Die Quadrophonie des Pferderennens

Bizarr, hemmungslos, subjektiv: Der Gonzo-Journalismus war ein offener Verstoß gegen alle Konventionen. von klaus bittermann

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Nimmt man Google als Indikator für die Popularität eines Autors, dann kann niemand mithalten. Weder Tom Wolfe noch Philip Roth, weder John Updike noch John Irving, auch nicht der derzeitige Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk. Weit abgeschlagen ist auch der Literaturbetriebsintrigant Günter Grass. Mit über drei Millionen Treffern hat Hunter S. Thompson seine Konkurrenz hinter sich gelassen.

Das ist umso erstaunlicher, als er die Welt der Literatur nicht mit dicken Romanen überschwemmt hat. Seinen ersten Roman »Rum Diary« und »Fear and Loathing in Las Vegas« hat man bequem jeweils in ein paar Stunden gelesen.

Im Unterschied zu seinen Kollegen war Hunter S. Thompson nicht einfach nur ein Schriftsteller, der hinter der Schreibmaschine in aller Ruhe Zeilen schindete, sondern auch ein Journalist, und zwar einer, der tief in die Realität eintauchte, über die er schreiben sollte. Unter den Journalisten sei er der beste Schriftsteller und unter den Schriftstellern der beste Journalist, schrieb einmal jemand.

Thompson erfand sich selbst als literarische Figur, die auf der Suche nach dem amerikanischen Traum am Abgrund entlang raste. Er inszenierte ­kener Rabauke, als vor sich hin fluchendes Großmaul, als panisch Getriebener, der ein feines Gespür für die in den Sechzigern aufbrechenden Risse im Gefüge der amerikanischen Gesellschaft hatte.

Er erwies sich dabei als glänzender Stilist, der den Lebensnerv einer ganzen Generation traf. Er wurde zum Outlaw, der vom Gesetz gejagt wurde, zum Anarchisten, der auf seiner Maschine dem Sonnenuntergang entgegendonnerte, zum Sinnbild all dessen, was das Amerika Nixons für abartig hielt, weil es die klassischen Werte des »Good Old America« verhöhnte. Thompson repräsentierte diese Figur, und der Leser merkte, dass da einer schrieb, dem es um mehr ging, als irgendwelche Figuren auf dem Schachbrett einer konstruierten Handlung hin- und herzuschieben. Thompson wurde zum Rock’n’Roll-Star unter Amerikas Autoren, der in einer Stretch-Limousine von einem Veranstaltungsort zum nächsten chauffiert wurde und sich mit großen Schlucken aus einer Flasche »Wild Turkey« für seine Auftritte in Stimmung brach­te.

Der Schriftsteller arbeitete hart an seinem Mythos, der bereits in den Siebzigern ein Eigenleben in der populären Kultur Amerikas zu führen begann. Er tauchte als »Uncle Duke« in »Doones­bury« von Garry Trudeau auf, einem Comic in der Wa­shington Post. In »Where the Buffalo roam« spielte der junge Bill Murray 1980 die Rolle des »Duke«, der seinen Dobermann auf eine lebensgroße Nixon-Puppe hetzt und sein »Mojo Wire«, wie er sein Faxgerät nennt, mit einer Pistole erledigt, weil es ihn an die Deadline für einen abzuliefernden Artikel erinnert.

Thompson ist Bestandteil der Erinnerung vieler Amerikaner an unruhige Zeiten, als noch alles mög­lich schien, bevor Nixon den amerikanischen Traum zerstörte und dafür sorgte, daß es »keine Dope rauchenden Anarchisten mit wildem Blick mehr geben wird, die in feuerroten Kabrios durch das Land rasen«.

1970 erschien in Scanlan’s Monthly der Artikel »Das Kentucky-Derby ist dekadent und degeneriert«, der zu den besten zählt, die Thompson verfasst hat. In ihm schildert er den Wahnsinn, den dieses Pferderennen ausstrahlte, er zeigt, wie einige tausend volltrunkene Trottel »schreien, heulen, kopulieren, sich gegenseitig niedertrampeln und sich mit zerbrochenen Whiskeyflaschen angreifen«.

Thompson fuhr anschließend nach New York, wo er im Royalton Hotel die Titelstory schreiben sollte. Aber er litt an einer Schreibblockade. Am dritten Tag legte sich der Autor schließlich in die Bade­wanne und trank »White Horse« aus der Flasche. »Schließlich riss ich einfach die Seiten aus meinem Notizbüchern – ich schrieb andauernd in Notizbücher – und die Sachen waren sogar leserlich. (…) Als ich dem Botenjungen die erste gegeben hatte, dachte ich, das Telefon würde jede Minute läuten und jemand, der das Ding im New Yorker Büro zu redigieren hatte, würde einen Sturzbach von Beschimpfungen über mich loslassen.« Stattdessen war Warren Hinckle »glücklich wie zwölf junge Hunde«, und er sagte am Telefon, dass »das Zeug phantastisch« sei und »er noch mehr Seiten haben wolle«.

Die Anekdote dürfte nur einen rudimentä­ren Wahrheitskern haben, denn die Passage über das Kentucky-Derby ist alles andere als eine auf einen Schmierblock gekritzelte Skizze, und selbst die Stellen, an denen Thompson aus seinen »Notizen« zitiert, ma­chen einen durchaus elaborierten Eindruck. Aber zu jeder Erfindung eines literarischen Genres gehört ein Gründungsmythos. Tom Wolfe rief in einer nächtlichen, wilden Schreib­session mit seiner Geschichte über »Das bonbonfarbene tangerin-rot-gespritzte Stromlinienbaby« den New Journalism ins Leben, Thompson entdeckte ein paar Jahre später seinen eigenen unverwechselbaren Stil: Gonzo.

Bill Cardoso vom Boston Globe Sunday Magazine, ein Kollege und Freund, sagte ihm: »Vergiss all den Mist, den du bisher ge­schrieben hast. Das hier ist es, das ist purer Gonzo. Falls das der Anfang ist, mach weiter so!« 1979 übernahm das »Webster’s New Twentieth Century Dictionary« den Begriff: »Adjektiv (Herkunft unbekannt): bizarr, hemmungslos, bezeichnet besonders eine Form von subjektivem Journalismus, daher Gonzo-Journalismus.« Gonzo war für Thompson der richtige Ausdruck, um gierig »wie ein ausgehungerter Hund« danach zu grapschen und »wegzurennen«, wie es Ralph Steadman sagte. »Gonzo ist das, was ich mache«, lautete nunmehr die knappe Antwort auf die immer wieder gestellte Frage, was mit dem Wort gemeint sei.

Und so schrieb Thompson immer wieder Geschichten wie diese aus dem Präsidentschaftswahlkampf 1976: »Abends mussten wir ein weiteres Bankett über uns ergehen lassen, und sofort danach flog ich mit (Teddy) Kennedy, King und Kirk nach Wa­shing­ton zurück. Kennedy war noch immer irgendwie missmutig, und ich dachte, es sei wahr­scheinlich wegen mir. Es ließ sich zwar nicht bestreiten, dass ich der Delegation keine besonders große Ehre gemacht hatte, aber ich hatte mich genügend zusammengerissen, um zu wissen, dass es schlimmer hätte kommen können. Und um sicherzugehen, dass ihm das klar war – oder vielleicht auch aus reiner Perversität – wartete ich, bis wir uns alle auf unseren Sitzen angeschnallt hatten und ich hörte, wie die Stewardess Teddy fragte, ob sie ihm einen Drink servieren dürfe. Er lehnte ab, wie es in der Öffentlichkeit seine Art ist, und als die Stewardess mit ihrem Spruch durch war, beugte ich mich zu ihm rüber und sagte: Wie wär’s mit etwas Heroin?«

Im November 1971 entwarf Hunter S. Thomp­son sogar »Instruktionen für das Lesen des Gonzo-Journalismus«. Der Leser sollte sich eine Spritze gefüllt mit Rum, Tequila oder »Wild Turkey« durch den Bauchnabel in den Magen schießen, ein fantastischer Flash würde die Folge sein und dem Leser die nötige Zeit zur Lektüre geben. »Gonzo-Journalismus existiert wie quadrophonischer, vierdimensionaler Sound auf mehreren Ebenen: Es handelt sich weniger um Geschriebenes, sondern vielmehr um Performance, und deshalb muß das Endresultat erfahren werden. Anstatt bloß gelesen«, befand Thompson. Er empfahl, vor allem auf die »um­gebenden Bedingungen« zu achten und die Geschichte »straight durchzulesen, mit hoher Geschwindigkeit, vom Anfang bis zum Ende, in einem großen Raum voller Lautsprecher, Verstärker und anderem geeigneten Sound-Equipment. Es sollte auch ein großes Feuer im Raum geben, vorzugsweise in einer offenen Feuerstelle, wo es meistens außer Kontrolle gerät. Geist und Körper müssen mittels Drogen und Musik einer extremen Stimulans unterworfen werden.« Auch wenn die Anleitung nicht wörtlich zu nehmen war, wollte Thompson seine Leser herausfordern, sie anstacheln, er wollte sie infizieren, unbrauchbar machen für ein Amerika, wie es einem Nixon vorschwebte. Auf ein geschmäcklerisches Urteil aus der Distanz und einer sicheren Deckung heraus legte er keinen Wert.

Gonzo wurde zu Thompsons Markenzeichen, die Gonzo-Faust mit den zwei Daumen und dem Stilett sein Logo. Gonzo bewahrte ihm seine Selbständigkeit und Eigenheit. Als Tom Wolfe 1973 anfragte, ob er einen Auszug von »The Hell’s Angels« in eine Anthologie aufnehmen könne, in der Arbeiten des New Journalism vorgestellt wurden, meinte Thomp­son, er sei nicht Teil einer Gruppe. Er schreibe Gon­zo. Er sei ein Fall für sich. Und das war er tatsächlich. Um genau zu sein: Gonzo war die bösartige, verantwortungslos lustige und radikale Variante des New Journalism.

Ein Unterschied, in dem es ums Ganze geht und den Tom Wolfe selbst beschrieben hat. Wolfe hatte Thompson 1976 zu einem Abendessen in einem schicken Restaurant in Aspen eingeladen. Thompson bestellte Unmengen von Banana-Daiquiris, und als die beiden anschließend auf eine Design-Konferenz gehen wollten, verwehrten die Türsteher Thompson den Zutritt, weil er ein Glas »Wild Turkey« in der Hand hatte. Wolfe wollte den Whiskey auf die Veranstaltung schmuggeln, aber Thomp­son ging es nicht darum, ein Verbot trickreich zu umgehen, sondern offen gegen die Konventionen zu verstoßen. Und als er es geschafft hatte, dass sie hinausgeworfen wurden, war er glücklich.

Dieser von der Redaktion gekürzte Text erscheint demnächst in dem Buch »Gonzo Generation. Das Beste der Gonzo-Papers«, in dem die Gonzo-Reportagen von Hunter S. Thompson zum ersten Mal auf Deutsch veröffentlicht werden.