Der Retro-Sound der Strokesist unglaubwürdig

Abgehalfterte Alternativhelden

2001 retteten die Strokes den Indierock, 19 Jahre später klingen sie nur noch wie eine Coverband ihrer selbst.

Da stehen sie also in gleißendem Licht, die Herren Casablancas, Hammond Jr., Valensi, Fraiture und ­Moretti, in schnieke Anzüge gehüllt. Inmitten eines Wohnzimmers mit dunkelbrauner Holzvertäfelung, Ohrensesseln und Glastisch spielen sie ihre Instrumente, die Haare lang wie bei den Beatles. In welchem Jahrzehnt diese Szene stattfinden soll, ist relativ klar, dazu muss Sänger Julian Casablancas gar nicht erst die Jahreszahl 1972 fallen lassen. In ihrem üblichen langsamen Tempo rocken die fünf ein paar Akkorde herunter, ehe ein Mann in kariertem Sakko auftaucht und eine Geschäftsidee unterbreitet: Er bietet an, diese Band für den Heimbedarf klonen zu lassen – und lässt ein paar Modelle auflaufen, die den Musikern ähneln.

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Bei der Band handelt es sich um die Strokes, die Story erzählt der ­Videoclip zu ihrem neuen Song »Bad Decisions«. An Selbstironie mangelt es dem New Yorker Quintett also nicht, denn natürlich machen sich Julian Casablancas & Co. damit über das Retro-Image lustig, das sie schon seit ihrem epochalen Debütalbum »Is This It« von 2001 begleitet. Damals wurden sie als Wiedergänger früherer Alternativkulturhelden wie The Velvet Underground gehandelt. Kein anderes Album aus der Zeit verkörperte so deutlich die Sehnsucht, ­alternative Rockmusik könne sich neu erfinden, könne tatsächlich noch mal tröstlich, heilsam, kraftvoll, lässig, jung, subversiv und utopisch zugleich sein. Im Sommer 2001, mit den Strokes, schien das einen kurzen Moment lang möglich.An diesen Moment anzuküpfen, versucht die Band nun allerdings seit 19 Jahren vergeblich. Es spricht für sie, dass sie es mit Humor nehmen wie im geschilderten Video. Aber auch auf dem nun erscheinenden neuen Album »The New Abnormal« (dem ersten seit 2013) klingen die Strokes wie eine passable Coverband ihrer selbst, mehr nicht. Zwar haben sie diesmal als Produzenten Rick Rubin hinzugezogen, den Experten schlechthin für Musiker mit Selbstfindungsproblemen, aber auch der konnte den schwierigen Klienten nicht weiterhelfen.

Auf »The New Abnormal« finden sich zwei Sorten von Songs. Die ­ersten sind jene, bei denen sich die Strokes an Altbewährtem orientieren. Im Eröffnungstrack »The Adults Are Talking« etwa klingen die Gitarre und der Gesang wie Variationen früherer Strokes-Stücke, nur mit einigen Modifikationen: Ein Drum-­Machine-Sound pocht, der Gitarren-Lick klingt mehr nach Funk, und gegen Ende des Songs legt Julian Casablancas einen Freestyle-Rap hin – oder verhält sich wie ein Kindskopf, je nach Hörart. Für »At the Door« oder eben »Bad Decisions« gilt Ähnliches: Altbekannte Arrangements werden umgemodelt, statt der Stakkato-­Gitarre erklingt vielleicht mal ein Synthesizer oder man gibt ein bisschen mehr Hall auf den Bass, aber im Prinzip bleibt alles im Rahmen des Gewohnten.

So viel zum noch passablen Teil der Platte. Schlimm wird es bei der zweiten Sorte von Songs, bei der sich eine ins Leere laufende Sound- und Sinnsuche ganz direkt in Klang übersetzt. »Brooklyn Bridge to Chorus« glänzt etwa mit einem Eurodance-Intro, das Dr. Alban nicht besser hinbekommen hätte, in »Not the Same Any­more« zeigt sich der Blues von seiner schmierigen Seite. Das Frischeste weit und breit ist da noch das Artwork, ein kritzelig-krakeliges Basquiat-Bild, in dem man sich verlieren kann.

Die Gründe dafür, dass es gerade bei den Strokes nicht funktioniert, ihren signature sound bis in alle Ewigkeit zu spielen, liegen auf der Hand. »Is This It« hatte als Geste eine ungeheure Kraft, es funktionierte fast wie ein Readymade. Das Motiv: fünf angepisste junge Bohemians Anfang des 21. Jahrhunderts. Auf dem zweiten Album »Room on Fire« von 2003 schien die Band das sogar selbst kapiert zu haben (die ersten Zeilen des Albums lauten: »I wanna be forgotten / and I don’t want to be reminded«), aber vor allem die Alben danach konnten nicht annähernd daran anknüpfen. Auf »The New Abnormal« klingen sie wie Verwaltungsbeamte des Alternative Rock, die mit ein paar neuen Ideen – ­neues Ablagesystem, ein Multifunktionslocher – ins 22. Dienstjahr ­gehen, im Grunde aber ähnlich müde sind wie ihre Kollegen kurz vor der Rente. Vom Kauf eines Klons für’s Wohnzimmer ist daher abzuraten.

The Strokes: The New Abnormal (Sony Music)