Nazi-Hools in Rostock

Querfront mit dem Mob

Beim Auswärtsspiel in Rostock erlebten St.-Pauli-Fans das immer noch vorhandene gesamte Sammelsurium ostzonaler Nazi-Hools – und zwar in einem modernen Sicherheitsstadion.

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Ende September war es das erste Mal seit gut sechs Jahren wieder so weit: Der FC St. Pauli gastierte im Rostocker Ostseestadion. Trotz aller DFB-Fair-Play-Tage und hippieesken »Love & Peace«-Erklärungen beider Vereine im Vorfeld der Partie kam es, wie es kom­men musste: In Rostock krochen gefühlte 100 Jahre Hooliganismus aus ihren Löchern, und das Feindbild »Zecken-Pauli« diente auch vielen Normalos dazu, endlich mal wieder ihr Mütchen zu kühlen.
Gesangstechnisch griff man tief in die Mot­ten­kiste und kramte echte Highlights der guten alten Kuttenkultur hervor, wie zum Beispiel »Ihr seid asoziale Wessis« bzw. »asoziale Zecken«. Aber auch »schwule Hamburger« war zu hören, ebenso wie »Zick-Zack-Zigeunerpack«. Auch vereinzelte Darbietungen des berüchtigten »U-Bahn-Songs«, in welchem man sich brüs­tet, eine solche »bis nach Auschwitz« zu bauen, kamen zur Aufführung, genau wie der einfache, aber gefühlsechte Slogan »Juden-Pauli«.
Von Angriffen am Bahnhof über Flaschenwürfe vor dem Stadion bis hin zum versuchten Sturm des Auswärtsblocks nach dem Spiel war eigentlich alles dabei – auch vieles, was man in einem »Sicherheitsstadion« mit »Gäste-Schutzzone« so im Jahr 2008 nicht mehr für möglich gehalten hätte. Aber man lernt eben nie aus.
Im Anschluss an die Partie versuchte dann noch ein Mob von ca. 500 Leuten, die Polizei­sperren zu durchbrechen, wovon er letztlich nur durch den Einsatz von Wasserwerfern abgehalten werden konnte. Mehr kann man kaum erwarten: Ticket – 11 Euro, Fahrt – 9,50 Euro. Der Rest? Unbezahlbar!
Nichts Neues also in Rostock? Nicht, wenn es nach dem Berliner »Bad Blog« (http://bad-blog.com) geht, das eine ganz eigene Version der Geschehnisse liefert. Obwohl der Autor mit dem urkomischen Pseudonym Alfred E. Nig­ma eingestandenermaßen nicht an Ort und Stelle war, zeichnet er unter der Überschrift »Heult doch! Scheiß St. Paulianer« das Bild ­eines wild um sich schlagenden, anti-imperialistischen St.-Pauli-Mobs, der vor lauter ver­soffener Dummheit kaum noch aus den Augen gucken kann und nicht begriffen hat, was in Rostock oder im Osten allgemein so los ist.
In eine ähnliche Kerbe, wenn auch mit deutlich differenzierteren Betrachtungen, schlagen die von Rostocker Fans gemachten Blogs »Knus­perflocken« (http://knusperflocken.wordpress.com) und »Besserscheitern« (http://besserscheitern.wordpress.com). Interessant ist, dass hier Leute, die sich unter Verwendung von Adorno-Zitaten in irgendeiner Form als »links«, »antideutsch«, »liberal«, als »Antifas« oder »Punks« begreifen, schwer darüber auf­regen, dass man in St. Pauli Scheuklappen mit Tunnelblick angelegt habe und immer nur »Nazis« sehen und sagen könne, sobald der Osten in Sicht komme.
Dies wird vor allem dem NPD-Blogger Patrick Gensing (http://www.npd-blog.info) zum Vorwurf gemacht, der in einem persönlichen Spielbericht die Ereignisse als »volksgemeinschaft­liche Abwehrreaktion« recht treffend charakterisierte.
Dagegen setzt »Bad Blogger« Nigma nun aller­dings seinerseits die gut gehegten St.Pauli-­Klischees, die wohl noch aus den Zeiten stammen, als der Autor sich angeblich »mit St. Pauli­anern durch Ostdeutschland geprügelt hat«.
Mit dieser breitbeinigen Antifa-Macker-Atti­tüde predigt Nigma dann von der Hauptstadt-Kanzel (»Hamburg? Alles nur Idioten!«) die »Wahr­heit«, denn auf Seiten der St. Paulianer lüge man mithilfe »der Presse«, aber unter Missachtung von »journalistischen Regeln« und unter Anwendung »verschriftlicher Gewalt«. Gegen das »Geschreibe im offiziösen Anti-›NPD-BLOG‹« könne sich »niemand erfolgreich zur Wehr setzen«, der nicht »als Neonazifreund da stehen« wolle. Nigmas Tirade kulminiert schließ­lich in dem an Gensing gerichteten Vorwurf: »Sie verbreiten – wie ich hier mehrfach aufgezeigt habe – die Unwahrheit und schüren so den Hass, aber Ihnen fällt Gewalt immer nur dann auf, wenn eine Faust direkt in Ihr Gesicht fliegt.«
Diese Art der wahnhaft-paranoiden »Medienkritik« trifft sich nicht zufällig mit dem bekann­ten rechten Gejammer über »Denkverbote« und »Maulkörbe«. Nigmas »Gerechtigkeitswahn« geht soweit, dass er schwärmerisch Zeit-Artikel zitiert, in denen sich linke, rechte und unpoli­tische Dynamo-Dresden-Fans unter dem Motto »Ostdeutsch leben oder westdeutsch sterben« ins Stadion begeben. »Und mal ehrlich«, heißt es im »Bad Blog« weiter, »jene Gruppierungen (Staat, Polizei, Medien, Spießbürger), die gegen Ultras und Hools (egal ob rechts oder links) hetzen, bilden auch eine Volksfront, und zwar eine deutsche Volksfront gegen die Unangepassten in diesem Land.«
So schnell werden aus stumpfen Hools und organisierten Neonazi-Totschlägern »Unangepasste« – und das in einem Blog, das mutmaßlich von Leuten aus dem antideutschen Antifa-Spektrum mit betrieben wird.
Trotz dieser Schwachheiten hat in den vergan­genen zehn Jahren allerdings tatsächlich eine neue Fankultur Einzug in die Stadien gehalten, die mit den Achtzigern und Neunzigern nicht mehr viel gemeinsam hat: Die nach ihren italie­nischen Vorbildern benannten Ultras dominieren heutzutage die meisten Kurven, und viele haben mit den zuvor rechten bis rechtsradikalen Fankulturen ihrer Vereine gebrochen.
So gibt es heute in den meisten Stadien einen antirassistischen Konsens, der von den jeweiligen Ultra-Gruppierungen mitgetragen wird. Organisierte Ultras des HSV, von Werder Bremen oder Hannover 96 konnte man in Norddeutschland in den vergangenen Jahren immer wieder auf Antifa-Demos sehen. Zum Teil führt dies zu handfesten internen Konflikten, etwa in Bremen, wo sich die alten Nazi-Hools der »Standarte Bremen« nicht so einfach von »16jährigen Zecken« aus »ihrem« Weserstadion vertreiben lassen wollen, nachdem ihnen der Verein bereits das Tragen von Thor-Steinar-Klamotten auf den Rängen untersagt hat.
Die von vielen, gerade auch linken Medien oft pauschal unterstellte direkte Zusammen­arbeit von Fußballfans, Ultras und organisierten Neonazis hingegen bildet viel eher die Ausnahme als die Regel. Wenn überhaupt, ist sie vor al­lem im Osten anzutreffen, aber selbst dort längst nicht mehr überall und in höchst unterschiedlichen Ausprägungen.
Wenn jedoch St. Pauli anreist, kommt offenbar nach wie vor alles an Nazis und Hools zu ­Besuch, was im Umkreis von 200 Kilometern überhaupt laufen kann, selbst wenn man diese Leute seit Jahren nicht mehr oder überhaupt noch nie im Stadion gesehen hat. Wer sich davon – wie in Rostock – nicht distanzieren kann oder will, bildet nun mal eine Querfront mit diesem Mob und sollte hinterher nicht anfangen zu jammern, dass niemand die ach so tollen Veränderungen zur Kenntnis genommen hat, und das ewig alte Klagelied der unverstandenen, von der Westpresse verfolgten, ostdeutschen Männerseele anstimmen.
Bei St. Pauli hat man bis zum Rückspiel gegen Hansa ohnehin ganz andere Sorgen: Der un­geliebte Stadtrivale hegt erstmals seit Ernst Hap­pels Zeiten wieder ernsthafte Ambitionen auf die Deutsche Meisterschaft.