Sigur Rós bringt Pathos, Elfen und ein Märchenland auf den Plattenteller

Aus dem Märchenland

Die isländische Band Sigur Rós ­serviert auf ihrem neuen Album
erneut Pathos, dass einem ­schwindelig wird.

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Wenn eine Band es schafft, mit ihrem Herkunftsland identifiziert zu werden, das irgendwie als cool und alternativ gilt, kann das im Zeitalter diffuser Globalisierungskritik schnell zum Welterfolg führen. Diese Paradoxie ließ sich ab 1996 etwa gut an Ry Cooders Nischen-Projekt »Buena Vista Social Club« beobach­ten: Da schleppten sich in Wim Wenders’ nachgeschobener Filmdokumentation alte kubanische Männer mit Zigarren und Rumbechern in den knochigen Händen noch einmal auf die Bühnen der Welt, und es war endgültig um die Herzen des Publikums geschehen.
Island ist so etwas wie das nordische Pendant zu Kuba – ein lange Zeit quasi vergessener und abgeschriebener Winkel der Welt, der sich seit geraumer Zeit zur Projektionsfläche kollektiver Sehnsüchte nach Einsamkeit, unberührter Natur und stillen, glücklichen Menschen mit putzigen Stupsnasen gemausert hat. An Elfen und Trolle glaubende Esoterik-Freaks, Ufo-Beobachter, fanatische Naturbewahrer, Meditierer und Heißwasserquellenplanscher, Outdoor-Fans und Extremcamper jedweder Couleur haben hier ihr neues El Dorado entdeckt. Sigur Rós liefern seit einigen Jahren den passenden Soundtrack dazu, der sich einer entsprechend schnell wachsenden Anhängerschaft erfreut.
Die Formation weiß sich als Gruppe verhärmter netter Polarkreis-Jungs in dicken Norwegerpullis in Szene zu setzen, mit Silberblick und ka­tastrophal nordischem Akzent. Sie treten in Island in Antistaudamm-Protestcamps mit Akustikklampfe auf, spielen Soli-Konzerte gegen naturverschmutzende Aluminiumfabriken, und in ihrem 2007 gefeierten Heimatkonzertfilm »Heima« (zu Deutsch: »Zu Hause«) erklären kleine, pummelige Geigerinnen mit Kindergesichtern, sie seien besorgt, weil auf Island jetzt immer mehr hässliche große Häuser gebaut würden.
Damit ist das Alternativbild, hinter dem sich Regressionen verstecken, die sich zumal Linke sonst nie erlauben würden, perfekt: Sigur Rós sind »die Guten«, mit denen sich katalanische Regionalisten ebenso identifizieren können wie Tübinger Wagenburgbewohner und betuchte Grundschullehrerinnen, die Claudia Roth gut finden. Nach dem Erfolg des »Heima«-Films, der nun wirklich mit wunderschönen Landschaftsbildern aufwartet, tourt die Band weiter rastlos durch die Welt und hat mit »Med sud í eyrum vid spilum endalaust« ein wirklich professionell aufgenommenes Studioalbum im Gepäck, das den Ruf der Musiker als verschrobene Nord-Melancholiker weiter festigen wird. Eingespielt wurden die Songs erstmals nicht nur im isländischen Heimstudio, das sich die Gruppe nach der Jahrtausendwende in einem stillgelegten Schwimmbad nahe Reykjavík eingerich­tet hat, sondern unter anderem auch in den Abbey Road Studios – und dem ebenso berühm­ten Egrem-Studio in Havanna, in dem auch »Buena Vista Social Club« entstand. Zufälle gibt’s!
»Mit einem Brummen in den Ohren spielen wir endlos weiter«, lautet die Übersetzung des CD-Titels, und das passt exakt auf den Klang, den die vier Musiker seit ihrer Gründung im Jahr 1994 kreiert haben. »Post-Rock« soll das angeblich sein, aber was besagen schon solche notdürftigen Sortierversuche. Unverkennbar ist ein Hang zu akustischen Instrumenten: Klavier, Töne hintupfende Xylophone, Glockenspiele, olle Klampfen, Posaunen und Querflöten kommen zum Einsatz. Auf dem neuen Album auch erstmals das vor allem durch die Seventies-Prog-Rock-Recken von King Crimson zum Kultinstrument geadelte Mellotron.
Der spillerige, auf einem Auge blinde Fistelstimmen-Sänger Jón Þór Birgisson fiel bislang vor allem durch das von Led-Zeppelin-Mastermind Jimmy Page erfundene Mätzchen auf, seine verzerrten E-Gitarren mit einem Geigenbogen zu malträtieren. Dieser dröhnende und mit viel Hall aufgeblähte Klang war eines der dramatischeren Markenzeichen der bisherigen Platten, fehlt auf der neuen aber auffälligerweise vollständig.
Stattdessen setzt die aktuelle Produktion mit einigen kurzen, undefinierbaren Liedchen ein, die unbekümmerte, kindliche Fröhlichkeit verströmen. Dazu passt auch das wandervogelmäßige Sommereuphorie-FKK-Cover des bildenden Künstlers Ryan McGinley: Nackte junge Leute in Rückenansicht stürmen in gleißendem Sonnenschein über eine leere Autobahn hinweg auf ferne Hügel unter hellblauem Gutwetterwolkenhimmel zu.
Ganz klar: Das geht so alles eigentlich überhaupt nicht. Und was die neue Beschwingtheit soll, verstehe, wer will. Mit dieser aufgesetzten guten Laune sollen wohl Hits gemacht werden. Wirklich schwer entziehen aber kann man sich Sigur Rós nur, wenn die Band auf ihr bisheriges Trademark setzt: radikale Entschleunigung, abgrundtiefe Depression und eine Sparsamkeit der Töne, gegen die noch die abgelegensten Gegenden Islands geräuschpegelmäßig glatt als Rummelplatz durchgehen könnten. Sigur Rós ist eine Band der Schnecken-Rhythmen, der Pausen, des Verstummens.
Was die isländischen Lyrics dieser Musik besagen, weiß kein Mensch. Man ahnt dunkel, dass das auch besser so ist. Auf der neuen CD gibt es angeblich einen Song, der erstmals auf Englisch gesungen wird. Um das zu bemerken, müsste man aber genauer hinhören. Nein, es verhält sich damit bei Sigur Rós ungefähr so wie mit Thomas Bernhards Interview-Bemerkung, er sitze so gerne in ausländischen Kaffeehäusern, weil dort das unüberhörbare Alltagsgerede, das einen daheim in seiner Stumpfsinnigkeit entnerve, plötzlich in angenehmer Unverständlichkeit hochphilosophisch erscheine.
Ansonsten gibt es auf der neuen Platte einen etwas unentschiedenen Mix aus folkigen Akustikgitarrenballaden, allerhand Bläsertschingderassabumm und einem besonders elegischen Trauerstück. Das fußt auf wenigen Klavierakkorden und endet – untrügliches Zeichen der Kommerzialisierung – im totalen Weltschmerz-Bombast aufwallender Orchesterstreicher, lediglich noch überbrüllt von dem unsere Tränen­drüsen hurtig massierenden London-Oratory-Knabenchor. Das klingt zugegebenermaßen wun­derschön – und wir wissen gleichzeitig, dass man das alles eigentlich strikt ablehnen müsste.
Aber klar, Musik, die man heimlich im Hinterzimmer auflegt, um sich hemmungslos den sentimentalen Abgründen der eigenen Seele hinzugeben, muss es eben auch geben. Als Ventil. Theodor W. Adorno soll ja mal gesagt haben, dass er Ungarische Tänze möge, sei seine Privatsache. So ungefähr kann man es sagen.
Es lebe die Hoffnungslosigkeit: Eine der eindrücklichsten Szenen in dem »Heima«-Konzertfilm ist doch die, in der Birgisson mit seinen drei Violinistinnen allein in einem riesigen ehemaligen Fischöltank aus Beton steht, irgendwo »in the middle of nowhere« Islands, und mit Hilfe eines Volume-Pedals ähnlich sehnende Verzeiflungstöne erzeugt wie die langsam dazu gestrichenen Geigen.
In solchen Momenten, die so klingen, als habe sich der Mischpultkollege im Hintergrund schon einmal in aller Stille die Pulsadern geöffnet, weiß man wieder, warum einem Aki-Kaurismäki-Filme immer so gut gefallen haben und wieso man andererseits vielleicht besser doch nicht gleich nach Island auswandert. Denn mal ehrlich – wer will schon in einem Land leben, in dem es die meiste Zeit im Jahr dunkel und kalt ist? Sympathie ja, aber bitte mit Sicherheits­abstand. Dann am Ende vielleicht doch lieber Kuba.

Sigur Rós: Med sud í eyrum vid spilum endalaust ( EMI)