Homestory #13

Wer wollte schon bestreiten, dass wir uns in außergewöhnlichen Zeiten befinden. Und außergewöhnliche Zeiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen. Vor Ihnen liegt eine Ausgabe Ihrer kleinen, aber feinen Lieblingszeitung, die zu gut 90 Prozent im Homeoffice erstellt wurde. Sie wissen schon, Homeoffice ist diese neue großartige Arbeitsform, bei der man zu Hause vor dem Bildschirm vereinsamt und über neuen Superprogrammen grübelt, in die man sich stundenlang vertiefen darf, damit das, was man normalerweise mit einem Mausklick erledigt, nach einer halben Stunde schweißtreibender Maloche möglicherweise funktioniert, vorausgesetzt, man wurde nicht aus dem Internet gekickt. Selbstoptimierung vom Feinsten! Aber zum Glück gibt es Videos, die allen Homeoffice-Geschädigten das Leben leichter machen. Sehr zu empfehlen ist beispielsweise jenes, das so angekündigt wird: »Homeoffice – so klappt’s! Tipps, wie Sie auch von zu Hause aus hochmotiviert arbeiten können.«

Anzeige

Nicht nur für hohe Motivation wird onlinetechnisch gesorgt, es entwickeln sich auch neue Formen des Journalismus. Bislang nervte kritische und negative Elemente in dieser besten aller möglichen Gesellschaften vor allem der sogenannte positive Journalismus, der »positive Themen« behandelt und sich einer »positiven Sprache« bedient. Man kann ihn als »eine Art Gegenbewegung zum weithin konstatierten Negativitätsbias in der klassischen Medienberichterstattung« verstehen, verrät Wikipedia. Dieser positive Journalismus wird derzeit locker weiterentwickelt zu etwas, das man als »feel good«-Journalismus bezeichnen kann. Die französische Tageszeitung Le Monde macht’s vor: »Coronavirus: 13 gute Nachrichten, um die Moral aufrechtzuerhalten«, schlagzeilt sie und fordert die Leser auf, jene »feel good«-Nachrichten auszuwählen, die ihnen Freude machen. Originellerweise kommen dann Meldungen wie die, dass wegen des ökonomischen Crashs infolge der Coronakrise die CO2-Emissionen sinken. Da geht es einem gleich viel besser, auch wenn man, kaum fühlt man mal wieder intensiv in sich hinein, ein Kratzen im Hals und derben Hustenreiz verspürt.

Aber das ist natürlich Jammern auf hohem Niveau. Andere sind nicht in der vergleichsweise glücklichen Lage, sich »social distanc­ing« – ein bis vor kurzem unbekannter Ausdruck – bei der Arbeit erlauben zu können. Radieschen pflanzen via Homeoffice etwa funktioniert auch mit neuen Superprogrammen nicht.