Platte Buch - Der Comic »Die Spinne von Maschhad«

The Ripper im Iran

Kolumne Von

»Sechzehn unzüchtige Frauen … das kann man ja nicht Mord nennen«, sagt die Ehefrau des Serienmörders Saeed Hanai der Presse. Im Hintergrund ist eine Fotografie ihres Mannes zu sehen – ein Maurer, der wegen des Mordes an mindestens 16 Prostituierten im Gefängnis auf seinen Prozess wartet. Wachsam blickt der Gatte aus dem Foto auf seine Frau herab und bedeutet ihr mit strenger Geste, den Presseleuten nicht zu viel zu erzählen.

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Mana Neyestani findet in seinem Comic »Die Spinne von Maschhad« viele solcher Bilder, in denen die Unterdrückung der Frau im iranischen Gottesstaat gezeigt wird. Frauen, die gegen die Sharia verstoßen, seien ein »Fluch«, von dem die »jungen, unschuldigen Männer« befreit werden müssten, sagen die Menschen. Der Sohn des Mörders stellt für ein Filmteam am Tatort – in der Küche der Fami­lie – die Morde nach und ist sichtlich stolz auf den Vater. Der Richter, der Hanai schließlich trotz Protesten der Bevölkerung zum Tode verurteilt, kann die Beweggründe für die Morde sogar billigen; allerdings sei nur der berufene Richter befugt, die Sharia zu vollstrecken, nicht der einfache Gläubige.

Basierend auf Interviews zweier mit dem Fall befasster Journalisten erzählt Neyestani die wahre Geschichte des Serienmörders Saeed Hanai, der in der als heilig geltenden Stadt Maschhad 16 Prostituierte ermordete, indem er sie zu sich nach Hause lockte und erwürgte. Der Comic beschäftigt sich mit der Psyche des »die Spinne von Maschhad« genannten Täters, der sich als Soldat Gottes versteht und daher für unschuldig hält. Wie bereits in seinem Debüt »Ein iranischer Albtraum« blickt Neyestani, dessen Zeichenstil an seine Vorbilder George Grosz oder Otto Dix erinnert, auf die Gegenwart des Iran und zeigt aus der Innenperspektive die repressiven Strukturen des Landes, aus dem er nach ­einem Gefängnisaufenthalt 2006 nach Malaysia und später nach Frankreich fliehen konnte.

Mana Neyestani: Die Spinne von ­Maschhad. Übersetzung aus dem Fran­zösischen von Christopher Schuler.
Edition Moderne, Zürich. 164 Seiten, 22 Euro