Schwere Zeiten

Berlinale: »Heavy Metal in Bagdad«

Die Entstehungsgeschichte der beiden US-Doku­mentarfilme der diesjährigen Berlinale, die sich mit dem Irak-Krieg befassen, ist sehr ähnlich. Beide wurden nur möglich, weil zu diesem Zeitpunkt in Bagdad anwesende Amerikaner im Herbst des Jahres 2003 auf digitalen Speichermedien zwei höchst gegensätzlicher Ereignisse festhielten: die Folterszenen im Gefängnis von Abu Ghraib. Und die Acts der Heavy-Metal-Band Acrassicauda in Bagdad.

In »Standard Operating Procedure« kommen fünf der damaligen Täter von Abu Ghraib in zum Teil selbstentlarvenden Interviews zu Wort, die Enstehungsgeschichte der weltberühmten Folterfotos wird minutiös aufgearbeitet. Dies ist vom Dokumentarfilm-Veteranen und Oscar-Preistäger Errol Morris (»Fogs of War«) gekonnt und routiniert in Szene gesetzt, ganz anders als der mit Handkameras im Guerilla-Doku-Style gedrehte »Heavy Metal in Bagdad«. Dass aus den Aufnahmen einmal ein abendfüllender Film enstehen sollte, wäre den beiden Vice-Journalisten Eddy Moretti und Suroosh Alvi anfänglich niemals in den Sinn gekommen. 2005 organisierten die Journalisten für die mutigen Schwer­metall-Pioniere ein Konzert in einem Bagdader Hotel. Die untypische Kurzhaartracht der Fans ist dabei nur eines der deutlich sichtbaren Zeichen der Auswirkungen allgegenwärtiger islamis­tischer Repression. Lange Haare zu haben ist, weil satanistisch, ebenso gefährlich wie das Tra­gen von westlichen Band-T-Shirts. Und Headbangen ist strikt verboten, weil es die Fundamen­talisten zu sehr an das jüdische Gebet erinnert und ihnen deswegen als zionistisches Zeichen gilt. Die Auswirkungen eines im Chaos versinkenden Landes erfassen die Gruppe mit voller Wucht: 2006 fliehen zwei Mitglieder nach Syrien, Proberaum und Equipment werden von einer Rakete zerstört. Die Filme­macher können sich bei ihrem erneuten Besuch nur mit schusssiche­ren Westen und beschützt von einem Dutzend Leibwächter durch Bagdad bewegen, die Treffen mit den restlichen Bandmitgliedern müssen konspirativ stattfinden. Am Ende des Films sind alle Acrassicauda-Mitglieder nach Damas kus geflohen, wo sie in trostlosen Flüchtlingsquartieren leben und wo eigentlich auch kein Platz für Heavy Metal ist.

»Heavy Metal in Bagdad« (USA 2007). Regie: Eddy Moretti, Suroosh Alvi

Ist Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der Jungle World etwas wert? Dann abonnieren Sie jetzt oder unterstützen Sie uns spontan mit einer Spende!