Der Kollaps der Finanzmärkte und die reale Ökonomie

Willkommen im Zeitalter des Finanzmarktsozialismus

Das Krisenmanagement, das kurzfristig »das Schlimmste« abzuwenden versucht, schafft Fakten von großer Tragweite, ja historischer Dimension.

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Das Platzen der US-amerikanischen Immobilienblase hat eine Kettenreaktion ausgelöst. Eine Bankenpleite jagt die nächste. Weltweit befinden sich die Börsen im freien Fall, und auch die Weltkonjunktur schmiert ab. Aus Furcht vor »dem Zusammenbruch des gesamten Zahlungsverkehrs« (Bundesbankpräsident Axel Weber) fluten die Notenbanken die Weltfinanzmärkte mit »Liquidität« und leihen den privaten Geldinstituten das Geldkapital, das diese einander gegenseitig nicht mehr anvertrauen. Gleichzeitig schnüren die nationalen Regierungen zur Stabilisierung der Lage ein »Rettungspaket« nach dem anderen und übernehmen die aufgehäuften Verluste. Die USA machten den Vorreiter, mittlerweile haben alle anderen Staaten nachgezogen, auch die Bundesrepublik. Kaum hat die Kanzlerin für den Fall der Fälle eine Garantieerklärung für Spareinlagen abgegeben, schon werden auf die Schnelle 480 Milliarden Euro Unterstützung für das hiesige Bankensystem aus dem Hut gezaubert. Allein diese eine Maßnahme lässt die aufgehäufte Staats­verschul­dung mit einem Satz von 63 auf 83 Prozent des Bruttosozialprodukts nach oben schnellen.
Seitdem die Finanzmärkte Ende der siebziger Jahre zu ihrem historisch einmaligen Höhenflug ansetzten, gab es immer mal wieder Einbrüche und Rückschläge. Doch keine Erschütterung erreichte auch nur annähernd die Durchschlagskraft und Qualität des derzeitigen Desasters. Diesmal hat es nicht eine spezielle Weltregion erwischt wie bei der Asien-Krise 1997 und auch nicht einen einzelnen Sektor wie beim Absturz der New Economy, vielmehr ist der gesamte in drei Jahrzehnten aufgetürmte Finanz­überbau ins Rutschen geraten, und zwar weltweit.

Selbst wenn die gigantische Spontan-Verstaatlichung des notleidenden Finanzkapitals die vielbeschworene »Kernschmelze« erst einmal verhindern und die ökonomische Abwärtsspirale bremsen sollte, das Gesicht des Kapitalismus hat sich in diesem Herbst irreversibel verändert. Ein Krisen­management, das kurzfristig »das Schlimmste« abzuwenden versucht, schafft Fakten von großer Tragweite, ja historischer Dimension. Dass die Staaten die Lasten, die sie gerade auf ihren Schultern auftürmen, später wieder los werden könnten, ist pures Wunschdenken. Der Kulminationspunkt ist überschritten, der das Zeitalter des »fiktiven Kapitals« in zwei Teile scheidet. Das große private Reichrechnen, das die Aktienindizes zu immer neuen Rekordmarken trieb und das Volumen beispielsweise des US-amerikanischen Finanzmarkts gegenüber 1980 auf das 25fache anschwellen ließ, sind Geschichte; eine neue Ära hat begonnen, die im Zeichen lang anhaltender Entwertungsprozesse und finanzmarktsozialistischer Notstandsverwaltung steht.
Wie Marx schon für die zyklischen Krisen seiner Zeit herausgearbeitet hat, nehmen die großen akuten Krisenschübe zwar stets von den Finanzmärkten ihren Ausgang, die eigentlichen Ursachen sind aber keineswegs dort zu suchen. Das Abheben des Finanzüberbaus ist vielmehr selbst schon Symptom für tiefer reichende, die Realakku­mulation betreffende Prozesse. Das gilt auch, ja gerade für das Weltwirtschaftsbeben unserer Tage.
Die laufende Debatte blendet diese strukturellen Hintergründe schon aus Gründen der Legitimationsproduktion aus. Die Finanzmarkteskapaden müssen das Problem sein, weil der Kapitalismus selber kein Problem sein darf. In den neunziger Jahren fiel der Glaube an den Kapitalismus mit dem Glauben an die Grenzenlosigkeit der Finanzmarktdynamik zusammen; mit dem Crash ist die einseitige Kritik von Finanzkapital und Spekulation zur alles beherrschenden Form der Kapitalismus-Apologie aufgestiegen. Bis tief ins liberale Lager hinein wird zur Verteidigung der »soliden bodenständigen Marktwirtschaft« gegen das »verantwortungslose Finanzkapital« getrommelt.
Der Mythos von der »gesunden Realökonomie«, die von einem hyperthrophen Finanzüberbau in den Abgrund gerissen wird, stellt freilich den realen wirtschaftsgeschichtlichen Zusammenhang auf den Kopf. Bereits in den siebziger Jahren hatte die kapitalistische Produktionsweise mit einem fundamentalen strukturellen Problem zu kämpfen. Mit dem Auslaufen des fordistischen Booms und der einsetzenden flächendeckenden Rationalisierung im Gefolge der mikroelektronischen Revolution war ein selbsttragender Wachstumsschub, der auf realer Arbeitsvernutzung und Kapitalakkumulation beruht, unmöglich geworden. An der ökonomischen Oberfläche ließ sich das am damals viel diskutierten Phänomen der »Stagflation« ablesen. Sämtliche westliche Ökonomien wiesen Ende der siebziger Jahre gleichzeitig niedrige Wachstumsziffern und hohe, zum Teil zweistellige Inflationsraten auf. Die Entfesselung fiktiver Kapitalschöpfung war bereits die Reaktion auf diese fatale Lage und gleichzeitig deren provisorische Auflösung. Die Schaffung von Werten aus dem Nichts qua Aufhäufung von Schulden und Ansprüchen wurde zur neuen Basisindustrie, mit der der kapitalistische Gesamtladen steht und fällt. Erst die in immer neuen Schüben erfolgte Aufblähung des spekulativen Finanzüberbaus eröffnete dem so genannten Realkapital die Wachs­tumsspielräume, für die es aus eigener Kraft nicht mehr sorgen konnte. Die so gern geforderte Schließung des Casinos hätte zu keinem Zeitpunkt die Befreiung der angeschlossenen globalen Schwitzbuden und High-Tec-Firmen bedeuten können, sondern immer nur deren Schließung.
Das ist aber keine bloß historische Frage, sondern auch für die gegenwärtige Perspektive entscheidend. Kein Zweifel: Der Kollaps der Finanzmärkte belastet heute die Realökonomie. Aber nicht in dem Sinn, wie ein mitgeschlepptes Klavier jeden Spaziergang zur Qual macht, sondern eher in der Weise, wie die Explosion von zwei, drei Triebwerken Flugzeugpassagiere belastet. Auf dem heutigen Produktivitätsniveau wäre ein Kapitalismus, der ohne aberwitzige Spekulationsbewegungen auskommen soll, eine denkbar armselige Veranstaltung.
Die politische Klasse bedient sich derzeit einer Sprache, als sei sie geschlossen Attac beigetreten. Diese Rhetorik hält sie freilich nicht davon ab, ihre Praxis allein darauf auszurichten, um jeden Preis die Entleerung der geplatzten Gesamtblase zu begrenzen. Die Sozialisierung des astronomisch dimensionierten Abschreibungsbedarfs und die Geldschöpfungsorgien haben nur den Zweck, den unvermeidlichen Wertberichtigungsprozess zu kanalisieren und so weit wie möglich in die Zukunft zu verschieben.

Die Strategien zur Krisenbewältigung weisen gewisse Parallelen zu der Entwicklung Japans in den neunziger Jahren auf, als das Land nach dem Kollaps der dortigen Immobilienspekulation eine gut zehn Jahre währende Depressionsphase durchmachte. Auch damals kam die Dreierkombination von rücksichtloser Geldschöpfung, Verstaatlichung von Verlusten und kreativer Buchführung zur Anwendung. Die dortige Zentralbank ging so weit, jahrelang Geld mit negativem Realzins, also Zinsen, die deutlich unter der Inflationsrate lagen, zu verleihen. Trotzdem zeigten die geldpolitischen Maßnahmen damals kaum die erhoffte Wirkung. Das wird gemeinhin darauf zurückgeführt, dass die geschöpften Gelder über den Pazifik emigrierten und dort als Anlage suchendes Geldkapital mit die US-amerikanische Blase speisten. Auf die japanische Realwirtschaft wirkte das nur insofern indirekt positiv zurück, als dadurch die fernöstliche Exportkonjunktur mit angekurbelt wurde.
Diesmal gibt es kein nicht betroffenes Außen, wo die Selbstvermehrung fiktiven Kapitals ungebrochen weiterläuft. Insofern dürften Schuldenübernahme und Liquiditätsschöpfung mehr Wirkung zeigen als im Japan der neunziger Jahre – allerdings nicht unbedingt nur die erhoffte. In dem Maße, in dem die staatlich geschöpfte Liquidität sich nicht als Rohstoff neuerlicher Blasenbildung in fiktives Kapital verwandelt, in dem Maße, in dem für alle Staaten die Refinanzierung ihrer nach oben katapultierten Schulden auf den Kapitalmärkten zum Problem wird, bereiten die staatlichen Rettungsmaßnahmen inflationären bis hyperinflationären Entwicklungen den Boden. Die Politik hat erheblichen Einfluss auf den weiteren Krisenprozess. Sie bestimmt aber nicht darüber, ob sich die große Entwertungsbewegung fortsetzt, sondern nur über ihr Tempo und über ihre Form. Werden primär aufgehäufte Ansprüche und Besitztitel entwertet, oder nimmt der Prozess in erster Linie die Gestalt der Inflation an? Die Weltwirtschaft steuert schnurstracks wieder auf den Zustand zu, aus der sie die aberwitzige Spekulationsbewegung einst erlöst hatte, freilich auf wesentlich höherem Niveau. Die Stagflation der siebziger Jahre, das Nebeneinander von Wachstumsschwäche und stetiger Geldentwertung, droht, als Ineinander von Depression und galoppierender Inflation wiederzukehren.