Gespräch mit David Fallstädt und Angelika Poss über das »New Yorck« und die Bedeutung von Freiraum

»Ein Freiraum ist nie fertig«

Besetzte Häuser sollten nicht dazu dienen, sich darin zurückzuziehen, sondern von dort aus gesellschaftlich einzugreifen, sagen Angelika Poss und David Fallstädt vom »New Yorck« in Berlin-Kreuzberg.

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Vor wenigen Wochen wurde der Südflügel des Bethanien, die einzige Neubesetzung in Berlin seit Jahren, durch einen Beschluss der Bezirksverordnetenversammlung legalisiert. Welche Gründe hatte euer Erfolg?

David: Wichtig war, die ersten Tage zu überstehen. Tausende in der Stadt waren vor knapp zwei Jahren wegen der kurz zuvor erfolgten Räumung der »Yorck 59« mobilisiert. Das Thema Spekula­tion war in den Medien präsent und die »New Yorck« wurde von den unterschiedlichsten Initiativen unterstützt.
Angelika: Die Leute aus der »Yorck 59« waren immerhin so stark, dass keiner der Bezirkspolitiker als Eigentümer des Bethanien den Räumungs­befehl für die Polizei unterschreiben und somit öffentlich verantworten wollte. Nach wenigen Tagen sagte dann die Polizei, jetzt ist es zu spät, und verwies die Bezirkspolitiker auf den zivilrechtlichen Klageweg.
David: Anders als bei dem rund eineinhalb Jahre dauernden Konflikt um die »Yorck 59« konnten sich die Politiker beim Bethanien nicht hinter dem bürgerlichen Eigentumsbegriff verstecken. Es ist öffentliches Eigentum, stand leer, und weil die Politiker, außer es zu verkaufen, keine konkreten Pläne dafür hatten, waren auch keine Rechte Dritter berührt. Und natürlich gingen wegen des berühmten Songs der Ton Steine Scherben zur Bethanien-Besetzung Anfang der siebziger Jahre die Spotlights der Medien fast automatisch an.
Angelika: Und dann haben wir aus der Nachbarschaft, der die Schließung vieler sozialer Einrichtungen auf dem Bethanien-Gelände schon lange ein Dorn im Auge war, uns sofort eingemischt und die »Initiative Zukunft Bethanien« gegründet. Das Instrument eines Bürgerbegehrens war noch keine zwei Wochen Gesetz, schon benutzten wir es, um auch auf diesem Weg eine Privatisierung des Bethanien zu verhindern. Damit sprachen wir nicht nur die typische Hausbesetzer-Szene an, sondern alle.

Oft reduzieren sich Hausbesetzungen doch schnell auf eine kleine, in sich geschlossene Gruppe. Wart ihr erfolgreicher?

David: Teils, teils. Immerhin haben rund 14 000 Menschen das Bürgerbegehren unterschrieben. Wenn 50 Leute zu einer Ideenwerkstatt zur Zukunft des Bethanien kommen, sind das viele oder wenige?
Angelika: Dort forderten die Leute immer wieder Freiräume für künstlerische, kulturelle, so­zia­le und politische Projekte.
David: Es geht um unkommerzielle Freiräume, weil es kaum noch Treffpunkte gibt, wo man ohne Geld hingehen und sein Anliegen verbreiten kann. Zum Beispiel wird nun im Südflügel das Klima-Camp vorbereitet, und die Initiative »Mediaspree versenken« trifft sich hier.

Immer wieder taucht der Begriff »Freiraum« auf, was bedeutet er für euch?

David: Etwa, ohne über Geld zu verfügen, eine Veranstaltung zu einem mir wichtigen Thema machen zu können. In der Schule bestimmt der Lehrer über dich, beim Einkaufen »der Markt«, ein Freiraum ist ein Ort, um all dies in Frage zu stellen.
Angelika: Freiraum meint nicht nur einen Ort, sondern auch eine Einstellung, dass man sich ausprobieren kann, dass man Gesellschaft und Methoden neu denken kann. Er bietet ein großes Potenzial zur Entwicklung jedes Einzelnen. Und ein Freiraum ist nie fertig, lebt gerade davon, dass er immer wandelbar ist.

Aber nannte man dies früher nicht einfach »Au­tonomie«? Und hat man damit nicht die Erfahrung gemacht, dass dies sehr schnell in eine Selbstghettoisierung umschlagen kann?

Angelika: Die Gefahr sehe ich viel eher, wenn du denkst, du hast fertig gedacht, dann brauchst du nicht mehr nach außen zu schauen. Dann richtest du dich drinnen gemütlich ein und es kommt zum Stillstand.
David: Dazu interessiert uns die Gesellschaft viel zu sehr. Beispielsweise greift die Initiative »Me­dia­­spree versenken« die zentrale Stadtplanung an, wieder begleitet von einem Bürgerbegehren mit augenblicklich rund 16 000 Unterschriften. Inzwischen haben wir uns eine ziemliche Kompetenz darin angeeignet, zu durchschauen, wie durch finanzielle Steuerungsinstrumente die täg­liche Politik gelenkt wird. Wir scheuen uns nicht, uns mit Finanzsenator Thilo Sarrazin und seinen Abteilungsleitern auf öffentlichen Podien zu strei­ten. Die müssen uns sogar oft sachlich Recht geben, ändern aber nichts. Auch bei diesen Fragen darf man die Deutungshoheit nicht einer Funk­tionärskaste überlassen, die keine Antwort auf die sozialen Probleme der Stadt hat.

David Fallstädt (30) lebt im »New Yorck«, dem Südflügel des Bethanien. Angelika Poss (41) wohnt in der unmittelbaren Nachbarschaft.