Unter den Achseln blond

Der polnische Adlige Antoni Graf Sobanski besuchte mehrmals das nationalsozialistische Deutschland. Seine Beobachtungen sind als Buch erschienen. von klaus bittermann

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e länger der Nationalsozialismus zurückliegt, desto besser wird er in Deutsch­land bewältigt. So gründlich die Identifikation mit dem Nationalsozialismus einst war, so gründlich wird auch seine Aufarbeitung betrieben. Es wurden unzählige, dicke Bücher über ihn verfasst, und es gibt kaum einen Aspekt, der nicht bis in den letzten Winkel ausgeleuchtet und dem nicht eine umfangreiche Studie gewidmet wurde. Nur einer Facette wurde nie allzu große Aufmerksamkeit zuteil: der Lächerlichkeit Hitlers und seiner Anhänger. Denn man befürchtet, die Verbrechen zu relativieren. Das jedenfalls war der in der Regel geäußerte Einwand, als zum Beispiel Achim Greser in 44 Cartoons Hitler als kleines Würstchen darstellte, als Versager, Dilettanten und Kleinbürger. Über Hitler zu lachen, wurde und wird immer noch als Frevel empfunden. Nur gut, dass sich Cartoons leicht ignorieren lassen.

Es ist eine Sache, die Naziverbrechen zu verabscheuen und auf ihrer Singularität zu beharren, eine andere ist es zu begreifen, wie vollkommen alberne Figuren wie Hitler, Goebbels und Göring zu dieser Macht kommen und diese Verheerungen anrichten konnten, vor allem wenn man weiß, dass es nur wenige Menschen gab, »die die späteren Verbrechen des Regimes aus vollem Herzen bejahten, dafür aber eine große Zahl, die absolut bereit waren, sie dennoch auszuführen«, wie Hannah Arendt einmal bemerkte.

Zu diesen Fragestellungen erfährt man auch aus den vielen Gesamtdarstellungen des NS nur wenig, gar nichts von den Tätern selbst. Eine Ausnahme ist da Sebastian Haffner, der in seiner »Geschichte eines Deutschen« die Veränderungen in der Gesellschaft und in seiner näheren Umgebung registriert und die Zunahme von Brutalität und psychischer Verwahrlosung, den grenzenlosen Opportunismus, die idiotische Lächerlichkeit und die Entfremdung und Verlorenheit eines Individuums beschreibt.

So aufschlussreich sind höchstens noch Zeitzeugnisse von Ausländern, die sich vorübergehend in Deutschland aufhielten und die den ethnologischen Blick auf ein ihnen fremdes »Kulturvolk« hatten, wie z.B. Howard K. Smith in »Der Feind hört mit«. Nun ist mit »Nachrichten aus Berlin 1933–1936« ein weiteres, wichtiges Werk mit dieser Perspektive erschienen, das die Lektüre von zwei Kilogramm Joachim Fest ersetzen dürfte.

Antoni Sobanski, einer »der aufgeklärtesten polnischen Aristokraten« und »ein Vorbild für Eleganz, Geschmack, distinguierte Umgangsformen und ähnliche Tugenden«, wie ihn der Schriftsteller Witold Gombrowski beschrieb, besuchte 1933, 1934 und 1936 Berlin und Nürnberg und berichtete in mehreren Reportagen über den Alltag der Deutschen. Gerade weil Sobanski kein Linker war und versuchte, der »nationalsozialistischen Revolution« ohne Vorbehalte zu begegnen, hat seine stilistisch brillante Enthüllung der deutschen Mentalität großen Witz und gewährt einen tiefen Einblick in die »deutsche Seele«. Die vielen, für sich vielleicht unbedeutenden Beobachtungen aus dem gesellschaftlichen Leben der Berliner ergeben dabei eine faszinierende Rundschau, in der sich die Fremdheit, das Lächerliche und das Absurde in voller Pracht entfalten.

1934 im Frühsommer: Nach der ersten Terrorwelle herrscht ein Klima der Angst. Überall sind Uniformen zu sehen, und zwar nicht nur die mit dem »häßlichsten aller Brauntöne«, sondern derartig viele verschiedene, dass man offensichtlich leicht den Überblick verlieren konnte. »Nur eine verschwindend kleine Anzahl junger Leute in Berlin gehört keiner Organisation an«, stellt Sobanski fest. Ebenso verwirrend scheint die Vielfalt der diversen Abzeichen gewesen zu sein, und es erforderte schon ein kleines Spezialstudium, um zu wissen, welches Abzeichen an welcher Uniform wo getragen werden durfte. Die Cafés der Bohème sind geöffnet, aber leer. In einem Lokal, dessen Bewirtschaftung »rein national« ist, erheben sich die Gäste oft »und trinken ihr Bier im Stehen, ein sehr kompliziertes Ritual. Es ist mir nicht gelungen, alle seine Geheimnisse aufzudecken.« Die Nazis versuchten, den Alltag der Deutschen bis ins Kleinste zu reglementieren, und ein »Nationales Amt für Mode« entwarf sogar »Vorschriften für Eintänzerinnen über die Tiefe ihres Ausschnitts«. Sobanski berichtet weiter über den Versuch, die Prostitution abzuschaffen. Das Ergebnis war, dass die Frauen drei Tage nach einer großen Razzia »wieder ihre alten Posten bezogen, etwas wund, aber mit nationalsozialistischem Abzeichen an der Brust«. Es ist die Zeit der zahlreichen Selbstmorde »aus unbekannten Gründen«. Und Sobanski fügt sarkastisch hinzu: »Ja doch, das muss eine Revolution sein.«

Er war auch Zeuge der Bücherverbrennung. Sie löste in ihm, dem Bildungsbürger, zwar »große Traurigkeit« aus über ein »Volk, das diese Schande auf sich lud«, und darüber, »als gaffender Ausländer Zeuge dieser ›Familienschande‹ gewesen zu sein«. Er beschreibt die Veranstaltung jedoch als ziemlich misslungene Inszenierung, die nichts mit der späteren, »hysterischen« Darstellung in der Presse zu tun hat. Der Umzug war so unscheinbar, dass er nicht den kleinsten Menschenauflauf verursachte, und auch Straßen mussten nicht gesperrt werden. Die Menge auf dem Platz begrüßte den Umzug nicht, »das Interesse auf den Gesichtern fiel in die Kategorie mittelmäßig«. Dann sprach Goebbels. »Keine Redeparodie könnte diesen demagogischen Ton wiedergeben. Bei mir ruft das Original schon Lachen hervor. Nach der kurzen Ansprache des Propagandaministers jubelten ihm nur die ihm am nächsten Stehenden zu, der Rest glotzte teilnahmslos«, schreibt der Beobachter. Nach dem Ende des Zeremoniells ging die Menge schnell auseinander. Die Feuerwehr löschte das Feuer, und Andenkenjäger wühlten in der Asche, um die Trophäen auf »wahren Auktionen« zu verscherbeln. »Als kleiner Lichtblick in dieser traurigen Geschichte sei noch erwähnt, dass die Studenten auf den Lastwagen während des Umzugs eifrig nach pikanten Werken suchten und für sich zur Seite legten.« Sobanski wertet das als Zeichen, dass »die Jugend menschlich geblieben ist«, eine zwar gewagte These, die aber zeigt, dass er durchaus auch nach positiven Aspekten in den deprimierenden Ereignissen suchte.

Vollkommen abstoßend erscheint Sobanski hingegen der staatlich verordnete Antisemitismus. Die irrsinnige Ideologie dürfte ihm freilich aus Polen bekannt gewesen sein. Doch dort nahm sie nicht den Rang einer offiziellen Staats­ideologie ein. So beschreibt Sobanski, wie er in der Geschäftsstelle der Zeitung Der Angriff das Buch »Juden sehen Dich an« des Sekretärs des deutschen Pen-Clubs, Johann von Leers, durchblättert, das ihm von einem Bekannten empfohlen worden war: »Unwillkürlich steigt in mir nervöses Lachen auf. Die Straße vor dem Fenster, die Redaktion, in der ich sitze, der Herr hinter der Theke – all das spricht dafür, dass ich mich in der zivilisierten Welt befinde. Und dann dieses unglaubliche Dokument der Verwilderung!« In dem Buch wurden sechs Gruppen unterschieden: »Blutjuden, Lügenjuden, Betrugsjuden, Zersetzungsjuden, Kunstjuden und Geldjuden.«

Was bei Sobanski fassungsloses, erschrockenes Staunen auslöst, wird von den Deutschen schweigend und gleichgültig hingenommen. Das scheint ihm nicht weniger merkwürdig wie das geduldige Ertragen der bis zu einer Stunde dauernden Wochenschau vor Filmbeginn, in der »wilde, mit demagogischem Gebrüll vorgetragene Erklärungen« abgegeben wurden. »Albern sieht dabei nur der Führer selbst aus, obwohl nur er allein bei jedem Erscheinen auf der Leinwand tosenden Applaus hervorruft.«

Sobanski kann bei diesem Irrsinn gar nicht anders, als sich mit feinem Witz über die Rasseideologie der Nazis lustig zu machen, ohne dabei sonderlich übertreiben zu müssen: »Alle bekannten Leitlinien der Zucht werden auf die menschliche Rasse angewandt. Wie bei den Kühen wird es in Zukunft Menschen der ersten, der zweiten usw. Kategorien geben. (…) Man hört den Spruch: ›Wir müssen uns vernorden.‹ Von einer Frau mit blondiertem Haar heißt es scherzhaft: ›Sie hat sich vernordet.‹ Eine Breslauer Zeitung berichtete vollen Ernstes, sie hätte ›aus sicherer Quelle‹ erfahren, dass Hitler, obwohl er einen schwarzen Schnurrbart trägt, unter der Achsel blond sei.«

Wie wenig die nationalsozialistische Führungs­riege den eigenen Idealen entsprach, war so offensichtlich, dass man es nicht ignorieren konnte. »In Hitlers nächster Umgebung dagegen gibt es einige, denen offenkundig der Instinkt für die ›Arterhaltung‹ fehlt«, drückt es Sobanski in Anspielung auf Görings angebliche Homosexualität mit feiner Ironie aus. 1934 reist Sobanski wieder zurück nach Polen. Einer seiner bleibenden Eindrücke aus Deutschland: »Eine Höhle, eine Keule und ein behaarter Ehemann, der sich schützend vor seine Frau mit fliehender Stirn stellt – solche Bilder bekommt man vor Augen, wenn man in dieser Atmo­sphäre der Verherrlichung von Stammesdenken lebt.«

Ein Jahr später sieht in Berlin wieder alles anders aus. Die erste Terrorwelle ist vorbei, das Leben bricht sich wieder Bahn. Plötzlich spürt Sobanski eine »warme Herzlichkeit« der Leute auf den Straßen. Die Cafés sind wieder gefüllt, die Zahl der Uniformierten hat stark abgenommen, vom »Nationalen Amt für Mode« ist nichts mehr zu hören, die Bohème blüht wieder auf, und auch Kurzberichte über Selbstmorde in der Rubrik »Vermischtes« entdeckt man nur noch selten.

Nur im Journalismus herrscht vollkommene Gleichschaltung, so dass sogar Goebbels die Presse dazu aufruft, den Zeitungen wieder »ein individuelles Antlitz zu verleihen und konstruktive Kritik am Regime zu üben«. Das ist natürlich nicht so gemeint und auch ein wenig hinterhältig, denn als ein Journalist in der Landwirtschaftszeitschrift Grüne Post sanfte Kritik an den Bedingungen übt, unter denen die Presse arbeiten muss, wird das Blatt drei Monate lang aus dem Verkehr gezogen.

Ein drittes Mal reist Sobanski 1936 nach Deutschland, nach Nürnberg auf den Parteitag, der eine riesige Masseninszenierung ist. Ein Höhepunkt ist die Pressekonferenz Julius Streichers, der »selbst unter den Kollegen der Hitler-Elite als ehrlicher Psychopath gilt«. Die Beschreibung dieser absurden Veranstaltung verdient es, ausführlich zitiert zu werden, weil sie einen Eindruck von der Normalität des Irrsinns verschafft: »Nun betritt Streicher den Saal. Ein dicker, untersetzter Mann mit einer Hakennase und schmaler Stirn. Feierlich, aber rasch mit erhobenen Händchen, schreitet er durch den ganzen Saal. Anschließend werden wir ihm alle der Reihe nach vorgestellt. Die meisten verneigen sich tief – sie fühlen sich ausgesprochen geehrt. Nach dem Abschreiten ›unserer Front‹ stellt er sich hinter den Tisch und redet eine halbe Stunde. Er ist ein Fanatiker mit rabiater Diktion. Einen Journalisten (…) nennt er ›einen Schweinehund‹. (…) Er spricht wie ein Papst zu abreisenden Missionaren.« Auf der einen Seite betont Streicher, dass die Deutschen nicht die Absicht hätten, das Judentum in allen anderen Ländern zu bekämpfen, auf der anderen Seite betont Streicher, dass die ›Judenfrage‹ nicht ohne Blutvergießen gelöst werden könne. »Ich schaue in den Saal: in der ersten Reihe ein fettleibiger, olivenfarbiger und abstoßender Italiener mit raben­schwarzem Haar, lüstern hervorquellenden Lippen und Hakennase. Ein hervorragendes Gesicht für die erste Seite des Stürmer. Jemanden, der weiter vom Ariertum entfernt ist, kann man sich schwer vorstellen. Aber für Streicher ist er ein Bruder.«

Später folgt die Eröffnung des Parteitags mit einer Rede Hitlers, in der er u.a. die »Wiedergeburt des deutschen Theaters« feiert. Jeder weiß, dass das deutsche Theater ohne die jüdischen Schauspieler völlig auf den Hund gekommen ist. Aber der Theaterexperte Hitler »lässt uns süffisant wissen, all das habe man erreicht, ohne dass sich ein einziger Jude daran beteiligte. (…) Göring schüttelt sich vor Lachen regelrecht aus. Er hopst in seinem Sessel wie ein Ball auf und ab und klatscht dabei spärlich in seine fetten Hände. (…) Sein weibliches Gesicht wird dabei fürchterlich rosa, fast lachsfarben. Aus seiner Gestalt sprudelt grenzenloser, infantiler Sadismus. So muss Nero ausgesehen haben, als er den Brand Roms besungen und auf der Lyra begleitet hat. Schade, dass wir Charles Laughton nie in der Rolle des preußischen Premiers erleben werden.«

Trotz Masseninszenierung, Fahnenmeer, Lichtdom mit 150 Flakscheinwerfern, unendlichen Paraden und Reden, die die Macht und die Pracht des Systems ins rechte Licht rücken sollen, bleibt Sobanski skeptisch. Immerhin, so glaubt er, scheint das System keinen Krieg zu wollen und auch keinen zu erwarten. Drei Jahre später hatte sich das geändert. Aber entscheidend ist nicht die unzutreffende Voraussage Sobanskis, sondern dass er die richtige Frage gestellt hat: Warum haben sich bestimmte gesellschaftliche Gruppen und Parteien in Deutschland, die z.T. nicht einmal von der Repression betroffen waren und Macht im Staatsapparat besaßen, so »offenkundig feige« verhalten? Sobanski meint, weil »die Deutschen ihrer Natur nach schlicht unfähig sind, aus der Reihe zu tanzen«. Die Erklärung ist vielleicht etwas schlicht, aber ganz so einfach erschließt sich einem polyglotten Polen eben nicht, warum die Deutschen Hitler folgten.

Sobanskis Buch ist jedenfalls von unschätzbarem Wert, weil es Alltagsbeobachtungen aus Nazideutschland aus erster Hand enthält, wie man sie selten zu lesen bekommt. Niedergeschrieben von einem großartigen Autor, der eine feine Beobachtungsgabe hatte und der mit Witz, Stil und Verstand viel Erhellendes und Unerwartetes aus einem schrecklichen Universum mit seinen schrecklichen Eingeborenen berichtete.

Antoni Graf Sobanski: Nachrichten aus Berlin 1933–1936. Parthas Verlag, Berlin 2007, 251 S., 19,80 Euro