Homestory

Homestory #41

Homestory
Man muss nicht zwingend zum Kinder habenden Teil der Jungle-Redaktion gehören, um gelegentlich an gesellschaftliche Parallelorte zu gelangen, wie es Berliner Kinderspielplätze sind. Wenn das Telefon klingelt und der befreundete erziehungsberechtigte Gesprächspartner ankündigt, »bei der Karotte« oder »auf dem Aladin« zu sein, weiß man schon, was einem blüht. Im ersten Fall handelt es sich um den Möhrchenspielplatz in Neukölln-Rixdorf. Mit einer penetrant wirkenden Geste ironischer Überlegenheit haben die Konstrukteure hier wirklich jedes Spielgerät dem Karottenthema gewidmet: die orangefarbenen Balancierstangen und Federwippen besitzen an ihren jeweiligen Enden grüne Grasbüschel; das Gerüst der grünen Netzschaukel ist in demselben Orange­ton gestrichen; schließlich wurde der Turm der Rutsche, die so hoch und abrupt endet, dass man sich nicht nur als Erwachsener beim Herunterrutschen den Po aufschlägt, in Form einer überdimensionierten Karotte gebaut. Auf der Spitze des Turms fläzt ein selbstzufriedener Hase – der freilich zu viele Karotten gefressen haben muss.

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Ein Redakteur erinnert sich wehmütig an die Zeit zurück, als der Spielplatz noch verwahrlost war und man sich dort ungeniert für Dates verabreden konnte – »nur ’ne Bank, dreckiger Sand, alles kaputt«. Eine Kollegin kannte die Geschichte des verwahrlosten Vorgängerareals: Die Baugruppe des Neubaus nebenan habe nur unter der Bedingung bauen dürfen, dass sie dafür einige Jahre lang einen Spielplatz unterhält. Mittlerweile sei diese Auflage abgelaufen und der Bezirk habe das orangefarbene Gebilde vor die unschuldigen Kindernasen gesetzt.

Eine weitere Kollegin wiederum berichtete, dass Spielplätze oft Vorboten der Gentrifizierung seien. Und vielleicht hat sie damit gar nicht unrecht: Die Karotte als lustfeindliches Sinnbild eines aus­gewogenen und natürlich veganen Lebensstils derjenigen, die sich ihren Becher Kaffee um die Ecke auch dann noch leisten können, wenn er für bald fünf Euro feilgeboten wird.
Wesentlich sympathischer wirkt da der große Spielplatz »1 001 Nacht« im Neuköllner Volkspark Hasenheide, der überraschenderweise noch nicht vom rot-grün-roten Senat wegen kultureller Aneignung geschlossen wurde. Bevor man den viel zu niedrig angesetzten Torbogen durchquert, begrüßt einen eine lebensgroße Aladin-Figur aus Holz. Hier können die Kleinsten auf einem Kamel reiten, am Trog einer Wasserstelle planschen oder auf einem großen Holzschiff Piratin und Pirat spielen. Außerdem weht den Besuchern im Sommer aufgrund des nahegelegenen Freiluftkinos in regelmäßigen Schwaden proletarischer Popcorn-Duft um die Nase.

Es ist jedenfalls ein Ort, der trotz des Kindergeschreis zum Zeitunglesen oder – wenn keine Kinder zugegen sind – zum Kiffen einlädt. Ob es sich hier auch seit geraumer Zeit der Postbote gemütlich macht, der Ihre Lieblingszeitung manchmal gar nicht oder viel zu spät ausliefert? Über mögliche andere Gründe der verspäteten ­Zustellungen informieren wir Sie auf den folgenden Thema-Seiten dieser Ausgabe.