Paint It Black

Der Apokalyptiker Lutz Dammbeck sieht rot und schildert die Moderne in den düstersten Farben. Die Doku-Collage "Das Meisterspiel" über den Anschlag auf die Bilder des Malers Arnulf Rainer

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Das Publikum für seinen Film "Das Meisterspiel" vermutet der Filmemacher Lutz Dammbeck offenbar in der links-alternativen Kunstszene. Entsprechend hatte man sich das Programmkino Abaton im Hamburger Univiertel als Ort für die Premiere und eine anschließende Diskussion ausgesucht. Doch bereits die Besetzung des Podiums ließ ahnen, um welche Positionen die Debatte erweitert werden sollte, denn neben der Filmwissenschaftlerin Claudia Lenssen, dem Direktor des Hamburger Kunstvereins, Stephan Schmidt-Wulffen, dem Kunsthistoriker und Mitherausgeber der Beute, Roberto Ohrt, gehörte auch Frank Böckelmann zu den Diskutanten. Böckelmann, aus dem Umfeld der postsituationistischen subversiven Aktion kommend, theoretisiert heute für ein ethnisch homogenes Deutschtum; in der FAZ attackierte er die doppelte Staatsangehörigkeit als "Deutschsein zu Dumpingpreisen" (Jungle World, Nr. 5/99).

Ein passendes Podium für Lutz Dammbeck: Der Künstler, der sein Atelier lange Zeit im Hamburger "Haus für alle" hatte, in dem sich MigrantInnengruppen treffen und das Antirassistische Telefon untergebracht ist, hatte bereits mit seinem Film "Zeit der Götter" (1993) versucht, konservativ-revolutionäre Positionen über den Nationalsozialismus in der Alternativszene diskussionsfähig zu machen. In seiner filmischen Beschäftigung mit Person und Werk des Bildhauers Arno Breker zeigte sich der Autor fasziniert von der "Vision" eines der meistbeschäftigten Künstler im Nationalsozialismus. Die Ideologie des NS, heißt es im Off, transportiere "die Vorstellung von einer Art Weltenwende, die sich der Zerstörung der Natur durch die Technik, den Fortschritt, den Kapitalismus, durch das Christentum entgegenstemmt. Es war eine verhunzte Revolte gegen den Nihilismus." Die politischen Konsequenzen des Nationalsozialismus blendet der Film dagegen aus.

Und das Wendejahr 1989 interpretiert "Zeit der Götter" als eine Möglichkeit, an alte Ordnungen wieder anzuknüpfen, denn "1989 endet in Osteuropa, was 1789 begann. 200 Jahre waren eine kurze Zeitspanne für den Versuch, die Vision von der Gleichheit des Menschen zu verwirklichen." Dieser Vision gegenübergestellt wird etwas "Älteres, auch Mächtigeres, dessen Wurzeln weit in die Geschichte zurückreichten" und von Hitler und Breker vertreten wurde. Die Grenzen zwischen Arno Brekers "Vision" und Dammbecks mythisierender Sicht auf die Geschichte verschwimmen.

Dammbecks aktueller, während der 41.Internationalen Dokumentarfilmwoche Leipzig prämierter Film, "Das Meisterspiel", der Mitte Mai bundesweit in Programmkinos angelaufen ist, erhielt zahlreiche lobende Kritiken. Lediglich die Zeit kritisierte, daß Dammbeck in dem braunen Sumpf steckenbleibe, den er zu untersuchen vorgebe.

Die Dokumentation nimmt den 1994 verübten Anschlag auf Bilder des österreichischen Malers und Professors der Wiener Akademie, Arnulf Rainer, zum Anlaß, nach den politischen Hintergründen der Tat zu fragen. 1995, ein Jahr, nachdem Rainers Bilder mit schwarzer Farbe übermalt wurden, war ein Bekennerschreiben aufgetaucht, ein völkisch-konservatives Pamphlet gegen die Moderne.

Dammbeck entwirft in seinem Film mögliche Szenarien der Tat: Hat der Künstler - in den fünfziger und sechziger Jahren einer der Protagonisten des Wiener Aktionismus, der mit Eingriffen in bildnerische Vorlagen, den Übermalungen eigener und fremder Bilder, provozierte - wohlmöglich seine Bilder selbst zerstört, um das öffentliche Interesse erneut auf sich zu lenken? Oder ist der Täter in der rechtsradikalen Szene zu finden?

Ausgangspunkt der filmischen Recherche ist das Bekennerbeschreiben, ein 28 Seiten umfassendes Manuskript, dessen Inhalte der Film nur bruchstückhaft referiert. Immerhin wird mitgeteilt, daß das Bekennerschreiben die Neugier Dammbecks geweckt habe, der "Text", heißt es im Off, "ist interessant und macht Lust, in das Spiel einzusteigen".

Was ist das für ein "Spiel"? Dammbeck scheint unter den Begriff "Spiel" all das zu subsumieren, was einen Angriff auf die "Moderne" darstellt. Das "Spiel" wiederhole Muster eines "Kulturkampfes vom Anfang des Jahrhunderts zwischen einer wertebewahrenden Klassizität und einer alle Werte und Bindungen auflösenden Moderne". Zum "Spiel" gehören auch die Aktionen der militanten Naziszene in Österreich. Zu einem Foto, das die 1994 durch einen Anschlag der "Bajuwarischen Befreiungsarmee" ermordeten vier Roma zeigt, heißt es kommentierend im Off: "Das Spiel ist ein aktionistisches Gesamtkunstwerk aus militärischen, historischen und künstlerischen Elementen. Ein Kunstspiel, dessen Wirkung in den Medien noch verstärkt wird. Spielziel ist der Ausstieg aus einer zerstörerischen und ortlosen Moderne und die Rückkehr zu einer Ordnung, in ein neues altes Reich, als Rahmen und Garant dieser Ordnung. Wien ist die alte kultische Hauptstadt dieses Reiches." Dieses Interpretationsmuster - die mystifizierende Darstellung der konservativ-revolutionären Ideen und Taten - hält das "Meisterspiel" bis zum Ende durch. Rechte Gesellschafts- und Kunsttheorie wird zum Spielmaterial des Autors.

Ausgehend von dem als "interessant" qualifizierten Bekennerschreiben nimmt Dammbeck Kontakt mit Protagonisten der konservativen Revolution auf und läßt sich deren Weltanschauung erläutern. So erklärt der Neonazi Reinhold Oberlercher, der als "rechter Intellektueller" vorgestellt wird, Wien sei um die Wende des 20. Jahrhunderts eine Hochburg des jüdischen "Volksgeistes" gewesen, deswegen gebe es auch immer wieder Gegenbewegungen, denn die "jüdische Selbstverständigung" habe eine zerstörerische Wirkung auf fremde Kulturen, insbesondere auf die "deutsche Hochkultur". Oberlercher schließt: "Die Herrschaft der Systeme muß beendet werden!"

Alle politischen und philosophischen Aussagen werden von Rechten gemacht. Andere Interviewpartner dürfen höchstens logistische Angaben zur rechten Szene ergänzen. Der Film mystifiziert die Rechte in Österreich und entwirklicht ihre Morde, wenn er für deren Taten immer wieder den Begriff des "Spiels" bemüht. Es gibt keine Stelle im Film, wo die Mythen über das Reich, die deutsche und österreichische Identität aus einer Distanz betrachtet werden, die Perspektive der Opfer fehlt ganz.

Zustimmend gegenüber der im Bekennerschreiben aufgestellten These, die die Moderne repräsentierende Kunstszene sei "ein struktureller Nachfolger" des Nationalsozialismus, äußert sich Helmut Kohleberger, Mitarbeiter der postmodernen Zeitschrift Tumult. "Ich glaube", erläutert er, "daß insofern eine strukturelle Nachfolge in der Kunstszene, eine Nachfolge dieses Regimes gegeben ist, denn es ist die einzige erlaubte Diktatur, die man vollkommen akzeptiert, für die man zahlt und Opfer bringt." Das Manifest zeige, so Kohlenberger, daß man notwendig in eine "andere Dimension" zurück müsse. Das Interview ist beendet, und Dammbeck denkt weiter - und fragt: "Zurück in eine Dimension - aber wie weit ? Bis zu den falschen Griechen Arno Brekers? Oder zurück zur konservativen Revolution Ernst Jüngers und den rechten Wurzeln der Moderne?"

Der Film wirft eine Reihe von Fragen auf: Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Kunstszene, die dem Wiener Aktionismus nahesteht und den Ideen der konservativen Revolution ? Gibt es Überschneidungen zwischen den Inhalten des Bekennerschreibens und der Kunsttheorie Rainers? Wieso können sich Rechte auf die Kunst des als Antifaschisten geltenden Künstlers berufen? Sind Linke an einer konservativen Revolution beteiligt?

Das "Meisterspiel" entscheidet sich aber gegen jegliche Aufklärung und deutet lediglich an, einer gigantischen Links-Rechts-Verschwörung auf der Spur zu sein. Dammbeck verwandelt sich dem Denken der Neuen Rechten dabei so sehr an, daß er deren Sprache übernimmt, er verwendet Begriffe wie "das Eigene", "das Fremde", "Flüchtlingsströme" und definiert MigrantInnen als Menschen, "die nicht dem deutsch-österreichischen Volksstamm angehören". Im "Spiel" gehe es um das "Ich", um Identität also.

Lutz Dammbeck stellt die Frage: "Kann man sich nach Belieben eine Wunschidentität basteln, sich aus linken und rechten Bausteinen eine neue Moderne zusammenflicken?" und deutet bereits an, wie sie zu beantworten ist: Nein, aus einer nationalen Identität kann man nicht einfach aussteigen.

Der Erfolg der Rechten ist die Geschichte ihrer Einbeziehung. Warum sitzen Roberto Ohrt und Stephan Schmidt-Wulffen mit Dammbeck und Böckelmann auf dem Podium? Die Akteure der konservativen Revolution nehmen sich ein Beispiel an der 68er-Bewegung und benutzen das gleiche Vokabular. Begriffe wie "Revolution", "Bewegung", "Antikapitalismus", "gegen System und Kapital", "Massen", "soziale Frage" sind auch von rechts besetzbar und zugleich die Themen, mit denen Rechte eine Diskussion mit Linken anzuzetteln versuchen. Auch die Begriffe "Freiheit" und "Revolte", die die deutschen Situationisten für sich in Anspruch nahmen, sind inzwischen inhaltsleer, und es muß sich erst zeigen, was für eine "Freiheit" gemeint ist.

Die Diskussion um den Film wird fortgesetzt