»Dr. Psycho«

Korruption im Gartenbauamt

Serie über Serien. Auch deutsche Serien kann man gut finden, etwa »Dr. Psycho«, findet Sven Sakowitz

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Manchmal machen es einem die Fernsehender wirklich schwer, die Perlen im Programm zu finden. Welcher TV-Connaisseur guckt sich schon eine Serie an, die »Dr. Psycho« heißt, als Comedy-Krimi angekündigt wird und am Dienstagabend nach der »ProSieben-Märchenstunde« oder der Trash-Show »Elton vs. Simon« läuft? Ich zum Beispiel.
Ursprünglich nur, weil die Hauptrolle mit dem großartigen Christian Ulmen besetzt ist. Dann, weil »Dr. Psycho« so komisch ist wie nur wenige Serien zuvor. Wer sie verpasst hat, sollte sich jetzt die DVDs holen.
Christian Ulmen spielt den Polizeipsychologen Doktor Max Munzl. Auf Geheiß des Kriminalrats kommt er zur Sonderkommission »Organisiertes Verbrechen«, deren desolate Einheit er betreuen soll. Soko-Leiter Horst Hendricks (Ulrich Gebauer) ist eine tickende Zeitbombe, der frustrierte Victor (Roeland Wiesnekker) säuft sich den Job-Frust von der Seele, Heißsporn Eddie (Hinnerk Schönemann) war gerade auf dem Klo, als der liebe Gott die Intelligenz vergab, und die einzige Frau, Kerstin (Anneke Kim Sarnau), will sich mit übertriebener Härte in dem zynischen Männerbund durchsetzen.
Was sie eint, ist der Wunsch, »den Psycho« so schnell wie möglich wieder loszuwerden. Aber der erweist sich als hartnäckige Nervensäge: Munzl bereichert sogar die tägliche Ermittlungs­arbeit mit unkonventionellen Methoden.
Drei Konflikte liefern die Voraussetzungen aller Komik in »Dr. Psycho«. Erstens kollidiert Munzls naive Sicht der Polizeiarbeit mit dem All­tag in der Soko: Der eifrige Psychologe erwartet moderne Hightech-Ermittlungen wie in »CSI«, in seinem vergammelten Büro funktioniert aber noch nicht mal der Kopierer, geschweige denn der Teamgeist. Zweitens trifft der einfühlsame Munzl auf charakterlich verhärtete Cops, die alles wollen – nur nicht ihre Schwächen ein­gestehen. Der dritte Konflikt besteht in der Be­ziehung Munzls zu seiner Frau Lena (Annika Kuhl). Die hat die Nase voll von dem tapsigen Knilch, beginnt eine Affäre mit ihrem knackigen Chef und zieht aus der gemeinsamen Wohnung aus. Munzl will die Trennung nicht wahrhaben und überredet Lena zu einer Ehe-Therapie.
Die Anlage dieser Grundkonflikte gehört zum komödiantischen Handwerk, die schwierige Ausgestaltung mit Wortwitz und Situationskomik bewältigt Autor Ralf Husmann mit Bravour. Dabei entspringen die meisten Lacher nicht einer auf Pointen zugeschriebenen Story, sondern eher der Absurdität der Situationen. Etwa, wenn Munzl in einem brisanten Moment ans Handy geht und seiner (Ex-)Frau erklärt: »Du, ist gerade ganz schlecht, ich bin gerade Geisel.« Oder wenn Munzl seiner neuen Freundin fundiert erklärt, warum er keine Lust auf Boulespielen hat: »Wir sind Deutsche, wir sind nun mal nicht locker. Wir bauen Autos, wir fangen Kriege an, aber wir stellen uns nicht mit Kugeln in den Park.«
Wie Ulmen seine Auftritte inszeniert, ist eine Freude. Er nuschelt, stottert, verlangsamt die Sätze und schafft so das perfekte Timing. Trotz der komischen Dialoge, grotesken Situationen und überzeichneten Charaktere wirkt das Milieu in »Dr. Psycho« überraschenderweise niemals künstlich. Das ist eine große Leistung, denn deutsche Comedy erkennt man ja oft daran, dass von der ersten Sekunde an so eine unerträglich klamaukige »Ha, Ha, guckt mal, wie herrlich verrückt das hier alles ist«-Atmosphäre herrscht.
In diese Falle tappt »Dr. Psycho« auch in der zweiten Staffel nicht, obwohl sich die Lage für alle Beteiligten verschärft. Die Soko bekommt ein noch schlechteres Büro, ihre Fälle werden langweiliger (Korruption im Gartenbauamt) – und dann zieht auch noch Munzls autoritärer Vater (genial: Hanns Zischler) bei ihm zu Hause ein. Munzl senior guckt schon morgens Kriegsfilme auf DVD und bestellt sich im Internet Bauchmuskeltrainer, Prostituierte und heiratswillige Asiatinnen. Die Zuschauer gewinnen durch die Anwesenheit des Vaters wichtige Erkenntnisse. Sie erfahren, dass er nur ein einziges Mal mit seinem Sohn gespielt hat. Das war irgendwann im Winter. Das Spiel hieß »Stalingrad«, und der kleine Max musste »die Deutschen« sein. Wer wäre da nicht zum Psycho geworden?