Max Linz’ Film »L’état et moi« überzeugt mit anarchischem Humor

Komponisten, Kommunisten und Juristen

Max Linz’ dritter Film »L’état et moi« widmet sich der Genese des deutschen Strafrechts – und zeigt Sophie Rois in einer unfassbar komischen Doppelrolle.

Im frisch wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss erwacht plötzlich ein Exponat zum Leben. Es ist der Komponist Hans List, gespielt von Sophie Rois, der als Zeitreisender aus der Pariser Commune in Max Linz’ neuem Film »L’état et moi« in die Gegenwart geholt wird. Der Regisseur, Drehbuchautor, DFFB-Absolvent und Filmwissenschaftler hat schon in den vergangenen Jahren vor allem auf der Berlinale mit seinen exzentrischen Arbeiten, die zwischen Theorie und Klamauk tänzeln, von sich reden gemacht. Oft mit überschaubaren Mitteln drehend, spart Linz nie an Skurrilität. Diesmal ist es eine verwirrende Doppelgänger-Komödie mit einem Hauch Staatskritik geworden.

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Nicht viel Zeit vergeht, bis Hans List, wegen einer Lappalie als Staatsfeind verdächtigt, in Untersuchungshaft landet. Damit beginnt eine bizarre Berg-und-Tal-Fahrt durch die deutschen Justizbehörden. Slapstickhaft reihen sich Fall und Zufall anein­ander. Immer wieder muss die Richterin Josephine Praetorius-Camusot (ebenfalls Sophie Rois) List aufgrund fehlender Beweise freisprechen. Die Doppelgänger erkennen einander nicht, die Vergangenheit des Angeklagten scheint unglaubwürdig, aber allmählich erhärtet sich ein Verdacht.

Regisseur Linz hält mit seinen Inspirationsquellen nicht hinter dem Berg. Seine Figuren bewegen sich in einem buntscheckigen Kosmos aus Anspielungen.

Die Staatsoper bietet List daraufhin Unterschlupf. Kurzerhand findet er sich, engagiert als Komparse für das Stück »Die Elenden«, auf der Bühne wieder. Ein bisschen Liebe und Sinnlichkeit darf derweil nicht fehlen. So umgarnt der ungelenke Rechtsreferendar Yushi Lewis (Jeremy Mockridge) die Cellistin und Patentochter von Praetorius-Camusot, Céline (Martha Mechow). Im Glanz der Premierenfeier an der Oper kommt schließlich das Verwirrspiel durch einen Trick wie aus der Stummfilmzeit zu seinem Höhepunkt.

Regisseur Linz verschweigt seine Inspirationsquellen nicht. Seine Figuren bewegen sich in einem buntscheckigen Kosmos aus Anspielungen, der manchmal mehr an ein Stück von René Pollesch oder eine wilde Mischung aus Filmen von Jerry Lewis, Jean-Marie Straub und Danièle Huillet erinnert. Das ist angesichts seines Schauspielerensembles naheliegend und berauschend anzusehen.

Manchmal drängt sich aber doch die Frage auf, ob Linz nun fröhlich mit Verweisen um sich wirft oder vielleicht gar nicht anders kann, als beispielsweise den Gerichtsdiener Zitate der Filmwissenschaftlerin Oksana Bulgakowa über Sergej Eisenstein, den Revolutionsfilm-Pionier, in die Kamera lesen zu lassen. Trotzdem weicht der Film gekonnt den banalen politisch Parolen und ästhetischen Klischees aus, wie man sie vielleicht aus dem gegenwärtigen Diskurskino kennt. Kaum angestrengt, auf eine verschmitzt-lächelnde Weise gelang Linz dies schon in seinen vorhergehenden Filmen, nämlich in »Weitermachen Sanssouci« von 2019 über die Durchrationalisierung des Wissenschaftsbetriebs, und in »Ich will mich nicht künstlich aufregen« von 2014 über die haarsträubenden ­Bedingungen im Kunstförderwesen.

Linz hat ein Faible dafür, immer wieder dieselben Schauspielerinnen und Schauspieler zu besetzen, am meisten wohl die Theaterwissenschaftlerin Sarah Ralfs. Auch andere Dinge wiederholen sich in seinen ­Filmen: Der Gestus ist immer ähnlich, und die Charaktere, die er porträtiert, dürften nicht nur aus seinem eigenen Milieu stammen, sondern auch repräsentativ für sein Publikum sein, das sich wohl bevorzugt aus Akademikern, genauer: Geisteswissenschaftlern zusammensetzt. Anlässlich von »Weitermachen Sanssouci« erschien in der Zeitschrift für ­Medienwissenschaft ein Gespräch zwischen ihm und der Medienwissenschaftlerin Brigitte Weingart, in dem es auch um die Institution Universität ging.

Linz führte darin aus, dass Filme allgemein dazu neigen würden, In­stitutionen gar nicht zu zeigen oder sie lediglich als austauschbare Szenenbilder zu benutzen. Er aber wolle stattdessen das Leben in den Institutionen und ihre Geschichte zeigen, wobei er sich einen ironisch-distanzierten Blick vorbehält. Wie Menschen sich gegen ihr Schicksal sträuben, Anhängsel von Institutionen zu sein, verstehen seine Filme, mit anarchischen Witz zu karikieren.

Im Vergleich zu den beiden vorangegangen Filmen zieht »L’état et moi« hier alle Register und verleiht den Figuren besonders humorvoll Ambivalenz. Eigentlich geht es um nicht weniger als die Genese des deutschen Strafrechts. Anstatt vom Juristensozialismus zu träumen, schlägt Linz’ Film jedoch sogleich ins Karnevaleske um. Wer Kommunist und wer Komponist ist, lässt sich schon phonetisch nur schwer aus­einanderhalten. Auch Sophie Rois’ Doppelrolle liegt diese phonetische Uneindeutigkeit zugrunde: Die Figur Hans spielt auf den Komponisten Franz Liszt an, die Richterin Josephine wiederum auf den liberalen preußischen Strafrechtsprofessor Franz von Liszt.

Wenn man Max Linz danach fragt, was sich im deutschen Film tut, wie bei der gleichnamigen Veranstaltung im Mai 2022 am Deutschen Filmmuseum in Frankfurt am Main, dann spricht aus ihm ein gewisses Unbehagen. Dennoch: Alexander Kluge, selbst Jurist und einer der Väter des deutschen Filmförderwesens, sei ­neben anderen Vertretern des sogenannten Neuen Deutschen Films für ihn ein wichtiger Bezugspunkt für seine Weise, Filme zu machen. Er meint damit wohl, eine eigene Form außerhalb des schnöden Unterhaltungsschemas zu erarbeiten, und lässt mit dieser Herangehensweise auch an die Filmemacher Julian Radlmaier oder Susanne Heinrich denken. Das Anliegen von »L’état et moi«, so Linz bei der Veranstaltung weiter, bestehe im Gegensatz zum Gros des deutschen Kinos darin, ­etwas zu vermitteln, das alle – also nicht nur Deutsche – angehe.

Im Film hält der schmierigen Staatsanwalt Donnerstrunkhausen (Hauke Heumann) nach der Opernpremiere fest, dass Kunst auch nicht zum Platzhalter des Politischen geraten dürfe. Ein Satz nicht weniger deutsch als der Ruf nach erlösender politischer Kunst. Womöglich zeigt Max Linz’ Film mit seiner grotesken Maßlosigkeit, die keine Blödelei auslässt, selbst am besten, dass es mehr gibt als diese Alternative.

Mit Brecht’scher Lakonik und einem khakifarbenen Vorhang ist am Ende auch der sterile Gerichtssaal wieder zum Theater geworden: Für einen Moment ist alles schreiend ­komisch, wenig später fragt man sich, warum überhaupt. Sophie Rois in Doppelfunktion und Bernhard Schütz als umtriebiger Schupo Detlev D. Detlevsen tragen durch ihr wunderbar aufbrausendes Spiel tatkräftig dazu bei: mal stolzierend, mal stolpernd, dann wieder großschnäuzig direkt in die Kamera.

Wie gewohnt fangen die Bilder des Kameramanns Markus Koob solche Szenen mit formstrenger Ka­drierung, aber dennoch nonchalanter Ausgestaltung ein. Man muss nicht mitlachen, um diesen Film zu mögen, schaden tut es aber auch nicht. Es braucht dazu auch kein abgeschlossenes Filmwissenschaftsstudium. Max Linz schwirrt auf eigenwillige Weise – lustvoll, aber nie aufdringlich – zwischen Gegenwart, Geschichte und Märchen herum. Und als solch ein wandelnder Anachronismus ist »L’état et moi« hinreißend modern.

L’état et moi (D 2022). Buch und Regie: Max Linz. Darsteller: Sophie Rois, Jeremy Mockridge, Martha Mechow, Bernhard Schütz. Bereits angelaufen.