Gustav und Bernadette La Hengst im Gespräch über Pop, Feminismus, Ladyfeste und Blasmusik

»Das Unmögliche im Popsong-Format«

Eva Jantschitsch alias Gustav und Bernadette La Hengst im Gespräch über Pop, Feminismus, Ladyfeste und Blasmusik.

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Während die älter gewordenen Jungs der so genannten »Hamburger Schule« sich selbstzweifelnd und erschöpft die Wunden lecken (Frank Spilker, Rocko Schamoni), ihren spirituellen Regungen nachgeben (Tilman Rossmy), von den Segnungen des Kapitulierens schwadronieren (Tocotronic) oder sich gleich ganz auflösen (Blumfeld), erscheinen jetzt »Machinette«, das dritte Soloalbum von Bernadette La Hengst, und »Verlass die Stadt« von Gustav (Eva Jantschitsch) aus Wien. Es sind zwei auf unterschied­liche Weise hochpolitische, abenteuerlustige und ­begeisternde Alben, die einiges gemeinsam zu haben scheinen.

Eva Jantschitsch, bekannt unter dem Namen Gustav, hat in einem Interview über ihr Debüt­album »Rettet die Wale!« gesagt: »Ich mache keine Protestsongs, sehr wohl aber politische Musik.« Würden Sie, Bernadette La Hengst, das auch so sagen? Und wo liegen die Aporien des Protestsongs heutzutage?

Bernadette La Hengst: Die Gegenfrage ist, was ei­gentlich Protest bedeutet? Jeder, der anfängt mit einer künstlerischen Arbeit, protestiert ja erst mal gegen die vorgegebenen Verhältnisse, oft ge­gen Vereinsamung, für mehr Liebe oder Aufmerk­samkeit. Meine Anliegen sind vielfältig, meis­tens aber eingebunden in eine politische Weltsicht. Ich versuche zu beschreiben, was ich in der Welt vorfinde und was mich mit ihr verbin­det bzw. von ihr trennt. Da spielen natürlich auch die po­litischen Gegebenheiten eine Rolle, das heißt: Wie kann ich in einer neoliberalen Welt, die geprägt ist von Selektion und wirtschaft­licher Nütz­lichkeit, ein glückliches Leben führen?

Kennen Sie, Frau La Hengst und Frau Jantschitsch, sich eigentlich persönlich?

Bernadette La Hengst: Ich kannte bisher von Gustav leider nur ihren Hit »Rettet die Wale«, den ich oft im Radio gehört habe und sehr mochte. Mir wurde auch schon öfter angetragen, dass unsere Herangehensweise eine ähn­liche sei. Außerdem gibt es ja immer noch nicht viele Musikerinnen, die ihre Musik selbst pro­duzieren, und da fielen unsere Namen oft in ähn­lichen, auch feministischen Zusammenhängen. Ich dachte eigentlich, dass wir uns in Wien mal begegnen; ich kenne dort die Frauen vom feministischen Fiber-Magazin und habe 2007 auf deren Festival gespielt. Eva, du kennst doch auch die Leute vom Fiber-Magazin?

Eva Jantschitsch: Natürlich, »Rampenfieber« hieß das Festival, da bin ich auch gewesen. Für das Magazin habe ich des öfteren solo in Wien gespielt – ist neben den »Anschlägen« eines der wichtigsten feministischen Popkulturmagazine in Österreich. Die werden aber dennoch nicht sub­­ventioniert und finanzieren sich ausschließ­lich über den Verkauf von Anzeigen und T-Shirts.

Bernadette La Hengst: Ich habe zwischen 2002 und 2004 auch auf einigen Ladyfesten gespielt und 2003 das Ladyfest Hamburg mitorganisiert. Eva, wie stehst du zu den Ladyfesten?

Eva Jantschitsch: Meine ersten Gehversuche als Musikerin hatte ich auf so genannten Frauenbandenfesten 2002 in Wien. Das waren Women-only-Veranstaltungen. Beim Ladyfest Hamburg hatte ich dann meinen zweiten »öffentlichen« Gustav-Auftritt. Die Damen von SV Damenkraft, einer eng befreundeten Performanceband, die auch ihre ersten Schritte auf dem Frauen­banden­­fest machten, haben mich nach Hamburg mitgenommen. Gleich nach unseren Konzerten sind wir aufgebrochen, um dein Konzert, Bernadette, anzusehen – und irgendwann im Laufe des Abends hast du mich sogar nach Feuer gefragt. Ich habe gestrahlt wie ein Hutschpferd. Bernadette, wie konntest du diesen Augenblick bloß vergessen!

Frau La Hengst, »Freiheit ohne Sicherheit« heißt einer ihrer Songs, in dem Sie für die Unsicherheiten oder Unwägbarkeiten des Lebens votieren. Und im Stück »Das populistische Paradies« wünschen Sie sich ein »prekarisiertes« Paradies. Etwas böswillig gedacht, könnte man Ihnen also unterstellen, dem Neo­liberalismus das Wort zu reden.

Bernadette La Hengst: Ich bin viel zu trotzig, um mich mit Mist abzufinden. Ich glaube aber, dass sich die Linken mit ihren Forderungen überprüfen müssen. Die Anti-Prekarisierungsdebatte ergibt natürlich in Bezug auf eine »neue postfordistische Arbeiter-Bewegung« Sinn, das heißt, Forderungen nach sozialer Absicherung und nach mehr Lohn für die an den Rand der Gesell­schaft Gedrängten zu stellen, ist auch in meinem Sinn. Allerdings werden unter der Parole »Sicherheit« auch ganz andere politische For­derungen gestellt, weswegen ich den Worten »Frei­heit« und »Sicherheit« noch einmal auf den Grund gehen wollte.
Mein selbst gewähltes Prekariat bzw. unsiche­res provisorisches Leben ist auch Grundlage für meine Kunst, sonst hätte ich ja gleich Grundschullehrerin oder Bankangestellte werden kön­nen. Allerdings bin ich immer noch viel privi­legierter und abgesicherter als, sagen wir mal, eine lettische Putzfrau mit vier Kindern. Wie die Journalistin Mercedes Bunz in ihrem Artikel über »Urbane Penner« geschrieben hat, tragen oft, wenn auch nicht bei mir, immer noch bis in die Vierziger hinein die eigenen Eltern die finanzielle Absicherung, die sich der Staat nicht leisten will.

Selbe Baustelle, andere Perspektive. Wir muss­ten beim Hören Ihrer Platte »Machinette« immer wieder an die Parole »Seid realistisch, fordert das Unmögliche!« denken. Wie laut muss man heutzutage pfeifen, um die Verhält­nisse zum Tanzen zu bringen?

Bernadette La Hengst: Das Paradies ist für mich ja ein Ort im Hier und Jetzt, der alle Widersprüche miteinbeziehen möchte. Ähnlich wie schon in meinem Song »Her mit der Utopie« ist es ein Ver­such, das Unmögliche zu formulieren. Ich hatte mir immer ein Video dazu vorgestellt, in dem 20 durchgedrehte deutsche Gartenzwerge pfeifend einen Berg hochmarschieren, so ähnlich wie ich mit meinem Projekt Schwabinggrad-Ballett als Teil einer freejazzenden Schlachtenkapelle über die Felder von Heiligendamm getrabt bin.

Frau Jantschitsch, Ihr neues Album »Verlass die Stadt« ist nicht gerade ein Ausbund an Fröhlichkeit, im Gegenteil. Es ist ein, wie Sie selbst gesagt haben, »politisch wie auch emo­tional finsteres« Album. Warum dieser sehr düstere Ton?

Eva Jantschitsch: Mir geht es um den Versuch, auf ernsthafte und gleichzeitig unterhaltsame Weise Widersprüchlichkeiten meiner Lebens­realität zu thematisieren, Positionen zu beziehen und zu hinterfragen, Thesen zu kombinieren und sie auf ihre Haltbarkeit und Anwendbar­keit zu überprüfen. Warum sollte ich daraus ein Wohlfühl-Halligalli machen?

Ihre Musik ist aber doch eher verspielt, mitunter sogar fröhlich, arbeitet mit Blasmusik und Schunkelrhythmen. Steckt da die Idee einer konkreten Konterkarierung Ihrer Texte durch die Musik dahinter?

Eva Jantschitsch: Ich würde die Methode nicht als Konterkarierung bezeichnen, eher als Drama­tisierung oder inszenatorische Entscheidung. So eine Entscheidung ist wiederum abhängig von Thema, Erzähler- bzw. Erzählerinnenposi­tion, eingeflochtenen Zitaten usw. Da ist dann von Fall zu Fall abzuwägen, wie viel Bruch notwendig ist, wie viel Gefälligkeit man dem Sound und der Songstruktur zutrauen kann, ohne dass es beliebig klingt – sollen ja auch nicht allzu einfach konsumierbar sein, meine Stücke. Ich möchte, dass man als Zuhörer oder Zuhörerin mitarbeiten muss, sowohl auf inhaltlicher als auch auf musikalischer Ebene. Bestenfalls fühlt man sich natürlich auch emotional angesprochen.

Insbesondere der Song »Alles renkt sich wieder ein« ist ja ein Ausbund an Welt- oder Menschenüberdruss von apokalyptischen Ausmaßen: »Macht aus den Städten Schutt und Asche … Ein Menschenleben genügt nicht … Ich will die Kinder schreien hören, die Mütter einsam flehen am Grab.« Und dann dazu diese Musik: eine klassische Schla­germelodie. Können Sie ein paar Worte zu diesem Song sagen?

Eva Jantschitsch: Es galt, diese Sehnsucht nach einem Ausbrechen aus der Komplexität der (urbanen) Lebensverhältnisse über eine simple musikalische Form zu kommunizieren. Und wel­ches Szenario ermöglicht einen Neuanfang, ein Aufatmen in Einigkeit? Inhaltlich: die Apokalypse, ganz klar! Ich bin schließlich katholisch erzogen worden.
Konkreter: Wir können ja auf die Hymne oder den Schlager, insbesondere den volkstümlichen Schlager, zurückgreifen. Die Sehnsucht nach Erdung und Liebe, Einheit und Einigkeit wird in diesem Format auf äußerst effiziente Weise befriedigt, denn im Schlager fühlt man sich keine Sekunde lang fremd, das ist das Spannende und gleichzeitig Gefährliche an diesem Format. Der Blasmusikkapellensound und das Arrangement im Heimatfolklorestil wird von den Musikerinnen und Musikern allerdings nicht einwandfrei interpretiert. Trotz des Versuchs, dieses Konstrukt aufrechtzuerhalten, brechen ständig irgendwelche Instrumentengruppen weg und finden sich mühsam wieder rein in ihren Part. Mir gefällt an dieser Version vor allem das Schei­tern der Kapelle an der Interpretation dieses Liedes.

Sie haben beide mindestens einen Song auf Ihren Platten, den man als thematisch irritie­rend bezeichnen könnte. Irritierend deshalb, weil Sie dort für politischen Pop der Jetztzeit eher ungewöhnliche Themen aufgreifen. In Frau La Hengsts Stück »Der grüne Halsbandsittich« geht es um eine Kritik der Verschränkung von Politik, Kapitalismus und Klimawandel; in Frau Jantschitschs Stück »Verlass die Stadt« ist die Architektur der großen Städ­te, ihre Kälte, ihre Unbarmherzigkeit den Menschen gegenüber, das zentrale Thema.

Bernadette La Hengst: »Der grüne Halsbandsittich« war eine Kooperation mit dem Architekten und Klimakünstler Ton Matton, der mir die Geschichte zweier Vögel, einer ist ein Verlierer, der andere ein Gewinner des Klimawandels, erzählte, woraufhin ich ein Lied aus der Position dieser Vögel geschrieben habe. Es war wie viele meiner Lieder eher ein Nebenprodukt aus anderen Projekten, das ich aus einer Auseinandersetzung mit konkreten politischen Themen spontan in einen Popsong verwandelt habe. Ich wusste in dem Moment noch nicht, ob man das so machen kann. Aber vielleicht ist es auch deshalb gelungen, denn ich glaube an Lieder, die es so noch nicht gab und über die ich mich selber wundern kann.
Eva Jantschitsch: Im Titelstück »Verlass die Stadt« erzähle ich von der Unmöglichkeit, in den von uns gebauten Städten ein lebenswertes Leben zu führen. Gleichzeitig handelt der Song von der Suche nach einem Leben außerhalb dieser Architektur, der Sehnsucht nach einem life in the woods, nach einer Essenz, einem »nackten Leben«, das wir im »Dickicht der Städte« zu finden nicht mehr im Stande sind. Dabei stelle ich aber auch außer Frage, dass selbst eine Flucht ins Rurale nicht die Lösung sein kann, da sie ja bereits besetzt ist von Heimatfolklore. Auch in diesem Sinne ist übrigens die Kooperation mit der Trachtenkapelle bei »Alles renkt sich wieder ein« zu verstehen.

Wie steht es um Ihr Verhältnis zur Geschichte? Frau La Hengst singt beispielsweise vom »Echo der Eltern«.

Bernadette La Hengst: Das »Echo der Eltern« war sowohl ein Versuch, die Verstricktheit in die als auch die Befreiung von der Geschichte zu be­schreiben: »Ich kann mich nicht abnabeln, aber ich kann mich neu verkabeln«. Dabei ist ein Echo – sowohl ein kollektives Echo unserer Geschich­te als auch das individuelle biographische – ja etwas, was in die Zukunft geschleudert wird und sich verflüchtigt; und das Feedback ist etwas, das zu einem zurück geworfen wird und sich verstärkt. Mit beidem spiele ich in diesem Lied, und die Refrainzeile bekommt durch die Stimmen der 70- bis 95jährigen Seniorinnen aus dem Freiburger Altersheim eine ganz neue zeitliche Dimension.
Eva Jantschitsch: Ich finde übrigens die Stelle, an der der Seniorinnenchor zum Einsatz kommt, äußerst genial und sehr berührend!

Gustav: Verlass die Stadt (Chicks On Speed Records/­Indigo)
Bernadette La Hengst: Machinette (Trikont/Indigo), ­Konzert: 10. Juni, Berlin, Festsaal Kreuzberg