Das Unbehagen, Glück zu haben

Die Autobiographie der Rockjournalistin Lily Brett erzählt vom Trauma, Tochter von Überlebenden des Holocaust zu sein
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Sie schreibt auf eine Art, die man wohl "entwaffnend" nennen muß: "Altern, dachte ich, sei etwas, das älteren Menschen zustößt." So beginnt Lily Brett ihre Autobiographie "Zu sehen", in der das Thema "Altern" eine gewissen Rolle spielt, vielleicht auch deshalb, weil die Wahl-New Yorkerin, die 1946 in Deutschland geboren wurde und 1948 mit den Eltern nach Australien emigrierte, in einer Branche gearbeitet hat, in der Jugendlichkeit ein Rohstoff ist.

Als Journalistin hatte sich auf die Rockmusikszene spezialisiert, "Altern", schreibt sie, war hier das, "was mit anderen Leuten geschieht. Und in gewisser Weise tut es das auch. Wir sind nicht mehr die, die wir einmal waren. Ich sehe mir Fotos von mir mit zwanzig an. (...) Ich habe Eyeliner aufgetragen, zwei dicke Striche über und unter meinen Augen. Ich trage ein langes, psychedelisches Gewand und Glöckchen um Fuß- und Handgelenke. Wer war ich? Worüber habe ich nachgedacht? Ich muß gefunden haben, daß ich toll aussehe."

Eher zufällig war sie in den Journalismus gerutscht, Ende der sechziger Jahre reiste sie durch die Welt, traf Jimi Hendrix, The Who, Mick Jagger, Brian Jones, The Animals, Stevie Winwood, Eric Burdon, Janis Joplin, The Doors, Sonny and Cher und viele andere Stars. Dabei entsprach die Frau, die für das australische Rockmagazin Go-set um den Globus jettete, so gar nicht dem Klischee der Starjournalistin, schon rein äußerlich nicht. Lily war damals ziemlich fett und brachte es trotz vieler Abmagerungskuren auf mindestens 13 Kilo Übergewicht.

Sie hatte die High School ohne Abschluß abgebrochen und war In-Kneipen-Wirtin, Kaufhaus-Diebin, Pot-Raucherin, LSD-Schmugglerin, Amok-Autofahrerin und vor allem Musikjournalistin. Mit 22 Jahren bekam sie ihr erstes Kind. Sie heiratete zweimal und machte drei Analysen. Heute schwärmt sie für Gewichtheben und das Leben in New York. Was ist daran so Besonderes?

Lily Brett verfügt über einen umwerfenden Humor - doch ich bin nicht sicher, ob dies das richtige Wort ist für das, was in diesem Buch geleistet wird. Ihre manchmal überschäumende, oft sehr sarkastische, aber auch sehr liebevolle Heiterkeit, die man fast Weisheit nennen möchte, kommt immer dann zum Vorschein, wenn es ernst wird; und das wird es oft in ihren Erinnerungen, denn die Autorin erinnert sich immer wieder an "ein Unbehagen über das Gefühl, Glück zu haben". An diesem Unbehagen hat sie ihr Leben lang gelitten und daran gearbeitet. Ihre Eltern sind Shoah-Überlebende. Ob als Kind, als Ehefrau, Mutter, als Therapie-Klientin, Reporterin oder Bestseller-Autorin ("Einfach so") - der Geschichte ihrer Familie konnte sie nicht entkommen.

Es ist heute bekannt, daß die Traumatisierungen der überlebenden NS-Opfer sich bis in die zweite und dritte Generation viel stärker fortwirken, als bislang angenommen, daß in fast jeder Familie ehemaliger KZ-Häftlinge und auch anderer Verfolgter Spätfolgen bei den Kindern und Enkeln auftreten.

Die Eltern der Autorin heirateten im Ghetto von Lodz und wurden nach Auschwitz deportiert. "Nach dem Krieg brauchten sie sechs Monate, um sich wiederzufinden, und sie sind eine statistische Rarität - zwei Juden, die vor dem Krieg miteinander verheiratet waren und die beide überlebt haben." Wie diese Erfahrungen der Elten ihr Leben bestimmten, was sie bedeuteten für die Tochter, die später z.B. auf keinen Fall attraktiv sein wollte, um die Schönheit der Mutter nicht in Frage zu stellen, hat die Autorin ebenso genau wie beiläufig beschrieben.

Es sind die alltäglichen Details, die Auskunft darüber geben, wie Angst und Schrecken, welche die Eltern durchlitten haben, sich in der Familie fortschreiben und sich auf die Tochter übertragen. Es kann etwas so Banales sein wie ein Wetterbericht im Radio, der eine Sturmwarnung gibt, was die Tochter in Panik versetzt. "Für mich", schreibt Liliy Brett, "klingen die Worte Achtung, Alarm, Warnung viel dramatischer, als es die Metereologen beabsichtigt haben."

"Zu sehen" handelt auch von den Strategien, die die Tochter entwickelt, um die Angst abzuwehren oder sie zu kontrollieren, bewältigen läßt sie sich nicht. Lily Brett verordnet sich Disziplin und einen genau geplanten Tagesablauf, mit frühem Aufstehen am Morgen, immer zur selben Zeit. Denn es geht ihr darum, Chaos abzuwehren. "Wessen Chaos? Das meiner Mutter?" fragt sie und ist sich ihrer Konflikbewältigungsstrategien zumindest rückschauend ebenso bewußt wie der Vergeblichkeit, den Schrecken durch die Selbstdisziplinierung tatsächlich zu bannen.

"Als sie siebzehn war, kam das Chaos, das das Leben meiner Mutter für die kommenden zehn Jahre beherrschen sollte, zu allen Juden von Lodz, in Polen, und beherrschte das Leben eines jeden. (...) Ich habe viel Zeit in meinem Leben damit verbracht, Ordnung zu schaffen, um dem Unvorhersehbaren zu entgehen. Überraschungen schätze ich nicht. Früher glaubte ich, wenn meine Kleider alle in derselben Richtung hingen und meine Handtücher und Laken in perfekte Rechtecke gefaltet wären, dann würde im Universum Harmonie vorherrschen."

Aber Brett ist auch Reporterin; sie beobachtet sich selbst in den schwierigsten Momenten: "Ich, die so selten das Innere einer Synagoge gesehen hat, bin erst seit kurzem fähig, Schweinefleisch zu essen, ohne das Gefühl zu haben, daß mich der Blitz treffen wird. (Ö). Mein Vater mochte Schinken sehr gern. Jede Scheibe Schinken, die er aß, bestärkte ihn in seiner Überzeugung, daß es keinen Gott gibt. (...) Mein Vater und meine Mutter kamen beide aus orthodoxen jüdischen Elternhäusern. Nach dem Krieg kamen sie beide unabhängig voneinander zu dem Schluß, daß es keinen Gott gibt. In Auschwitz hatte mein Vater zwei Gestapo-Offiziere beobachtet, die mit einem Neugeborenen Fußball spielten. Einer der Offiziere aß einen Apfel, während er mit dem Kind dribbelte. Mein Vater, der damals hundert Pfund wog und sich gerade in die Wangen gekniffen hatte, um arbeitsfähig zu erscheinen, entschied, daß Gott definitiv nicht existiert. Ich esse das Stück Prosciutto. Nichts passiert."

Diese Erinnerung an einen Restaurantbesuch findet sich im Kapitel "Meine Tochter" und leitet eine Szene ein, in der Lily Bretts Tochter ihrer Mutter offenbart, daß sie lesbisch ist. Brett berichtet entgegen aller feministischen Aufgeklärtheit und angeblicher Tabu-Verabscheuung von ihren ganz widersprüchlichen Empfindungen. Sie will so nicht sein, abwehrend gegenüber der Liebe ihrer eigenen Tochter zu einer Frau, aber sie ist es. Sie reflektiert, auch in der Erinnerung, daß bei ihr nun alles durcheinander geriet, sich das Chaos einstellte, das, was sie nie haben wollte, das, was ihr schon als Kind chronische Kopfschmerzen, Eßstörungen und den Wunsch, ihrer eigenen Mutter nie weh zu tun, beigebracht hatte.

Lily Brett ist das einzige Kind ihrer Eltern. Mutter und Vater vergötterten ihr Kind und kontrollierten es in einem Maße, daß es ihr unerträglich schien, bis sie flüchtete, es dann aber nicht aushalten konnte, diese Eltern zu verlassen. Bretts autobiographische Erinnerung ist eine Versöhnung mit den Eltern, eine dichte Beschreibung der ungeheuren Wut einer Nachgeborenen auf das, was war und in ihr Leben eingriff.

Mit dem ihr eigenen Sarkasmus beschreibt sie, wie es sich wirklich anfühlte, bei all diesem Erbe, mit zweiundzwanzig ein Kind zu bekommen: "Ich blieb zwei Tage und zwei Nächte wach und betrachtete verblüfft meinen wunderschönen Sohn. Einige Tage später war ich noch verblüffter. Ich begriff, daß ich ihn mit nach Hause nehmen mußte."

Lily Brett: Zu sehen. Deuticke-Verlag, Wien 1999, 349 Seiten, DM 44