In der Sache

Zu den Nachrufen auf Raul Hilberg kommentar von jan süselbeck
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Wer sich die Zeit nimmt, Raul Hilbergs Standardwerk »The Destruction of the European Jews« zu lesen, hat hinterher etwas begriffen. »Die Vernichtung der europäischen Juden durch die Deutschen war ein brachialer Gewaltakt; der jüdische Zusammenbruch unter dem deutschen Ansturm war eine Manifestation des Scheiterns«, lautet der erste Satz der Studie. Man sollte diese Feststellung mit der verbinden, die sich im Blick auf das Zeitalter atomarer Massenvernichtungswaffen am Ende findet: »Das Judentum sieht sich dem letzten Waffenaufgebot gegenüber. Es verfügt über wenige Abschreckungsmittel. Die Juden können jetzt freier leben. Sie können auch schneller sterben. Der Gipfel ist in Sicht. Unten hat sich ein Abgrund aufgetan.«

Solch klaren Sätzen stand in der vorigen Woche nach Hilbergs Tod die Dreistigkeit deutscher Nachrufe gegenüber. Die Welt stellte wie viele Zeitungen den jüdischen Historiker als Vater der Theorie einer »kumulativen Radikalisierung« dar. Ihr zufolge waren vor allem komplexe, bürokratische Strukturen schuld an der Shoah, nicht einzelne Menschen. Nicht nur, dass dies eine Verkürzung dessen ist, was Hilberg in seinem Hauptwerk herausgearbeitet hat. In der Welt gipfelt diese Einordnung in der Behauptung, seine wichtigste Hinterlassenschaft sei diese: »Aller Forschung zum Trotz ist der absolute Zivilisationsbruch des Holocaust eben doch nicht rational zu erklären.« Für diese Erkenntnis hätte Hilberg freilich nicht 1 351 Seiten schreiben müssen.

In der taz schreibt der Historiker Ulrich Herbert, dass Hilberg nichts mit den »Bemühungen staatlicher Stellen und jüdischer Organisationen« im Sinn gehabt habe, »den Judenmord zu einer Art Zivilreligion zu machen«. Da fehlte nur noch Lorenz Jäger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dass Hilberg Norman Finkelsteins »Kritik an jüdischen Organisationen in den Vereinigten Staaten ›im Kern‹ teilte, dass er, wie Finkelstein, die Entschädigungsforderungen an die Schweizer Banken für überzogen hielt (um das mindeste zu sagen), das mag sicher in der spontanen Sympathie des einen historiographischen Einzelgängers für den anderen begründet sein, aber hatte auch Gründe in der Sache.«

Welche das sein sollen, verrät Jäger nicht. Es bleibt dabei: Was bei Hilberg wirklich Sache war, erfährt man in seinen Büchern. Und nicht in einer Zeitung für Deutschland.