Fetischkritik, Rätekommunismus und Zionismus

Fetisch und Barbarei

Mit ihrem Klassenbegriff und ihrem Unverständnis für die Gefahren eines aus der kapitalisierten Gesellschaft selbst erwachsenden antikapitalistischen Ressentiments sind die Rätekommunisten über den so leidenschaftlich kritisierten Bolschewismus kaum hinausgekommen.

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Der Rätekommunismus formulierte nicht nur eine Kritik am bolschewistischen Parteiverständnis, sondern implizierte auch eine Absage an die mechanistische Erkenntnistheorie Lenins, die Wi­der­spie­ge­lungs­the­orie. Diese avancierte im Marx­is­mus-Leninismus zur kanonisierten Erkenntnis­theorie und wurde neben der Lehre von der Naturdialektik zum zentralen Bestandteil des auf Herr­schaftslegitimation abzielenden So­wjet­marx­ismus. Die gesamte Ideologie-, Bewusstseins- und Erkenntniskritik von Marx schrumpft bei Lenin auf eine der Optik entlehnte, mechanistische Metapher zusammen. Eine frühe Kritik dieser Widerspiegelungs- und Abbildtheorie, wie sie sich in Lenins »Materialismus und Empirokritizismus« findet, lieferte der Linkskommunist Anton Pannekoek. Doch diese Kritik kommt ohne eine konsequente Rückbesinnung auf die Marxsche Wert- und Fetischkritik aus, in der thematisiert wird, warum das Bewusstsein nicht einfach ein Abbild der Wirklichkeit, sondern ein verkehrtes und damit als Praxis auch verkehrendes Bewusstsein ist, ein für die Subjekte selbst richtiges Bewusstsein von einer scheinbar naturgegebenen Gesellschaft, das als falsches Bewusstsein einer falschen Gesellschaft dechiffriert werden kann.

Zwar finden sich in Pannekoeks Schrift »Lenin als Philosoph« Hinweise auf die Marxsche Fetisch­kri­tik, in denen er darauf verweist, dass der Mensch sein Denken dem Glauben an mystische höhere Wesen unterwirft, wenn die Produkte seiner Arbeit über seinem Kopf emporwachsen »zu einer Macht, die er nicht beherrscht, die ihm als Ware und Kapital als ein eigenes gesellschaftliches Wesen gegenübertritt, das ihn beherrscht oder gar vernichtet«. Dennoch wäre es falsch zu behaupten, der westeuropäische Linksradikalismus, wie er von Pannekoek, Paul Mattick, Herman Gorter, Otto Rühle oder Rosa Luxemburg repräsentiert wurde, habe sich gerade bei der Rezeption der Marxschen Wert- und Fetischkritik, die konsequent fortgeführt bei einer Kritik der antisemitischen Ideologie landen muss und sowohl das leni­nistische als auch das rätekommunistische Klas­sen­verständnis in Frage stellt, vom Leninismus grundlegend unterschieden. Die Differenzen zwischen Linkskommunisten und Bolschewisten lagen – von Ausnahmen wie Karl Korsch abgesehen, bei dem die Kritik Lenins und seiner Anhänger mit einer Rückbesinnung auf die Marx­sche Kritik von Wert und Fetisch einherging – auf einer anderen, vor allem praktisch-politischen Ebene. In ihrer »Kapital«-Lektüre, mit ihrem Klassenbegriff und ihrem Unverständnis für die Gefahren eines aus der kapitalisierten Gesellschaft selbst erwach­senden antikapitalistischen Ressentiments sind sie über den so leidenschaftlich kritisierten Bolschewismus kaum hinausgekommen.
Die traditionalistische Marxinterpretation und der Klassenkampffetischismus enden in einem linkskommunistischen Antizionismus, mit dem die nachfaschistischen ebenso wie die gegenwärtigen Rätekommunisten ihre Unfähigkeit zu Ideo­logie- und Staatskritik dokumentieren. Der heute von diversen Zirkeln als Heilsbringer angepriesene Rätekommunismus steht für eine der übelsten antizionistischen Strömungen im gegenwär­tigen Marxismus und bekämpft mit seinem Klas­sengetöse die Kritik der deutschen Ideologie.
Im Insistieren auf einem scheinbar überhistorischen »Grundwiderspruch« zwischen Kapital und Arbeit bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber der nationalsozialistischen Barbarei mit ihrer im Vernichtungsantisemitismus verwirklichten klas­senlosen Klassengesellschaft in Form der »Volks­gemeinschaft« ist der Linkskommunismus dem leninistischen Marxismus zutiefst verwandt. So verhält es sich auch in den Schriften prominenter Rätekommunisten in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Willy Huhn, der sich bis zu sei­nem Tod 1970 an fast allen rätekommunistischen Diskussionen beteiligte, bringt ein zentrales Anliegen des Linkskommunismus zum Ausdruck, wenn er eine Äquidistanz bei »innerimperialistischen …Konflikten« fordert – und als einen solchen betrachten die meisten rätekommunistischen Strömungen den Zweiten Weltkrieg. Diese Äquidistanz wird nur durch ein vollständiges Abstrahieren vom Antisemitismus möglich. Noch jeder Rätekommunist erklärt einem heute, jene Arbeiter in der US-amerikanischen Rüstungsindustrie, die während des Zweiten Weltkriegs an Streiks und Klassenkampf festgehalten haben, seien mit ihrer Weigerung, sich im »Krieg der Imperialisten« auf eine Seite zu schlagen, völlig im Recht gewesen.

Von solch einem Marxismus hat man sich heute nichts mehr zu erwarten. So wichtig und begrüßenswert der radikale Antinationalismus der Rätekommunisten in den zwanziger Jahren auch war, wer heute einfach an ihn anknüpft, landet zwangsläufig bei jenem Wald- und Wiesenanti­na­tionalismus, der mit einer Kritik der Nation schon deswegen nichts gemein hat, weil er die Spe­­zifik des Zionismus nie begreifen kann, jede Fähigkeit zur Differenzierung eingebüßt hat und in seinen konsequentesten Ausprägungen den rech­ten Geschichtsrevisionismus nicht nur streift.
In Huhns Schriften finden sich abenteuerliche Ausführungen über das »Diktat« des Versailler Vertrags. Die heute in Deutschland aktiven »Unabhängigen Rätekommunisten« halten die Charakterisierung der Niederringung Nazideutschlands als antifaschistischen Waffengang für ein »alliiertes Märchen«, denn die Westmächte seien auch nicht besser als die Nazis gewesen: »Der Rassismus feierte auf allen Seiten Orgien« und war natürlich »ein Instrument zur Mobilisierung der Massen für das große Gemetzel«. Der Vernichtungsfeldzug der Deutschen und ihrer Hel­fers­­hel­fer verschwindet bei diesen Rätekommunis­ten in der Phrase vom »imperialistischen Krieg« oder dem »Massenmorden auf Kosten der Arbeiterklasse«. Kein Wunder, dass ihnen die Bombar­dierung der volksgemeinschaftlichen Festung Dresden zu einem Zeitpunkt, als die Deutschen mehr als deutlich gemacht hatten, dass sie sich auch durch Vernichtungskrieg und Massenmord nicht zum Widerstand oder auch nur Protest ver­anlasst sahen, als »Verbrechen« erscheint.
So wie damals wollen die proletarischen Re­cken sich auch heute nicht entscheiden müssen, denn der Krieg des Westens gegen die Taliban oder al-Qaida sei nun mal keiner zwischen »Zivi­lisation« und »Barbarei« und die einen seien nicht besser als die anderen. Solche Leute, die nicht in der Lage sind, zwischen einer wie auch immer kritikwürdigen Zivilisation und einer aus ihr zwar entspringenden, aber eben nicht mit ihr identischen Barbarei zu unterscheiden, sind sich na­türlich sicher, dass »es nichts mit einer befrei­ten Gesellschaft zu tun hat, den Staat Israel und sein Handeln zu verteidigen«.
Die »Rätekommunisten München« haben dem­entsprechend am Höhepunkt der islamisch aufgeladenen Terrorintifada zum Boykott israe­li­scher Waren aufgerufen und Veranstaltungen mit der Killertruppe PFLP organisiert. Anhänger des italienischen Linkskommunisten Amadeo Bordiga sehen Auschwitz als einen Völkermord unter vielen und denunzieren den Hinweis auf die Besonderheiten der Shoah als Apologie der bürgerlichen Gesellschaft. Einige französische so genannte Ultralinke, die sich auf Bordiga und die Links- und Rätekommunisten beriefen, sind seit Ende der siebziger Jahre gleich ins Lager der rech­ten Negationisten übergelaufen.

Leider können sich die heutigen Rätekommunisten auch in ihren faschismustheoretischen Auslassungen auf ihre historischen Stichwortgeber beziehen. Pannekoek schwieg sich über die freudige Beteiligung großer Teile des deutschen Proletariats am Vernichtungswerk aus und sah den Faschismus in der »Politik des Großkapitals« begründet. Die durch den Antisemitismus und das gemeinschaftlich begangene Verbrechen vollzogene Integration der Arbeiterklasse in die Gemeinschaft aller wahren Deutschen konnte ihm gar nicht Gegenstand von Kritik und Reflexion werden, da er nicht gewillt war, seinen an mystische Verklärung grenzenden Glauben an die emanzipativen Kräfte des Proletariats aufzugeben. So erklärt er denn auch die »Volksgemeinschaft« des nationalsozialistischen Deutschland zu einem »Trugbild« und die alliierten Bomber zu Vorboten einer präventiven Konterrevolution gegen den erwarteten »revolutionären Volksaufstand«.
Joachim Bruhn hat in einer »Nachbemerkung zum Rätekommunismus« darauf aufmerksam gemacht, dass sich in Willy Huhns Nachlass Schrif­ten aus den sechziger Jahren über »Rassismus und Faschismus in Judentum und Zionismus«, »Antisemitismus und Nationalsozialismus in Israel« und ähnliche Scheußlichkeiten finden. Bruhns Charakterisierung des Rätekommunismus als linke »Avantgarde der antisemitischen Ideologie« mag angesichts des Ausmaßes und der Qualität des stalinistischen Antisemitismus übertrieben erscheinen; seine Einschätzung, »dass der emanzipative Gehalt des Rätekommunismus zur Neige ausgeschöpft ist«, stimmt aber allemal. Vor der nationalsozialis­tischen Aufhebung der Klassen in der »Volksgemeinschaft« hatte der Rätekommunismus seine Berechtigung. Doch nach Auschwitz ist er zu ei­ner Strömung im Marx­ismus verkommen, die nur mehr Verdrängung der Katastrophe mittels Klassenkampfrhetorik betreibt – und daher auch zur Verhinderung der gegenwärtig drohenden Katastrophen nichts beitragen wird.