Erinnerung an David Ben Gurion

Der Staatsmann

Am 14. Mai 1948 verlas David Ben Gurion die israelische Unabhängigkeitserklärung.

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They ain’t making jews like Jesus anymore«, heißt der Titel eines Albums von Kinky Friedman, Texas’ berühmt-berüchtigtem jüdischen Country-Sänger und Schriftsteller. »They ain’t making politicians like David Ben Gurion anymore«, so könnte der Titel eines Klageliedes lauten, gesungen von den frustrierten Mitgliedern der israelischen Arbeiterpartei. Denn Politiker, die mit ihrem Charisma, Stil oder programmatischen Neuerungen die israelische Sozialdemokratie aus den Umfragetiefs und Wahlniederlagen der vergangenen Jahre herausholen könnten, sind nirgendwo in Sicht. Prominente Figuren, die inhaltlich vielleicht nicht immer konsensfähig sind, aber wegen ihrer Persönlichkeit oder Integrität über alle Parteigrenzen hinweg trotzdem ein hohes Ansehen genießen, sind wohl eher in der Vergangenheit als in der Gegenwart zu finden.
David Ben Gurion war so jemand. Und das nicht nur, weil er es war, der im Mai 1948 den Staat Israel ausrief. Generell spielte er in den Jahren 1947 und 1948 eine entscheidende Rolle. »Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es eine einzigartige internationale Konstellation, die die Schaffung eines jüdischen Staates überhaupt erst möglich machte«, so der Historiker Walter Laqueur. »Es ist wahr, dass die meisten Politiker von Washington bis Moskau nicht gerade enthusiastisch, wenn nicht sogar feindselig dieser Idee gegenüberstanden. Und auch die Mehrheit der zionistischen Führung zog es eigentlich vor, weiter abzuwarten.« Nur ein Jahr später hätte es vielleicht nicht mehr geklappt, einen Staat Israel mit Hilfe der Vereinten Nationen ins Leben zu rufen. »Keiner war sich dessen bewusster als David Ben Gurion, und es ist seiner Hartnäckigkeit zu verdanken, dass die alles entscheidende Resolution in Lake Success im November 1947 akzeptiert wurde und die Unabhängigkeit ausgerufen werden konnte«, lautet Laqueurs Urteil.
Angesichts der Schwäche des Yishuv, der vorstaatlichen jüdischen Gemeinschaft in Palästina mit ihren gerade einmal rund 500 000 Angehörigen, wirkte die Entscheidung zugunsten eines Staats wie ein Vabanquespiel. Aber David Ben Gurion war alles andere als ein Glücksritter. Er hatte ein einzigartiges Gespür dafür, was möglich war und was nicht. Er hatte seine Karriere zur Zeit des zaristischen Russland begonnen und beendete sie in den Tagen des Vietnam-Kriegs. Bis zum Alter von 61 Jahren, als er zum ersten Ministerpräsidenten Israels ernannt wurde, waren seine politischen Aktivitäten recht überschaubar. Von 1921 bis 1933 hatte er den Posten des Generalsekretärs einer kleinen und damals finanziell stets in Schwierigkeiten steckenden Organisation inne, dem Gewerkschaftsverband Histadruth. Zudem war er einer der Gründer der sozialistischen Partei Achdut Ha’avoda, der späteren Regierungspartei Mapai, deren Vorsitzender er bis 1965 blieb. Die Tatsache, dass sich David Ben Gurion damals in erster Linie mit Konflikten zwischen Landarbeitern und ihren Arbeitgebern sowie den Streitigkeiten innerhalb des weit verzweigten zionistischen Organisationsapparates herumschlagen durfte, deutete nicht gerade darauf hin, dass er einmal als Politiker Geschichte schreiben würde. Auch hatte er in seiner Jugend wenig formelle Erziehung genossen und sich dennoch zu einem Intellektuellen von Format entwickelt.
Im Alter von über 50 lernte er Griechisch im Selbststudium und verbrachte so manche Nacht während der deutschen Luftangriffe auf London damit, im Schutzraum Platon und Aristoteles im Original zu lesen. Und in seinen späteren Lebensjahren kamen noch Bücher über fernöstliche Philosophie und Buddhismus dazu. All das erstaunt um so mehr, wenn man bedenkt, in welches Umfeld er 1886 hineingeboren wurde. Seine Familie gehörte zwar zu den Mitnagdim, also Juden, die klar in Opposition zu den mystischen Strömungen standen, allen voran dem Chassidismus. Präzionistische Gruppen wie Hibbat Zion, die eine jüdische Besiedlung Palästinas propagierten, Ideen der jüdischen Aufklärung oder die sich organisierende Arbeiterbewegung prägten die geistige Atmosphäre. Doch das bedeutete nicht, dass es bei Familie Grün, wie sein Familienname ursprünglich lautete, bevor er nach Palästina ging und ihn in Ben Gurion änderte, sehr weltlich zuging. Bis zu seiner Bar Mitzwah lernte er wie fast alle jüdischen Kinder in Osteuropa in einem Heder, einer Schule, in der religiöses Basiswissen vermittelt wurde. Was auffällt: Schon früh entwickelte David Ben Gurion ein starkes Empfinden dafür, welche politische Bedeutung Sprache haben kann. Die erste seiner Wahl war damals Russisch – schließlich gehörte das rund 60 Kilometer von Warschau entfernte Plonsk, in dem er aufwuchs, zum Zarenreich. Polnisch zu lernen, betrachtete David Ben Gurion deswegen als völlig »überflüssig«, wie er es in seinen Memoiren formulierte. Über Jiddisch verlor er bemerkenswerterweise kein Wort, obwohl es zweifellos seine Muttersprache war. Als er 1906 nach Palästina auswanderte, beherrschte er bereits fließend Hebräisch. Und die Aufforderung an Einwanderer und schon in Palästina lebende Juden, ihre Namen zu hebräisieren, so wie er es 1906 tat, gehörte bis zuletzt zu seinem Mantra.
Hibbat Zion, jüdische Arbeiterbewegung und Aufklärung – all das waren die Zutaten, die ihn zum Anhänger und Vertreter eines ganz besonderen Typs von Sozialismus machten, wie er in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts eigentlich nur in Palästina zu finden war. Bis weit in die dreißiger Jahre hinein lässt sich dies immer wieder in Form einer alles beherrschenden Dichotomie in David Ben Gurions Schriften erkennen: Er zog darin eine ganz klare Trennlinie zwischen dem zionistischen Bourgeois und dem zionistischen Pionier, der natürlich sozialistisch sein musste. Letztgenannter steht für den Neuen Hebräer und seine Revolte gegen die traditionellen jüdischen Lebensweisen der Dias­pora. Der Bourgeois dagegen repräsentiert die Welt von gestern, auch wenn er in Palästina lebt, denn er hat seine alten Gewohnheiten genauso wenig abgelegt wie seinen Namen, sondern – schlimmer noch – mit ins Land gebracht.
»Von Anfang an war unsere Bewegung eine Rebellion der Pionierjugend gegen das Elend des jüdischen Lebens, der beschämenden Realität der Diaspora, der Sinnlosigkeit des jüdischen Sozialismus und der Sterilität des deklaratorischen Zionismus«, so beschreibt es David Ben Gurion in »Wir und unsere Nachbarn«, einem Buch, das er 1933 veröffentlichte. Anders als bei den sozialistischen Bewegungen seiner Zeit, steht bei David Ben Gurion nicht nur die Emanzipation der so genannten arbeitenden Klasse oder eine bloße Verbesserung ihrer Lebensumstände im Mittelpunkt. Die Auswanderung nach Palästina, das Erlernen des Hebräischen und die Erschließung des Landes – genau das machte den sozialistischen Zionismus aus. »Das Konzept des Zionismus ist von seinen Wurzeln her ein revolutionäres – es ist die Revolte gegen Hunderte Jahre Tradition, die Tradition des erbärmlichen Lebens in der Diaspora sowie der kraftlosen und unfruchtbaren Sehnsucht nach Erlösung«, heißt es in »Wir und unsere Nachbarn«.
Ein weitgehend akzeptierter Grundsatz in der zionistischen Arbeiterbewegung war die Deutung der jüdischen Geschichte in der Dias­pora als eine Chronik des Verfalls. Das hatte David Ben Gurion mit Dov Ber Bochorov und anderen Vertretern des sozialistischen Zionismus gemein, die sich in Gruppen wie HaSchomer HaZair (Der junge Wächter) oder HeChalutz (Der Pionier) in Ost­europa und Palästina organisiert hatten. Und die Auflehnung gegen das »Exil« hieß zugleich die Auflehnung gegen die eigenen Eltern, gegen das kleinbürgerliche Shtetl und das Streben nach einem Leben, das von Arbeit in der Natur, Opposition zum Kapitalismus und der Hoffnung auf eine neue jüdische Gesellschaft in Palästina geprägt war. Bemerkenswert ist David Ben Gurions häufig geäußerte Abscheu gegenüber dem ­Shtetl vor dem Hintergrund, dass er im Unterschied zu vielen anderen seiner jüdischen Zeitgenossen in Osteuropa keinerlei traumatisierende Erfahrungen mit Unterdrückung, Pogromen oder sonstiger Gewalt machen musste. Mit dieser extrem negativ grundierten Haltung gegenüber der Diaspora handelte er sich gelegentlich heftige Kritik ein. Denn 1938, als London die Einreise von 10 000 jüdischen Kindern aus Deutschland und Österreich nach Palästina untersagte, aber nach Großbritannien ermöglichte, ließ er sich zu einem Kommentar hinreißen, der ihm insbesondere in den Jahren nach 1945 immer wieder von seinen politischen Gegnern vorgehalten wurde: »Wenn ich wüsste, dass es möglich sei, alle jüdischen Kinder in Deutschland zu retten, indem man sie nach England bringt, aber nur die Hälfte von ihnen, wenn sie in das Land Israel kommen, ich würde mich für Letzteres entscheiden.«
Insbesondere der Historiker Tom Segev attestiert David Ben Gurion in seinem Buch »Die siebte Million« eine kaltherzige wie auch passive Attitüde gegenüber den europäischen Juden während der Jahre des Holocaust. Dem widerspricht sein Biograf Shabtai Teveth. Bereits im August 1933 hatte sich David Ben Gurion in München ein Exemplar von »Mein Kampf« gekauft, als er dort auf einen Zug warten musste. Nachdem er es gelesen hatte, warnte er bei jeder sich nur bietenden Gelegenheit vor den Gefahren, die die Hitler-Diktatur für das jüdische Volk mit sich bringen würde. Und in der Ahnung der Katastrophe, wie sie dann ab 1939 über die Juden in Europa hereinbrach, plädierte er 1937 ganz im Unterschied zu den meisten seiner politischen Weggefährten für die Akzeptanz eines Mini-Staats, wie ihn die Peel-Kommis­sion damals in ihren Empfehlungen für eine Teilung Palästinas vorschlug. Vielleicht hätte man noch ein paar 100 000 Juden aus Europa retten können, so lautete seine Rechnung. Trotzdem fällt auf, dass David Ben Gurion die Berichte über das Grauen in Europa während der Kriegsjahre kaum kommentierte. »Vielleicht war es das schreckliche Gefühl der Ohnmacht, das ihn daran hinderte, darüber zu sprechen. Vielleicht aber wollte er es einfach nicht wahrhaben, weil seine ganze Vision von einem jüdischen Staat davon abhing, dass Millionen Juden aus Europa nach Palästina kommen werden. Und die waren nun tot«, so deutet Walter Laqueur das Verhalten David Ben Gurions.
Informalität und ein fast familiärer Umgang – im negativen wie im positiven Sinne – prägten den Stil der politischen Führung sowohl in den Tagen des Yishuv als auch in den ersten Jahrzehnten nach der Staatsgründung. David Ben Gurion bildete da keine Ausnahme. Doch im Unterschied zu den anderen verkörperte er selbst im hohen Alter den Pioniergeist mit jeder Faser seines Körpers. Man sah ihn häufig in kurzen Hosen und Sandalen – auf Europäer wirkte dieses Auftreten eines Elder Statesman reichlich unkonventionell. Symptomatisch ist ebenfalls seine Wohnung. Wer das Haus auf dem heute nach ihm benannten Ben-Gurion-Boulevard besichtigt, möchte kaum glauben, dass dort ein Staatsgründer und langjähriger Ministerpräsident residierte. Von Luxus keine Spur, alles ist von einer funktionalen Schlichtheit. Pantoffeln, Bücherregale und einfachste Möbel prägen das Am­biente.
So unprätentiös sein Wohnumfeld auch war, David Ben Gurion war es in seinem Auftreten garantiert nicht. »Er konnte Spinoza auf eine Art zitieren, die aussah, als ob er seinen Rivalen Steine an den Kopf warf«, so der Schriftsteller Amos Oz in seinem Porträt Ben Gurions. »Verbalschlachten und keine Dialoge, genau das war seine Art der Kommunikation. Er machte eher den Eindruck eines laufenden Ausrufezeichens als den eines Philosophen. Ein angespannter und schroffer Mann mit einem Heiligenschein aus silbernem Haar und einem Kinn, das Ehrfurcht auslöste und auf ein vulkanisches Temperament hindeutete.« David Ben Gurion ist auch 35 Jahre nach seinem Tod omnipräsent in Israel. Nicht nur sind in jeder Stadt zentrale Straßen nach ihm benannt. Der internationale Flughafen von Tel Aviv trägt ebenso seinen Namen wie die Universität der Stadt Beer Sheva im Negev. Sogar eine Snackbarkette »Bar Gurion« gibt es in Tel Aviv.
Und auf die Frage, welche Bedeutung David Ben Gurion heute außerdem noch hat, ließe sich antworten: Er könnte ein Vorbild für die Palästinenser sein. Vielleicht hätte es dem einen oder anderen palästinensischen Verantwortlichen in den vergangenen Jahren nicht geschadet, einen genaueren Blick auf die Vita von David Ben Gurion zu werfen. Arafat, Abbas und Co. hätten eine Menge lernen können, was man alles machen muss – oder, besser gesagt, unterlassen sollte –, um seinem Ziel, einen eigenen Staat zu gründen, näher zu kommen. Da ist zum einen seine Ablehnung des Terrors. Als Präsident der Jewish Agency in den Jahren vor 1948 war er im Unterschied zu Vertretern der revisionistischen Bewegung und ihren Ablegern ein vehementer Gegner von gewaltsamen Aktionen gegen die britische Mandatsmacht. David Ben Gurions Argumentation lautete damals: Terror gegen die Briten gefährdet nicht nur alle Chancen, auf diplomatischem Weg einen jüdischen Staat proklamieren zu können. Er verringert auch die Möglichkeit, eine eigene jüdische Brigade im Kampf gegen Nazi-Deutschland aufzustellen. Ein weiteres historisches Ereignis, in dem David Ben Gurion die Schlüsselrolle spielte, hätte die Palästinensische Autonomiebehörde einmal näher unter die Lupe nehmen sollen: Als die Revisionisten der Irgun mit einem Schiff namens »Altalena« 1948 versuchten, Waffen für ihre eigenen Milizen ins Land zu schmuggeln, gab David Ben Gurion den Befehl, das zu verhindern. Für ihn konnte es nur eine einzige Armee geben, die von der Regierung kontrolliert und kommandiert wird. Die Existenz diverser Milizen, die einer Partei oder Bewegung nahestanden, war für ihn völlig unakzeptabel. Um das staatliche Gewaltmonopol durchzusetzen, zögerte er denn auch nicht, Gewalt anzuwenden. Genau das aber hat die Palästinensische Autonomiebehörde versäumt, der Wildwuchs des Milizwesens war einer der Gründe, warum sie zum Scheitern verurteilt war. Nicht umsonst schrieb ein palästinensischer Journalist zu Beginn der ausbrechenden Rivalitäten zwischen der Fatah und der Hamas: »Wir brauchen unsere eigene Altalena-Affäre, um die Situation in den Griff zu bekommen.« Und natürlich einen Politiker wie David Ben Gurion.