Test the Feeling

Chanoch Nissany ist Testfahrer in der Formel 1 beim Minardi-Rennstall und will den Rennsport in Israel populär machen. Aber dort gibt es noch nicht einmal Rennstrecken. von elke wittich

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Als am 6. März die Formel 1-Boliden zur Saisoneröffnung an den Start gingen, war mit Chanoch Nissany zum ersten Mal auch ein Israeli in der Königsklasse vertreten. Gut, Michael Schumacher, so viel war schon vor dem ersten Start der Rennwagen klar, würde der 42jährige wohl kaum Konkurrenz machen können, denn zum einen ist er beim notorisch erfolglosen Team Minardi beschäftigt, und zum anderen war es nicht der Plan, dass er in einem Cockpit sitzen würde, sondern als Testfahrer an der Abstimmung der Rennwagen arbeiten sollte. Deren Saisonziel lautet grob Hinterherfahren, wie Teamchef Paul Stoddard zum Saisonauftakt gelassen erklärte: »Wenn die Jungs an der Spitze ihren Job richtig erledigen und zuverlässig sind, dann werden wir wohl keinen einzigen Punkt erreichen.«

Trotzdem war die Resonanz auf Nissanys in Tel Aviv bekanntgegebene Verpflichtung ungewöhnlich groß – das Hotel, in dem die Minardi-Crew abgestiegen war, telefonisch erreichen zu wollen, war stellenweise aussichtslos. »Die Reaktionen in Israel sind schon sehr überwältigend«, freute sich der Rennfahrer damals. »Ich bin zwar nur Testpilot, aber meine Landsleute sehen mich jetzt als ihren Repräsentanten in der Formel 1. Dabei spielte sie in Israel bisher kaum eine Rolle, die Rennen werden nicht übertragen – wer sie sehen will, muss halt Satellitensender empfangen können. Ich glaube, nur fünf Prozent aller Israelis haben sich wohl auch deswegen bisher nur für die Formel 1 interessiert, nun werde ich andauernd angesprochen, alle wollen wissen, wo sie die Übertragungen sehen können, und wünschen mir Glück. Mir gefällt es, gerade in diesen schwierigen Zeiten zur Unterhaltung der Leute hier beizutragen.«

Dabei gelten Israelis nicht unbedingt als die besten Autofahrer der Welt, wie Nissany unumwunden zugibt. »Oh ja, richtig gut sind sie hinterm Steuer nicht, aber wie sollen sie es auch sein? Die Straßen sind in miserablem Zustand und ständig verstopft, dazu das Tempolimit – wie soll man da vernünftig fahren lernen?« Könnte er sich dann vielleicht vorstellen, seine neue Popularität etwa für eine Verkehrssicherheitskampagne zu nutzen? »Darüber habe ich noch nicht nachgedacht, aber warum nicht? Zunächst habe ich jedoch andere Pläne.«

Der Testfahrer hofft nämlich, »dem israelischen Nachwuchs assistieren zu können, damit der eines Tages in der Formel 1 landet«. Schrittweise müsse dazu die Renn-Infrastruktur verbessert werden, »Autorennen sind hier verboten, und entsprechend haben wir eben auch keine Rennstrecken. Aber ich hoffe, dass sich das später irgendwann ändert. Zunächst sind Gocart-Bahnen immens wichtig. Die Gebrüder Schumacher haben in den Carts schließlich den Grundstein für ihre späteren Karrieren gelegt, hier in Israel haben wir mittlerweile auch schon Bahnen, der Sport ist unter den Kids sehr populär.« Nun hoffe er, dass es einer der cartbegeisterten israelischen Jungs in einigen Jahren schaffe, »mein Nachfolger in der Formel 1 zu werden, allerdings nicht nur als Testfahrer, sondern wirklich in einem Cockpit«.

Nissany selber werde dies wohl nicht mehr erreichen können, gibt er zu, denn er ist ein ausgesprochener Spätstarter, seine Rennkarriere begann er erst im Jahr 2002 in der ungarischen Formel 2000. Trotzdem überzeugte er die sportlichen Leiter seines früheren Teams Jordan und von Minardi durch Ehrgeiz, Fitness und seinen Lernwillen.

Beim Grand Prix in Budapest wurde er zu seinem 42. Geburtstag vor dem Freitagstraining zum dritten Fahrer von Minardi erklärt, der bei diesem ersten Probefahren auf dem Kurs teilnehmen durfte – diese Möglichkeit steht allen Teams offen, die nicht zu den vier in der Gesamtwertung notorisch Führenden gehören. Minardi hatte bislang aus finanziellen Gründen auf den Einsatz eines Ersatzfahrers verzichtet, denn am eigentlichen Rennen dürfen die Drittdriver nicht teilnehmen.

»Nissanys Einsatz soll die Begeisterung für die Sportart sowohl in Israel als auch in Ungarn, wo er sehr beliebt ist, weiter anfachen«, erklärte ein Sprecher des Rennstalls, deswegen habe man sich auch sehr bemüht, die dazu nötige Super-Lizenz von der International Automobile Federation (Fia) rechtzeitig zu bekommen.

Deren Erteilung stand auch ein skurriler Unfall im April bei einem der seltenen Minardi-Testings nicht im Wege. Die beiden Fahrer Christijan Albers und Chanoch Nissany waren auf der ansonsten absolut leeren Strecke von Maranello zusammengestoßen, was von einem Sprecher mit den ebenso lapidaren wie in Folge viel zitierten Worten kommentiert wurde: »Einer der beiden machte zick, wo er eigentlich zack hätte machen sollen.«

Dass auf einen Tester bei einem der Top-10-Teams viel Arbeit zukommen würde, war Chanoch Nissany schon vorher klar gewesen. »Pendeln gehört zum Job«, sagte er vor dem Saisonstart: »Tja, die eine Hälfte meiner freien Zeit verbringe ich bei meiner Frau und den Kindern in Herzlia, die andere in Budapest. Obwohl, halt, das stimmt nicht – ich habe ja Flugzeuge vergessen! Im letzten Jahr bin ich 213 Mal geflogen – und in dieser Saison wird es sicher noch ein bisschen mehr werden, schließlich geht es dann ja zum Beispiel nach Australien.«

Abgesehen von Ferrari-Rennleiter Jean Todt ist Nissany der einzige Jude in der Formel 1. »Ich bin keine besonders religiöse Person – im Gegensatz zu meinem Vater zum Beispiel, der, naja, wie soll ich es sagen, orthodox light, eben ein sehr gläubiger, traditionell denkender Mensch ist. Meine Familie isst koscher, aber ich tue das nicht, wenn ich unterwegs bin. Ich esse kein Schweinefleisch, aber berufsbedingt bin ich natürlich sehr häufig in nichtkoscheren Restaurants, da muss ich dann eben Abstriche machen. Allerdings bin ich in einem Punkt sehr strikt: An Yom Kippur etwa esse ich nur Matze, egal, wo ich mich gerade befinde.«