»Wir bilden keine Klangwaffengestalter aus«

holger schulze, Leiter des neuen Studiengangs »Sound Studies – Akustische Kommunikation« an der Universität der Künste in Berlin, über den guten Ton und wie man lernt, ihn zu treffen

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»Sound Studies - Akustische Kommunikation« nennt sich ein Studiengang an der Universität der Künste Berlin (UdK), der im nächsten Frühjahr erstmals angeboten wird. Zu den Dozenten gehört u. a. das ehemalige »Kraftwerk«-Mitglied Karl Bartos. Holger Schulze, der gerade das Buch »Heuristik. Theorie der intentionalen Werkgenese« veröffentlicht hat, ist Leiter des neuen Studiengangs.

Im nächsten Frühjahr beginnt an der UdK der erste Jahrgang des Masterstudiengangs »Sound Studies – Ästhetische Kommunikation«. Was verbirgt sich dahinter?

Akustische Kommunikation setzt genau da an, wo rein technisch oder rein künstlerisch orientierte Studiengänge aufhören: Sound Studies vermitteln die Fähigkeiten, in eine gegebene Klangumgebung – wenn wir uns gegenübersitzen oder auch vor den Rechnern, an denen du und ich jetzt arbeiten – einzugreifen, klanglich nutzbringend. Und sei es mit innenarchitektonischen Maßnahmen, die ein besseres Gespräch ermöglichen oder mehr Ruhe hervorbringen.

Wie ist der Studiengang entstanden? Habt ihr schon einen Modellversuch hinter euch?

Studiengänge entstehen natürlich nicht einfach so out of the blue. Vor exakt fünf Jahren gab es die ersten Diskussionen innerhalb der UdK: In welcher Form könnte eine Ausbildung zum Arbeiten mit Klang – in Zusammmenarbeit mit den Fakultäten Musik und Gestaltung – angeboten werden? In der Folge haben wir eine Art kleine Enquete in einigen öffentlichen Veranstaltungen unternommen. Wir haben DJs und Industriedesigner, Komponisten und Programmierer, Toningenieure und Agenturvertreter und vor allem auch interessierte Studierende befragt.

Aus dieser Recherche entstand eine erste Konzeption, die wir zwischen 2002 und 2005 im Rahmen eines Förderprogramms der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung praktisch erproben konnten – mit insgesamt 30 Workshops und Seminaren. Schon jetzt gibt es einige Studierende, die – wenn auch bislang noch ohne Abschlusszeugnis – bei uns gelernt haben und gegenwärtig als Klanggestalter und Klangberater arbeiten.

Der Studiengang unterscheidet verschiedene Anwendungsbereiche: medien- bzw. kulturwissenschaftliche, künstlerische, aufnahme- und marketingtechnische.

Die Ausbildung umfasst gleichberechtigt vier komplementäre Bereiche der Akustischen Kommunikation: Das künstlerische Experiment steht im Teilbereich Experimentelle Klanggestaltung im Zentrum; gestalterische Umsetzungen prägen die Lehre im Bereich der Auditiven Mediengestaltung; die Methode des Entwerfens von Klangkonzeptionen, auch im Sinne der Gesellschafts- und Wirtschaftskommunikation, wird in der Akustischen Konzeption gelehrt; und die Klanganthropologie und Klangökologie, für die ich stehe, umfasst das weite Feld der kulturwissenschaftlichen Forschung zu Erleben und Wirkungsweisen von Klängen.

Wichtig ist: Diese Bereiche stehen nicht nebeneinander, sondern die Lehre und die Lehrenden beziehen sich vielfältig aufeinander. Ein anspruchsvolleres und im besten Sinne informiertes Arbeiten in allen diesen Bereichen wird so erst wirklich möglich.

Entscheidend für die Fragestellung der Sound Studies ist wohl erst mal, sich über die Klangumgebungen klar zu werden, in denen wir uns täglich bewegen – ohne uns das überhaupt bewusst zu machen.

Genau! Das ist so etwas wie das Anliegen des Studienganges. Die Produktionsweisen und auch die Sendedichte von Klängen haben sich im letzten Jahrhundert, verstärkt in den letzten Jahrzehnten, ganz grundlegend verändert und gesteigert. Künstliche, von Menschen geschaffene und gestaltete Klänge umgeben uns derzeit in fast jedem Moment, an nahezu jedem Ort. Die Bedeutung von Klängen im Leben eines jeden Menschen hat sich damit radikal verändert und ausgeweitet. Es scheint fast absurd, wie lange diese Gestaltungsaufgabe – ganz im Gegensatz zur Visuellen Kommunikation – vernachlässigt wurde.

Dazu gehören auch sonische Waffen, die im Bereich der so genannten nicht tödlichen Waffen immer mehr zum Einsatz kommen und kommen werden.

Ein gutes Beispiel. Wir bilden sicherlich keine Klangwaffengestalter aus: Akustische Körperverletzungen erleiden wir ohnehin schon genug.

Dein Beispiel zeigt aber auch, wie sehr die aktuelle Auseinandersetzung mit Klängen sich immer noch auf solche Sonderfälle konzentriert. Die militärische Nutzung von Klang hat mit der klanglichen Durchgestaltung von Soundtracks oder auch Konzertveranstaltungen eines gemeinsam: Es sind fast immer exotische, in deinem und meinem Alltag nahezu vernachlässigenswerte Sondersituationen, die klanglich gestaltet werden – und selbst diese nur nach überaus fragwürdigen und leider allzu oft visuell gedachten Prinzipien und Methoden.

Anstatt über Klangwaffen zu sprechen, könnten wir über den Klang auf Bahnsteigen sprechen, in Malls, an Verkehrsknotenpunkten, in Büros oder Konferenzräumen. Das sind die Orte, an denen viele von uns sich täglich lange Zeit aufhalten – und die uns ganz unmerklich lang nachwirkende physische Schäden beibringen. Und schlichtweg unser Leben, Handeln und Kommunizieren untereinander schmerzhaft behindern.

Zielt die Ausbildung auch darauf, Musikjournalisten – gerade im Bereich der elektronischen Musik – das Handwerkszeug zu einer kritischeren, fundierteren Beschreibung zu vermitteln?

Es gibt für das Sprechen über Klang in dieser Hinsicht ja keine Vorbilder. Andererseits gibt es einen Fächer von Fachdisziplinen und -sprachen des Schreibens und Sprechens über Klang, die eine noch so persönliche Zugangsweise zu elektronischer Popmusik zum Beispiel fundieren kann. Sound Studies umfassen damit – ähnlich interdisziplinär wie die Visual Studies – die unterschiedlichsten Herangehensweisen. Mit dem Ziel, das Arbeiten mit Klängen, auch in publizistischer Hinsicht, aus den diversen Ghettos des Expertentums herauszuholen und das gemeinsame Gespräch disziplinär zu bündeln.

Du selbst bist ja kein Musikwissenschaftler, sondern promovierter Literaturwissenschaftler.

Genauer gesagt bin ich Komparatist – und da liegt der Sprachenvergleich auf der Hand. Im Bereich des Sprechens über Klang – und hier ist auch mein Forschungsprojekt »Klang Erzählungen« im Rahmen der Sound Studies angesiedelt –, in diesem Bereich ist die Fülle von Sonder- und Spezialsprachen, Idio- und Soziolekten, wie wir Klänge beschreiben, nahezu unüberschaubar geworden. Laptop-Musiker sprechen anders über Klänge als Mitglieder eines Kammerensembles, Tontechniker und Raumakustiker haben gelernt, andere Erzählungen über Klänge zu formulieren als etwa passionierte Konsolen- oder Onlinespieler, als begeisterte Besucher von Blockbusters oder musikalisch eher halbinteressierte Hörer von Formatradio; doch auch hier gibt es überraschend gemischte Erfahrungswelten und -sprachen des Hörens.

Diese unterschiedlichen Sprachen sind darum nicht etwa ungenau oder mangelhaft, wie dies manche Fachdisziplinen gerne behaupten. Vom Standpunkt einer historischen Anthropologie des Klanges aus sind sie vielmehr die kulturell und sozial jeweils einzig kommunizierbaren, nicht-spezialistischen Zugänge, die bestimmte Menschen zu Klängen haben: Zugänge durch individuell weitergetragene »Klang Erzählungen« und alle damit einhergehenden Ausdrucks-, Interaktions- und Kommunikationsformen. Wir erzählen einander, sehr persönlich, was wir mit Klängen verbinden und wie sie auf uns wirken. Das fachlich gebildete Argument folgt diesem ersten Eindruck erst nach.

Wer wird neben dir als Dozent unterrichten?

Für die Auditive Mediengestaltung konnten wir Karl Bartos gewinnen, der bei unserem Symposion Anfang Oktober ein großartiges Konzert für die Symposionsbesucher gespielt hat. Experimentelle Klanggestaltung lehrt Sabine Breitsameter, die derzeit an der UdK das Radio Copernicus, ein deutsch-polnisches Künstlerradio, leitet und damit ihr Verständnis radiophonischer Aspekte der akustischen Medienkunst hörbar macht. Akustische Konzeption schließlich unterrichtet Carl-Frank Westermann, in den achtziger Jahren kurzzeitig Keyboarder bei den Fehlfarben, der bei der Berliner Agentur Metadesign die Abteilung Corporate Sound aufgebaut hat. Er trägt in seiner Arbeit ein Verständnis von Klang in Unternehmenszusammenhänge hinein, das durch sein Gespür und seine konzeptuelle Stringenz einen Begriff wie »Sound Branding« erst auf den Stand kommunikationswissenschaftlicher Forschung bringt.

interview: jan-frederik bandel