Krauts und Rüben – Der letzte linke Kleingärtner hat ­einen Kollegen im kurdischen Diyarbakir

Hoffnung in der türkischen Tristesse

Krauts und Rüben – der letzte linke Kleingärtner, Teil 40
Kolumne Von

Mitten in der türkischen Tristesse aus Islamismus und Nationalismus unter der Herrschaft Recep Tayyip Erdoğans keimen zwei Gründe für Hoffnung. Über den einen, die Demokratische Partei der Völker (HDP) und ihren großartigen Sprung über die hohe Hürde von mindestens zehn Prozent der abgegebenen Stimmen, ist umfassend berichtet worden. Der zweite Grund wurde in einem Bild eingefangen, das noch nicht um die Welt ging. Es wird hier erstmals veröffentlicht: ein Beet in einem Kleingarten in der kurdischen Millionenstadt Diyarbakır im Südosten der Türkei. Wo es einen Kleingärtner gibt, ist noch Hoffnung.

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Eine Kollegin, die für die »Aktion 3. Welt Saar« als Wahlbeobachterin in der Türkei unterwegs war, hat mir das Bild mitgebracht. Es stammt also aus Diyarbakır, der Stadt, die Erdoğan nach dem Abbruch der Gespräche mit der PKK im Sommer 2015 bombardieren ließ. Aus der Stadt, in der der deutsch-kurdische Profispieler Deniz Naki zuletzt seine Fußballschuhe schnürte, bis Erdoğan gegen ihn im Januar 2018 de facto ein Fußballverbot verhängte.

Ein Verbot würde der Präsident wahrscheinlich auch gerne gegen das agrikulturelle Treiben des unbekannten kurdischen Kleingärtners verhängen. Und vielleicht ist es ja sogar mehr als einer. Der Kleingärtner ist eine gewitzte Ausgabe der Gattung Mensch. Mal jung, mal alt, mal weiblich, mal männlich, mal anders. Einem Kleingärtner kann Erdoğan nicht das Wasser reichen. Dafür fehlt es ihm einfach an Größe. Und an alle Kleingärtner dieser Erde gerichtet, sage ich es ganz unverblümt und traditionsbewusst: Reih’ dich ein in die Kleingärtnereinheitsfront!

Ich musste in den vergangenen Tagen bei der Gartenarbeit immer wieder an den oder die kurdischen Kollegen denken. Es ist ein unsichtbares und doch starkes Band, das uns Kleingärtner verbindet: Wir kennen uns nicht, aber ihr seid in meinem Herzen, seit ich euren Fußabdruck gesehen habe, möchte ich den kurdischen Kol­legen zurufen. Wer es fertigbringt, in der türkisch-kurdischen Trübsal ein Gartenbeet anzulegen, muss ein guter Mensch sein, dem die Zukunft gehören sollte. Eigentlich.

Was hat der unbekannte Kleingärtner wohl am Wahltag vor knapp zwei Wochen gemacht? Die HDP gewählt? Oder die türkischen ­Sozialdemokraten der CHP, die immer noch vom Nationalismus Atatürks träumen? Oder etwa doch Erdoğans nationalistisch-islamistische AKP, die auch im kurdischen Teil des Landes ein paar Stimmen bekommen hat? Wer bezahlt, bekommt überall ein bisschen Zustimmung. Mein kurdischer Kleingärtner war hoffentlich tapfer und hat sich korrekt verhalten. Doch wer weiß: »Wes Brot ich ess, des Lied ich sing«, sagt der Volksmund, und der es wissen sollte. Essen müssen wir schließlich alle. Vielleicht war mein kurdischer Kleingärtner am Wahlabend auf der ausgelassenen Wahlparty der HDP in Diyarbakır unter den Tausenden, die sich mit Tränen in den Augen und auf den Wangen freudetrunken in die Arme fielen und sich beglückwünschten, dass sie zumindest die Zehnprozenthürde überwunden haben.

Wer weiß, was der nächste Tag und die nächste Nacht bringen. Und wer weiß, ob mein unbekannter kurdischer Kleingärtner seine Ernte einfahren kann. Ich wünsche es ihm und möchte ihm zu­rufen: Wir – meine vier Hühner und ich – denken an dich. Du bist nicht allein. Du gehörst zu uns. Lass mal von dir hören und vor ­allem: Halte durch.