Vom Tempelberg nach Tempelhof

Vor 700 Jahren wurde der Orden der Tempelritter zerschlagen. Ritter, Ritterorden und den christlichen Anspruch auf das »Heilige Land« gibt es auch heute noch.
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Am frühen Morgen des 13. Oktober 1307, einem Freitag, öffneten überall in Frankreich die Leiter der königlichen Polizeidienststellen einen versiegelten Umschlag. Kurz darauf begann eine landesweite Großrazzia und Verhaftungswelle gegen die Angehörigen des Templerordens. Der volle Name des damals etwa 200 Jahre alten Ordens lautete »Arme Ritterschaft Christi vom salomonischen Tempel«, es war der erste Orden, in dem die Stände der Ritter und Mönche verschmolzen, er war hoch angesehen als wichtigste militärische Einheit beim Kampf ums »Heilige Land«. In über 1 000 Komtureien, den Gutshöfen, Ländereien und Klöstern des Ritterordens fielen an jenem Morgen Polizisten ein und verhaftet 546 Tempelritter. Illegalerweise übrigens: Die Templer unterstanden ausschließlich dem Papst, jedoch keiner weltlichen Gerichtsbarkeit. Auch der folgende, über sieben Jahre dauernde Prozess entbehrte jeder rechtlichen Grundlage, erst recht nach heutigem Verständnis. Zwar wurden die Beschuldigten vor Gericht gehört, doch unter Folter hatte man ihnen längst Geständnisse abgepresst, die die 172 größtenteils absurden Anklagepunkte zu bestätigen schienen. Selbst der Großmeister des Tempels, Jacques de Molay, gestand zunächst, widerrief dann allerdings seine Aussagen. Zu den Vorwürfen gehörte die angebliche Anbetung eines Götzenbildes, die Verleugnung Christi, die Besudelung des Kreuzes, Homosexualität, Bündelei mit den Muslimen, Verschwendung der Ordensgüter, Habgier bei Geschäften.

In Wirklichkeit jedoch wurden die Templer Opfer eines Machtkampfs zwischen dem französischen König Philipp IV. und dem Papst. Dem König war der Orden zu mächtig geworden. Die in ganz Europa verbreiteten Mönchsritter stellten eine Art nicht-territorialen, extralegalen Staat im Staate dar, der zudem Bankgeschäfte erledigte und noch dazu über enorme Besitztümer verfügte – auf die es König Philipp ebenfalls abgesehen hatte.

Die Templer wurden schließlich allesamt verurteilt, zu lebenslanger Kerkerhaft oder zum Tode. 1314 wurde schließlich der Großmeister Jacques de Molay in Paris auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Bereits 1312 war der Orden verboten worden. Die Besitztümer, vor allem Ländereien in ganz Europa, gingen unter anderem an den dem Templerorden sehr ähnlichen Johanniter­orden. Während für die Templer jener 13. Oktober, der sich dieser Tage zum 700. Male jährt, also wahrlich ein Pechtag war, war er für die Johanniter ein echter Glückstag. Noch heute fahren sie ihre Krankenwagen auf unseren Straßen umher. Neben dieser modernen Erscheinung pflegen jedoch 3 900 »Ritter« unter Vorsitz des »Herrenmeisters« Oskar Prinz von Preußen noch immer ihren geistlichen Orden, gegliedert wie vor hunderten von Jahren in »Balley«, »Kommenden« (Genossenschaften) und Ordensregierung. Der Johanniterorden ist Teil der Evangelischen Kirche Deutschlands.

Auch der katholische Malteserorden, der sich von dem im 16. Jahrhundert reformierten Johanniterorden abgespalten hatte, ist heute nicht nur eine karitative Hilfsorganisation, sondern auch ein geistlicher Orden mit »Rittern« und »Damen«, die bei ihrer Aufnahme Armut, Keuschheit und Gehorsam geloben und von einem »Großmeister« geleitet werden. Zugleich ist der Malteserorden so etwas wie ein Staat ohne Territorium. Er hat den Status eines »nichtstaatlichen Völkerrechtssubjekts«, verfügt über eine eigene Währung und genießt Beobachterstatus bei der Uno.

Der Deutsche Orden, der dritte während der Kreuzzüge im »Heiligen Land« aktive und nach dem Vorbild der Templer gegründete Ritterorden, konnte nach dem Verbot der Templer ebenfalls weitermachen. Er widmete sich im 13. und 14. Jahrhundert vor allem der blutigen Eroberung und Christianisierung Osteuropas. 300 Kreuzzüge führten die Deutschritter zwischen 1305 und 1409 gegen die Litauer, jeder einzelne ein gnadenloses Gemetzel. Heute gibt es den Deutschen Orden immer noch, oder besser gesagt wieder. Eines seiner Mitglieder ist Laienbruder Edmund Stoiber, bis vor kurzem Ministerpräsident Bayerns.

An die Templer hingegen erinnern nur noch einige Burgen, Kirchen und Ruinen in Europa und im »Heiligen Land«. Und Straßen- und Ortsnamen wie zum Beispiel Tempelhof. Der heutige Berliner Bezirk gehörte ebenso wie die Ortschaften Mariendorf, Marienfelde und Rixdorf zu den Besitztümern des Templerordens. Die Siedlungen gingen nach deren Verbot in den Besitz der Johanniter über, die sie 1435 dann an die Stadt Berlin verkauften. Auch die heutige Tempelherren-Grundschule in Tempelhof ist nach den Mönchsrittern benannt, ein Templerkreuz ziert das Gebäude. Die Bürgerzeitung der CDU-Tempelhof nennt sich Der Templer und ist ebenfalls mit einem Templerkreuz dekoriert.

Es gibt auch heute noch Orden, die sich in der Tradition der alten Templer sehen, allerdings kann von einer historischen Kontinuität keine Rede sein. Dennoch beziehen sich die diversen Neo-Templer auf die Geschichte und Werte der Kreuzfahrer und sind teilweise auch im »Heiligen Land« aktiv, wo sie Altenheime, Kindergärten und Kirchen vor allem in Jerusalem, Gaza und der Westbank unterstützen. Ihnen gemeinsam ist eine sehr kritische Einstellung zum israelischen Staat, den sie für die Lage der Palästinenser in den besetzten Gebieten verantwortlich machen. Das gilt auch für den »Deutschen Verein vom Heiligen Lande«, dessen Präsident Kardinal Joachim Meisner ist, der im Februar eine Pilgerfahrt deutscher Bischöfe organisierte, antiisraelischen Äußerungen fielen.

Ihren Auftrag sehen diese Organisationen – ganz in der Tradition der Ritterorden – im »Schutz der heiligen Stätten« und in der Verbreitung des Christentums im »Heiligen Land«. Die ursprüngliche Absicht des »Deutschen Vereins vom Heiligen Lande« im 19. Jahrhundert war, deutsche Katholiken in Palästina anzusiedeln, was jedoch daran scheiterte, dass sich keine Siedler fanden.

Erfolgreicher als die Katholiken waren in dieser Hinsicht die Protestanten. Auch die württembergische »Tempelgesellschaft« hatte die christliche Kolonisierung Palästinas zum Ziel, bis zum Jahr 1920 siedelten rund 2 500 so genannte »Templer« in Palästina. Es war die erste erfolgreiche europäische Ansiedlung in der Region seit den Kreuzzügen. Diese deutschen »Templer« waren stark nationalistisch, radikal-protestantisch und judenfeindlich eingestellt und bildeten ab 1931 sogar NS-Organisationen. Von dieser Siedlerbewegung sind heute in Israel, etwa im Zentrum Haifas, noch viele Spuren zu sehen. Mit dem Orden der Tempelritter hatten diese neuzeitlichen Templer jedoch – abgesehen vom christlichen Anspruch auf das »Heilige Land« – nichts zu tun.

Die historischen Ritterorden wurden gegründet, um nach der Eroberung Jerusalems das christliche Königreich, die heiligen Stätten und die Pilger zu schützen – und nicht zuletzt zur militärischen Unterstützung der Kreuzzüge. Die Kreuzzüge galten zwar hauptsächlich der Eroberung des »Heiligen Landes«, auf dem langen Weg nach Palästina wüteten Kreuzzügler jedoch auch gegen die »Heiden« im eigenen Land – die Juden. Im Rheinland, Frankreich und Prag wurden Juden zu Tausenden hingemetzelt. Während die meisten Kreuzzugsteilnehmer aus Europa nach Palästina zogen, um dort ein paar Schlachten zu schlagen und reichlich muslimisches Blut zu vergießen und, falls man überlebte, was nur einer Minderheit gelang, möglichst schnell wieder nach Hause zurückzukehren, hatten die Templer und Hospitaliter (Johanniter) jedoch im Königreich auszuharren und die eroberten Festungen gegen die Muslime zu verteidigen.

So tragen die Templer ihren Namen nicht nach irgendeinem beliebigen Tempel, sondern nach jenem auf dem Tempelberg in Jerusalem. Als die Templer dort ihr Hauptquartier bezogen, stand da jedoch schon lange kein Tempel mehr, sondern wie noch heute die al-Aqsa-Moschee. In diesem Gebäude waren damals die Templer untergebracht, knapp 90 Jahre lang konnten sie die Bastion halten. Nachdem 1291 die letzte Kreuzritterburg in Akko gefallen waren, war das »Heilige Land« für die Christen verloren. Die Templer, die ihre eigentliche Aufgabe verloren hatten, zogen sich auf ihre Komtureien und Landgüter in Europa, vor allem Frankreich, zurück.

Von den Templern ist, nachdem man ihnen an jenem Freitag vor 700 Jahren auf der Grundlage einer groß angelegten Verschwörungstheorie den Garaus machte, wie gesagt, nicht viel geblieben. Geblieben sind eigentlich nur die Verschwörungstheorien selbst. Derer allerdings gibt es so viele, dass man sie kaum alle aufzuzählen vermag. Umberto Eco hat sich im »Foucaultschen Pendel« mit dieser Verschwörungsinflation auseinandergesetzt. Angeblich sollen einige Templer überlebt haben und nach Schottland geflohen sein. Dort seien aus ihnen die Freimaurer entstanden, lautet eine gängige Theorie. Sie sollen außerdem die Gotik erfunden, Nordamerika entdeckt und die Französische Revolution organisiert haben. Außerdem sollen die Templer das Geheimnis des Heiligen Grals hüten, das die Grundfesten der Kirche erschüttern könnte: Jesus habe mit Maria Magdalena ein Kind gezeugt, noch heute lebten die Nachfahren. Und so weiter und so fort.

Das lebhafte Interesse an Verschwörungstheorien korrespondiert dabei mit jenem an den Kreuzzügen. In einer Ausstellung im österreichischen Schallaburg mit dem launigen Titel »Die Kreuzritter. Pilger. Krieger. Abenteurer« wurde vorige Woche bereits der 150 000. Besucher begrüßt. Und, last but not least, gibt es im israelsolidarischen Milieu einige wirre Geister, die sich in ihrer Kritik am Islamismus und in ihrer Verteidigung des Abendlandes ausgerechnet auf das Kreuzrittertum beziehen. »Israelsolidarisch« ist das jedoch keineswegs: Das kreuzritterliche Abendland hatte im »Heiligen Land« keine Juden vorgesehen.