Ulrich Seidls neuer Film »Rimini« und die Kritik an seinen Methoden

Schmelzende Oberflächen

Jüngst sah sich der österreichische Filmemacher Ulrich Seidl erschütternden Vorwürfen in Bezug auf die Dreharbeiten zu »Sparta« ausgesetzt, dem zweiten Teil seines neuen Film-Diptychons. Nun kommt »Rimini« in die Kinos, der erste Teil, in dem ein alter Schlagerstar versucht, an den Glanz vergangener Zeiten anzuknüpfen.

Die Nachricht klingt wie ausgedacht, war aber nicht allzu überraschend: Ulrich Seidl hat einen Zweiteiler gedreht, der von den Geistern der Vergangenheit erzählt – und nun wurde er selbst von solchen eingeholt. Kurz vor der mittlerweile abgesagten Weltpremiere seines neuen Films »Sparta« beim Toronto International Film Festival erschien Anfang September im Spiegel ein Artikel inklusive Zeugenbericht, dessen Ausschmückungen zuweilen zwar etwas vehement auf Mitleidsaffekte zielen, dessen Vorwürfe jedoch ernst zu nehmen und gravierend sind.

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In dem Text, der von den Dreharbeiten zu »Sparta« Ende 2019 handelt, werfen minderjährige Laiendarsteller und deren Eltern dem Team mangelndes Verantwortungsbewusstsein vor. Es werden Situationen beschrieben, in denen Kinder ohne hinreichende Vorbereitung und Zustimmung der Eltern mit Alkoholismus, Gewalt und Nacktheit konfrontiert wurden. Zudem wird Seidl ein Casting-Verfahren vorgeworfen, dass im Dürsten nach Authentizität eine Retraumatisierung von Laiendarstellern in Kauf nimmt. So soll bewusst ein Kind mit alkoholkrankem Vater gesucht worden sein, um den Konflikt in einer Szene auf die Spitze zu treiben. Außerdem sollen die Beteiligten im Unklaren darüber gelassen worden sein, dass es im Film auch um die pädophile Neigung der Hauptfigur geht. Grundsätzlich ist es nicht ungewöhnlich, dass Teile des Inhalts nicht offengelegt werden, bei einem derart sensiblen Thema bleibt Transparenz jedoch unabdingbar.

 In »Rimini« fließen viele Themen und Motive zusammen, die Seidl schon lange bearbeitet.

Mittlerweile hat die österreichische Wochenzeitung Falter neue Vorwürfe veröffentlicht und die bereits erhobenen bekräftigt, dieses mal aber waren Mitglieder des Filmteams die Quelle. Andere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die beim Dreh anwesend waren, widersprechen allerdings. Die zuständigen rumänischen Behörden haben Ermittlungen eingeleitet.

Die Vorwürfe erscheinen zunächst glaubhaft, weil sie sich mit dem öffentlichen Bild von Seidls Methode decken. Häufig arbeitet er ohne Script, hält Informationen zurück, um beim Dreh zwischen Laien und Schauspielern »echte« Emotionen entstehen zu lassen, lässt dazu auch mal geduldig die Kamera zehn Minuten laufen und erteilt spontan Anweisungen. In dem Dokumentarfilm »Ulrich Seidl und die bösen Buben« (2014), der die Arbeitsweise des Regisseurs behandelt, werden manche Praktiken gezeigt. Zwei Laiendarstellerinnen stehen am Kickertisch, doch die Szene ist Seidl für seinen Film »Im Keller« (2014) zu öde. Also weist seine Regieassistentin die Frauen an, im ­Bikini zu kickern. Nach kurzem irritiertem Zögern ist eine der Protagonistinnen bereit, sich zu entkleiden, die andere wird ausgetauscht. In einer anderen Szene, die das Sexleben einer jungen Frau im Keller abbildet, betont Seidl: »Im Käfig nur nackert.« Seidls Eingriffe sind dazu da, Irritation und Drastik zu stiften. Wer in seinen Filmen mitspielt, lässt sich auf seine Versuchsanordnung ein; jedoch scheint es plausibel, dass diese Methode insbesondere dann schnell an ihre ethische Grenze gerät, wenn Kinder involviert sind. Je grenzwertiger die Szene, desto geschützter müssen die Rahmenbedingungen sein.

Die deutsche Filmkritik reagierte erwartungsgemäß gespalten. Die einen blickten mit besonders prüfendem Auge auf die Methode Seidls und gelangten zu dem Schluss, dass sein Werk bereits vorhandene Missstände bestätige, sie »aufbrezeln« würde oder »schlimmstenfalls einen kolonialen, klassistischen, sexistischen Blick« reproduziere. Andere sahen in diesen Urteilen einen »ästhetischen Schauprozess« und bezeichneten den Spiegel-Artikel als »Dokument journalistischer Unredlichkeit«. Ähnlich wie Seidl selbst plädierten seine Verteidiger dafür, den Film für sich sprechen zu lassen. Eine eher abwegige Forderung, schließlich ging es nie um die Qualität des Films, sondern einzig um die Dreharbeiten. In dieser Phase sollen Grenzen in einer Weise überschritten worden sein, die kein filmisches Endprodukt rechtfertigt.

Seidls Stellungnahme war leider kaum aufschlussreich. Statt auf die Vorwürfe einzugehen, versuchte er, den Artikel zu delegitimieren. Mittlerweile hat Seidl nach wochenlanger Zurückhaltung der Süddeutschen Zeitung, dem Profil und dem Standard Interviews gegeben, in denen er umfassend Stellung bezog, an die Unschuldsvermutung appellierte und die veröffentlichten Vorwürfe als »konstruierten heiklen Zusammenhang aus den Schlagwörtern Kindern, Pädophilie, Gewalt und Rumänien« zu diskreditieren versuchte. Er behauptet, dass der Film nun allen beteiligten Familien präsentiert wurde, jegliche Anschuldigungen dadurch entkräftet werden konnten und sein größter Fehler war, diese Vertrauensbasis zu den Familien nach dem Dreh vernachlässigt zu haben, da so unbegründete Ängste wachsen konnten. Gleichzeitig verteidigte er seine Methode und gab beispielsweise zu Protokoll: »Ich denke, es muss möglich sein, eine Filmszene zu drehen, in der ein Kind kurz weint, wenn es die Szene erfordert.« *

Seidl geht in seinen Filmen absichtlich da hin, wo es weh tut und unangenehm ist. Seine umfassend ausgeleuchteten Räume stellen totale Sichtbarkeit her, präsentieren seine Figuren wie im Zoo und machen aus den Zuschauerinnen und Zuschauern Voyeure, die sich nie ganz sicher sein können, wo das Dokumentarische endet und die Fiktion beginnt. Für gewöhnlich sind es eher solche mit der Ästhetik argumentierenden Vorwürfe, die Diskussionen über seine Filme bestimmen. Seidls nihilistische Grundhaltung und sein Miserabilismus, der sich darin zeigt, die Eigentümlichkeiten seiner Figuren geradezu auszuschlachten – all das wird seit Jahren immer wieder kritisiert.

Nun startet »Rimini«, der erste Teil des Film-Diptychons, dessen zweiter Teil »Sparta« ist, in den deutschen Kinos, und viele dieser gewohnten Kritiken scheinen an dem neuen Film abzuperlen. »Rimini« erzählt vom Schmelzen einer Oberfläche. Der gealterte Schlagerstar Richie Bravo (Michael Thomas) versucht mühsam, den Glanz vergangener Tage wiederaufleben zu lassen – oder zumindest das letzte Schimmern auszukosten. Noch schwärmen ein paar eingefleischte Fans für ihn, reisen an die Adria, versammeln sich in verschlafenen Restaurants von Hotels, um seinen gefühlsseligen Texten zu lauschen, und nächtigen nach einem Grappa in der Richie-Bravo-Villa. Zwischen seinen Auftritten stapft Richie durch matschigen Schnee an rostigen Hotelzäunen entlang und lungert in Spielhallen, an Hotelbars oder gegen Bezahlung in den Betten weiblicher Fans herum. Statt schattenlose, glühende Strände zu bieten, ist die Touristenhochburg in dichten Nebel ­gehüllt, eine erstarrte Geisterstadt.

In »Rimini« fließen viele Themen und Motive zusammen, die Seidl schon lange bearbeitet. Gleich zu Beginn geht Richie mit seinem Bruder Ewald (der die Hauptfigur in »Sparta« ist) in den Keller hinab, es wird Kräuterschnaps gesoffen und in Erinnerungen geschwelgt. Wieder einmal widerspricht er dem glorifizierten Bild des Massentourismus, und auch die abstoßende Männlichkeit, beispielsweise wenn sich Richie schamlos an seine Tochter ranmacht, zieht sich seit »Der Busenfreund« (1997) durch Seidls Schaffen.

Natürlich hallt auch der verzweifelte Schrei nach Liebe durch den Film und werden die durch Machtverhältnisse zersetzten, kapitalisierten Beziehungsformen entblößt, aber auch das prekäre Arbeitsverhältnis und die Vorliebe für einen verqueren Sprachduktus sind typische Elemente. In »Safari« (2016) war es der Jargon der Jäger, der das Tier abschätzig als »Stück« bezeichnet; in »Rimini« sind es die schmierigen Floskeln, mit denen Richie sein Umfeld umgarnt, während keine Spur von amore oder dolce vita zum Vorschein kommt.

Im Kern lotet der Film die Abgründe aus, die unter dieser substanzlosen Sehnsuchtskulisse der Hotelanlagen vergraben liegen. So erscheint eines Tages Richies Tochter Tessa (Tessa Göttlicher), die er 18 Jahre lang im Stich gelassen hat, und verlangt die offenen Unterhaltszahlungen. Ähnlich wie in Seidls »Paradies«-Trilogie werden »Rimini« und »Sparta« durch Familienbande miteinander verwoben. Der letzte Auftritt des im November 2017 verstorbenen Hans-Michael Rehberg als Vater der beiden Brüder verbindet die beiden Filme und trägt die Fragen nach Schuld, Trauma und Tod in sie hinein. Seine in der Demenz hervordringende Nazi-Vergangenheit lässt erahnen, wie die Brüder von dem faschistischen Vater gezeichnet sind.

Auch in Richies Rassismus zeigt sich seine Prägung, beispielsweise wenn er das Baby der Reinigungskraft seiner Villa in den Armen wiegt und schamlos einen Schlager, dessen Text das N-Wort enthält, vor sich hin summt, oder mit Blick auf Tessas Partner antimuslimische Vorurteile anklingen lässt. Die Geflüchteten, die an den verlassenen Strandbuden frieren, und die arabischen Laiendarsteller komplettieren Seidls Sittengemälde, jedoch bleiben sie wie so oft in seinen Filmen stumme Randfiguren. Am Ende eröffnet sich Richie dann doch noch ein Pfad der Entsühnung, indem seine Villa, ähnlich wie in Buñuels »Viridiana« (1961), zwangsweise zum Hort der Bedürftigen wird. Ein vergleichsweise gnadenvoller Ausblick. Schleichend schmilzt der Schnee und die ersten Sonnenstrahlen fallen in die Richie-Bravo-Villa.

Rimini (Ö/DE/FR 2022) Buch: Ulrich Seidl, Veronika Franz. Regie: Ulrich Seidl. Darsteller: Michael Thomas, Hans-Michael Rehberg, Tessa Göttlicher. Filmstart: 6. Oktober

* Absatz aktualisiert am 6. Oktober