügt, US-amerikanische Vorbilder zu zitieren, zu unentschlossen eiert der Film zwischen trashiger Blödelei und ernster Coming-out-Erzählung.

Heraus kommt die nicht eben neue Figur des homophoben Arschlochs, das sich als schwul entpuppt, angereichert mit Dynamit und den spätestens seit »Deadpool« auch nicht mehr ganz taufrischen ironischen Zitaten des eigenen Genres (»Das ist jetzt wie bei ›Stirb Langsam‹«, sagt eine Figur). »›Die nackte Kanone‹ auf Isländisch«, so wird der Streifen beworben – dafür reicht es dann doch nicht.

Immerhin, ein paar interessante Twists gibt es. Einer davon: Das isländische Nationalteam der Frauen bekommt zum Höhepunkt des Films einen Auftritt. Im fiktiven entscheidenden Qualifikationsspiel gegen England siegen die Isländerinnen dank Gunnarsdóttir und Jónsdóttir vor tosender Menge, während der Bösewicht mit seinem Plan scheitert, das Stadion in die Luft zu jagen.

Diese achselzuckende Heroisierung statt Problematisierung des Frauenfußballs ist ziemlich gut. Und mehr als ein Gimmick, wie Halldórsson in Locarno bestätigte. »Das Frauenteam ist wichtig. Sie haben viel interna­tionalen Erfolg, den hatten sie schon vor den Männern, und man neigt dazu, das zu vergessen. Das Frauenteam einzubringen, war ein Gegengewicht zur Macho-Seite des Films.« Eine progressive Einstellung, die dem Fußball insgesamt guttäte.

Die isländischen Zuschauer und Zuschauerinnen freuen sich derweil, dass die Polizisten in einem heimischen Film auch mal schießen, keine verschuldeten Bauern auftreten und Reykjavik so richtig verrucht ist. Oder, um es mit Bússi zu sagen: »Gottverdammtes Reykjavik.«

Cop Secret (Island 2021). Regie: Hannes Þór Halldórsson, Darsteller: Auðunn Blöndal, Egill Einarsson, Steinunn Ólína Þorsteinsdóttir. Kinostart: 23. Juni