Das Kapital spielen

Die Theatergruppe Rimini Protokoll bringt den ersten Band des »Kapital« auf die Bühne. von stefan kindler

Für wenige Minuten wirkt das Düssel­dorfer Schauspielhaus wie eine jener berühmten Marx-Lesegruppen. Der Wirtschaftshistoriker Thomas Kuczynski fordert das Publikum dazu auf, eine bestimmte Seite im »Kapital« aufzuschlagen, und beginnt mit Hilfe seiner eigenen zerlesenen Ausgabe über die entsprechende Stelle zu dozieren. Doch die Aufführung ist kein Crash-Kurs in marxistischer Theo­rie, der kurze Moment, in dem das Publikum im »Kapital« blättert, ist nicht mehr als eine ironische Erinnerung an die Lesegruppen, in denen allein in Westdeutschland in den vergangenen 40 Jahren Hunderttausende zumindest ein paar Abende verbracht haben dürften. Um das komplette Werk zu lesen und zu ver­stehen, bräuchte man ein volles Arbeits­jahr.

In den zwanziger Jahren hat Sergei Eisen­stein davon geträumt, das »Kapital« als Film zu inszenieren, doch über einige Skizzen kam er nie hinaus. Dergleichen versuchen Helgard Haug und Daniel Wetzel, die Auto­ren und Regisseure des Stücks »Karl Marx: Das Kapital, Band Eins«, die unter dem Namen Rimini Protokoll zusammenarbeiten, erst gar nicht. Ihnen geht es vielmehr um Menschen wie Kuczynski, deren Lebens­geschichten auf die eine oder andere Weise mit dem Werk von Karl Marx verbunden sind. Darum stehen keine Schauspieler und auch keine Laiendarsteller auf der Bühne, sondern acht »Experten«, die von ihren per­sönlichen Erfahrungen erzählen.

Beherrscht wird die Bühne von einem gro­ßen Regal, vollgestellt mit Büchern, Akten­ordnern, Marx-Souvenirs und Dingen aus der Lebenswelt der Protagonisten. Inmitten dieses Ensembles sitzen und stehen die Dar­steller. Zum Beispiel Christian Spremberg. Der von Geburt an blinde Call-Center-Agent hat das »Kapital« in Blindenschrift gelesen. Im Laufe des Abends liest er hin und wieder eine Passage vor oder zieht ob­skure Singles aus seiner Plattenkiste, mit de­nen er den Soundtrack des Abends aus tum­ben Karnevalsschlagern (»Bei uns wird’s Geld nicht schimmelig«) und alten Werbemelodien mischt. Eine Handlung hat das Stück nicht; es geht darum, die einzelnen Erfahrungen miteinander zu verbinden und einander gegenüberzustellen.

Doch was die Erzählungen miteinander und mit dem Marxschen Werk wirklich zu tun haben, ist nicht immer nachvollziehbar. Am stärksten mit dem Werk verbunden ist Thomas Kuczynski, der sich seit Jahrzehn­ten mit dem »Kapital« beschäftigt. Er war der letzte Leiter des Instituts für Wirtschafts­geschichte an der Akademie der Wissenschaften der DDR und arbeitet an einer neuen Edition des »Kapital«, die den Absichten des Autors am nächsten kommen soll. Er ist es, der mit Zitaten aus dem Buch die Geschichten und Anekdoten der »Experten« mit der Theorie verbindet.

Auch Jochen Noth hat sich mit dem »Kapital« beschäftigt. Er war Mitglied des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes und später Funktionär des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschlands. In den siebziger Jahren ging er nach China, um sich der Strafverfolgung in Deutschland zu entziehen. Dort brach er, wie er heute sagt, mit »seiner Ideologie«. Doch für China interessiert er sich bis heute. 1988, als er keine Strafverfolgung mehr zu fürchten hatte, kehrte er nach Deutschland zurück. Inzwischen arbeitet er als Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt China. Ein leichter Zynismus bestimmt seine Erinnerungen an die Zeit, in der das Marxsche Werk noch eine entscheidende Rolle in seinem Leben spielte. Doch nicht nur er hat sich verändert, sondern auch seine Umwelt.

Das zeigen eingespielte Filmaufnahmen aus dem Jahr 1968, auf denen Noth zu sehen ist, der auf einer Berliner Einkaufsstraße Dollarnoten verbrennt. Schnell ist er von einer Menge Passanten umringt, die aufgeregt sein Tun kommentieren. So billig ist Aufmerksamkeit heute nicht mehr zu haben. Eine andere Filmaufnahme zeigt Noth, wie er im Berlin der Gegenwart die gleiche Aktion wiederholt. Doch er steht dabei einsam vor dem Branden­burger Tor; um so etwas schert sich heute niemand mehr.

Mit Parteien oder Gewerkschaften wollen die meisten »Experten« nichts mehr zu tun haben. Am deutlichsten wird das bei dem Elektroniker Ralph Warnholz. Auch wenn er sich dazu bekennt, niemals das »Kapital« gelesen zu haben, war er einst ein kämp­ferischer Betriebsrat. Längst hat er sich enttäuscht von den Gewerkschaften abgewandt und bekundet nun auf der Bühne, dass er zwei Kollegen »über die Wupper springen lassen würde«, wenn nur der Preis hoch genug wäre.

Überhaupt wirken die meisten Erzählungen resigniert. Ironische Distanz zu dem Werk ist zu erkennen, man erinnert sich mit einem gewissen Zynismus an die eigene Naivität, spricht davon, wie man sich nach jahrelangen ermüdenden Kämpfen aus allem zurückgezogen habe. Doch angezweifelt wird das »Kapital«, das keine Kampfschrift, sondern eine Strukturanalyse des Kapitalismus sein wollte, auch nicht. Die Analyse scheint nicht so falsch zu sein, nur die Kraft der Ideen verbraucht.

Vielleicht haben deshalb einige »Experten« irgendwann damit aufgehört, das Kapital zu bekämpfen, und stattdessen versucht, sich welches zu beschaffen. Ralph Warnholz hat sein Vermögen an Geldspielautomaten, in Kasinos und auf der Pferderennbahn verloren und ist hoch verschuldet. Auf seine Weise ist auch Jürgen Harksen ein Spieler. In seinem Fall weichen die Regisseure von ihrem eigentlichen Konzept ab und lassen ihn von seinem Biographen Ulf Mailänder spielen. Anfang der neunziger Jahre ergaunerte sich Harksen, in einem komplexen Spiel mit Erfolgserzählungen und der Gier der Reichen, auf absurde Weise dreistellige Millionenbeträge. Letztlich verlor er alles und landete im Gefängnis. Christian Spremberg schließlich träumt davon, bei Günther Jauch zum Millionär zu werden, und kann die Ansagen der Bewerbungshotline, über die er noch nicht hinausgelangt ist, auswendig zitieren.

Der einzige auf der Bühne, der noch mit Inbrunst marxistische Ideen vertritt, ist der Auszubildende Sascha Warnecke. Er ist Mitglied der DKP und erzählt im roten Che-Guevara-Shirt von Aktionen gegen Kinderarbeit vor Filialen von McDonald’s. Doch nach den Biographien, die im Laufe dieser Aufführung vorgestellt wurden, kann man sich des Gefühls nicht erwehren, dass ihm noch ein paar Enttäuschungen bevorstehen.

Wertlos, so wird uns in dem Stück versichert, ist »Das Kapital« aber längst nicht. Während einer kurzen Lektion über den Tausch- und Gebrauchswert von Waren hält der lettische Regisseur und Historiker Talvaldis Margevics die russische Erstausgabe des Werks hoch und erzählt, dass dieses auf dem lettischen Schwarzmarkt für 1 000 Euro zu haben sei. Die russische Erstausgabe von »Mein Kampf«, die er in der anderen Hand hält, werde dort für 20 Euro verramscht.

»Karl Marx: Das Kapital. Erster Band«. Weitere Aufführungen am 8., 9. und 10. Dezember im Düsseldorfer Schauspielhaus, Ende Januar im HAU Berlin, Ende Februar im Schauspielhaus, im April am Schauspiel Frankfurt am Main.