Nachruf auf David Foster Wallace

Keine alte Vertrautheit mehr

Mit David Foster Wallace ist einer der letzten Punks der literarischen Form gestorben, ein »Besen im System«, ein Kritiker von Stringenz und Kreuzfahrten. Maik Söhler nimmt Abschied.
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Zerstörung der Form, Zerstörung der ­Kohärenz, Zerstörung des Lebens. – Druck, Ausdruck, Depression. – Selbst­bestimmung, Selbstekel, Selbstmord. – Kunst, Sinnverknüpfung, Strick. – Wie viele Gemeinsamkeiten stecken in diesen Reihungen? Wie viele Gegensätze? Wie viel Zufall?

David Foster Wallace ist tot. Er wurde erhängt aufgefunden, Opfer seiner Depressionen, wie es scheint. Wieder ein großartiger Schriftsteller, den uns die Depression, diese Seuche, nimmt. Wie schon Tristan Egolf, dessen kleines Werk mit dem viel größeren eines David Foster Wallace den Grad der Verwüstung in der Literatur gemein hat; Egolf war ein Punk des Inhalts, Wal­lace ein Punk der Form. Beide trennen darüber hinaus die Ästhetik und die Methode.
Zuletzt auf Deutsch erschien von Foster Wal­lace der Erzählungsband »Vergessenheit«, ein als solches nicht gekennzeichnetes Update von »In alter Vertrautheit«, das schon ein Update von anderen Erzählungsbänden wie »Kleines Mädchen mit komischen Haaren« war, die wiederum schon usw.
Update meint hier nicht: Abklatsch, neu verpackt, irgendwo ein bisschen was drange­frickelt. Sondern, wie es Wikipedia in anderem Zusammenhang so schön erklärt, »eine Ak­tualisierung, teils auch als Nachführung, Evidenthaltung oder Update bezeichnet, beschreibt den Vorgang, etwas bereits Vorhandenes auf den neuesten Stand zu bringen. Eine Aktualisierung kann also nur durchgeführt werden, wenn bereits eine Version existiert.«

Gute Literatur, schlecht zu verkaufen
Und diese Version existiert, seit Foster Wallace publiziert. Es ist dies die Grundversion oder, um im anderen Zusammenhang der Wikipedia zu bleiben, die Hardware, auf der alle Software samt aller einzelnen Anwendungen und Updates des Autors laufen. Wer zwei Bücher des Autors gelesen hat, braucht bei den folgenden keine zehn Seiten, um den unverwechselbaren Stil wiederzuerkennen. Wallace zu lesen, ist kein Vergnügen, sondern Arbeit. Und zwar von Buch zu Buch immer härtere Arbeit. Für den Leser, weil er ähnlich wie im Werk Thomas Pynchons nichts zu verstehen glaubt. Für den Rezensenten, weil die klassische Besprechung nach Handlungssträngen und einer Vorstellung klar umrissener und möglichst nicht zu vieler Hauptfiguren verlangt. Beides aber liefert Wal­lace nur selten; selten bedeutet einmal; einmal bedeutet in der literarischen Kreuzfahrt­reportage das, was ihr Titel sagt: »Schrecklich amüsant – aber in Zukunft ohne mich«.
Schließlich ist auch der gute Verleger ge­fordert, weil er weiß, dass er ein Manuskript in der Hand hält, das – literarisch gesehen – 99 Prozent des Restprogramms zu flockiger, leicht zu konsumierender Ware degradiert, sich aber vermutlich kaum verkaufen lässt. (Helge Malchow, Verlagsleiter von Kiwi, also des deutschen Verlages, in dem die Werke von DFW erscheinen, hat mir mal die Verkaufs­zahlen eines Erzählungsbandes von David Foster Wallace genannt. In dem Moment, als er sie aussprach, haben wir uns beide furchtbar geschämt.)

In alter Vertrautheit
Foster Wallace’ Romane und Storys zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie auf Handlung weit­gehend verzichten, zugunsten von sprach­licher und struktureller Verdichtung eines Gedanken, Ge­sprächs oder Themas. Im Story-Band »In alter Vertrautheit« beginnt eine Erzählung (»Mister Squichy«) mit dem Satz: »Danach trat die Focus Group in einem anderen Konferenzraum von Reesemeyer Shannon Belt Advertising erneut zu­sammen.« Man fragt sich als geneigter Leser: wo­nach, bitte?, und wartet beim Lesen auf eine Pas­sage, die erklärt, was vorher geschah. Die Passage kommt natürlich nicht. Was man aber merkt: Dieser Einstieg nimmt alles vorweg, was der Rest der Story bereithält, nämlich den stets wiederkehrenden, tumben Berufs­alltag des Marketing­statistikers Terry Schmidt.
Terry Schmidt ist die Hauptfigur dieser Story, und Wallace stellt sie so vor, das keine Fragen offenbleiben: »Im beinahe 35jährigen Schmidt lebte praktisch nichts mehr von der Illusion, er unterscheide sich von der großen Masse anderer Männer, nicht einmal in seiner Verzweiflung über diese Unterschiedslosigkeit oder seinem Hunger nach Bedeutung, die ihm selbst mit Ende zwanzig noch als Ausweis seiner Besonderheit gegolten hatten, auch wenn schon der Versager sichtbar wurde, Versager jedenfalls gemessen an seinen Ambitionen, Ambitionen, die immer noch größer und ungewöhnlicher wa­ren als die der gewöhnlichen Masse.« Dieser Satz ist typisch für Wallace. Mit jedem Nebensatz schraubt er sich eine Windung tiefer in seine Betrachtung. In diesem Fall ist es der Gedanke, wie individuell jemand in einer individualistischen Gesellschaft überhaupt sein kann. Dabei gehört sein Satz über Schmidt zu den kürzeren und einfacheren Sätzen in »In alter Vertrautheit«. In der Geschichte »Die Seele ist kein Hammerwerk« kann ein einziger Satz auch schon mal über eine Seite gehen, in »Noch ein Pionier« sogar über drei bis vier Seiten – grammatikalisch korrekt und gespickt mit psycho­logischen, betriebswirtschaftlichen und ethnologischen Fachbegriffen.

Verstanden hat, wer nichts verstehen will
Wer jetzt findet, dass das zu hoch für ihn oder sie ist; wer das einfach nicht versteht, der hat Recht. »In alter Vertrautheit« bündelt literarisch in vier der fünf Storys eine so unfassbare Menge an Wissen, dass selbst die jeweilige Fachwelt staunen dürfte. Alles klingt einleuchtend, nachvollziehbar, ist sprachlich klar aufbereitet.
Aber es ist zu viel – man kann das alles ir­gend­wann nicht mehr verstehen. Wer an diesem Punkt ankommt, hat David Foster Wal­lace schließ­lich kapiert: Es gibt nichts zu verstehen. Dieser Gedanke, variiert in allen nur denkbaren Formen und platziert in vielen Figuren und Erzählsträngen, ist es, der sein Gesamt­werk so einzigartig macht, so besonders, so individuell (und wir machen jetzt nicht den Feh­ler, von der Beschreibung Terry Schmidts auf das Innenleben seines Schöpfers zu schließen, auch dann nicht, wenn es nahe liegt).

Der »Besen im System«
Schon oft ist die Frage gestellt worden, von welchen Schriftstellern sich Wallace habe inspirieren lassen. Ebenso oft ist diese Frage, auch von Foster Wallace selbst, mit »Thomas Pynchon und Don DeLillo«, gelegentlich auch mit »Bret Easton Ellis«, selten mit »William Gaddis« beant­wor­tet worden.
Die letzte Antwort ist in Deutschland über lan­ge Zeit rätselhaft geblieben, erst nach dem Erscheinen seines in den USA bereits 1987 ver­öffentlichten Romans »Besen im System« im Jahr 2004 wurde sie klarer. Hier offenbaren sich wun­derbare Ähnlichkeiten zum häufig irrwitzigen Figurendialog im Werk von William Gaddis. Es gibt kaum einen Roman von Gaddis, in dem nicht ständig geredet, geplappert oder geplaudert würde, ohne Pause, Punkt und Kom­ma, oh­ne Sinn und Verstand, ohne Anlass und ohne Ende.
Gleiches gilt für Foster Wallaces »Besen im System« und, wie man hört und teilweise auf Englisch schon lesen konnte, auch für das in Deutschland noch unveröffentlichte, für 2009 angekündigte, Mitte der neunziger Jahre entstandene und mehr als 1000 Seiten umfassende Hauptwerk von Foster Wallace: »Infinite Jest«.

Endlosschleife einer Talkshow ohne Werbeunterbrechungen
Die Romane unterscheiden sich von den Storys vor allem in einem: Man meint bereits nach wenigen Seiten in der Endlosschleife einer Talkshow ohne Werbeunterbrechungen zu sitzen, die Ohren rauschen schon, aber die Umgebung produziert immer noch mehr Geräusch, mehr Gespräch, mehr Gedröhne. Das ist kein Zufall, denn wie kaum ein anderer zeitgenössischer Schriftsteller schätzt Foster Wallace die Welt des Fernsehens, genauer: der Talk- und Quizshows, und weiß sie, wie wir es in vielen seiner Erzählungen sehen konnten, in Literatur zu übersetzen.
So umgibt uns, wenn wir uns darauf einlassen, ein schier endloses Gemurmel, es wird lauter und lauter, bis man es nicht mehr ertragen zu können glaubt, bis man schreien und die Ro­mane in den Keller sperren möchte, wo sie weiter diesen Krach machen können, es aber niemand mehr hört.
Doch genau in jenem letzten kurzen Moment vor dem Ausrasten wird es still im Buch, und einer hebt an, eine Geschichte zu erzählen, eine ruhige, eine schöne Geschichte voller Eleganz und Wahrheit, an der nicht vorbeikommen kann, wessen Ohren noch nicht vollends mit Geplapper voll gestopft sind. Man merkt zuerst gar nicht, wo diese Geschichte herkommt, und wer zurückblättert, um nachzusehen, wie es dazu kommen konnte, erlebt eine Überraschung nach der anderen.

Im besten Sinne postmodern
Wallace’ Literatur will keine stringenten Ge­schich­ten bieten, sondern sie sucht in der besten post­modernen Literaturtradition eines Thomas Pyn­chon die Stringenz der Geschichte (in allen Bedeutungen des Wortes) zu stören, vielleicht auch zu zerstören, ihr, der Stringenz, jedenfalls anderen Stränge – mit oder ohne Stringenzen – entgegenzusetzen: Paralleluniversen der Zeit, des Raums, der Kommunikation. Folgt man dieser Literatur, haben häufig die Sub­texte und Zwischenpassagen, die Geschichten in der Geschichte, mehr Ausdruckskraft als, sofern überhaupt vorhanden, der Hauptstrang oder Rahmen. Denn die Subtexte eignen sich kaum zur Verwertung als Objekt der massenmedialen Gesellschaft. Anders gesagt: Es gibt eine Sprache, die zur modernen Kommunikation nicht taugt, die sich ihr nicht unterwirft, die anders bleibt, und David Foster Wallace gibt ihr Platz.
Das ist nicht konservativ oder kulturpessimis­tisch, sondern wird vom Autor in einer luziden Mischung aus Spiel, Suche und Ideologiekritik ins Werk gesetzt, ohne dass er selbst dabei die »Wahrheit« zu kennen vorgibt. Außer dem Spaß an der Erstellung, Entwicklung und Zerstörung von Szenarien bleibt am Ende nicht viel übrig.
Wer bei diesem Schriftsteller eine Hilfe zur Sinnsuche oder auch nur ein gefälliges Lesevergnügen erwartet, sollte besser zu Büchern anderer Autoren greifen. Man weiß nicht, ob dieser Verzicht auf Sinnsuche am Ende bei Foster Wallace zum Äußersten führt und man ahnt, wie vermessen allein der Gedanke an einen solchen Zusammenhang ist. Das gilt auch für den Gedanken an die Konterparts des Zusammenhangs – Gegensatz und Zufall. Diese Ahnung wird uns noch lange an David Foster Wallace erinnern.