Krisenhilfe aus Entenhausen

Die Kunst, Geld anzuhäufen

Hilfe! Die Krise ist überall. Wohin jetzt mit dem Ersparten? Ein Blick auf die politische Ökonomie Entenhausens und das Geschäfts­gebaren des erfolgreichsten Unternehmers aller Zeiten kann dabei hilfreich sein: Dem Geldspeicher gehört die Zukunft.

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Ehrt eure großen Männer! Diese Devise, der man im Gegensatz zu den meisten Devisen dauerhafte Wertbeständigkeit attestieren kann, stammt aus dem Munde des Bürgermeisters von Entenhausen und wird in unserer Welt viel zu wenig beachtet. Umso mehr fühlen sich die Mitglieder der Deutschen Organisation nichtkommerzieller Anhänger des lauteren Donaldismus (D.O.N.A.L.D.) verpflichtet, diese alte Entenhausener Spruchweisheit in Erinnerung zu rufen und dementsprechend eine Persönlichkeit zu ehren, deren Lebensführung Vorbild dafür sein kann – wenn nicht gar sein muss! –, wie die Herausforderungen der Finanzmarktkrise zu meistern sind. Natürlich ist die Rede von Dagobert Duck.
Sein Geschäftsverhalten macht in Deutschland bereits Schule. 30 Prozent Zuwachs beim Absatz von Safes meldet der Tresorbauer mit dem klingenden Namen Burg-Wächter, und das ist angesichts der aktuellen Vermögensvernichtung ein doppelt bemerkenswertes Plus, denn was wollte man in die neuen Safes hineintun? Aber ein gut armierter Tresor gibt Sicherheit, das wissen wir aus Entenhausen. Und gleichermaßen vorbildlich erscheint Dagobert Ducks Liebe zum Gold. Die gegenwärtige Nachfrage übersteigt ja bei weitem das Angebot. Man kann die Goldgierigen verstehen – hat doch das Edelmetall nicht nur einen konkreten materiellen Wert, sondern es ist auch ein Hochgenuss, wie ein Seehund hineinzuspringen, wie ein Maulwurf darin herumzuwühlen und es in die Luft zu schmeißen, dass es einem auf die Glatze prasselt. So lautet zumindest der Rat jenes erfahrenen Mannes aus Entenhausen, der einen ganzen Geldspeicher voll Gold sein eigen nennt.

Nun mag es sein, dass selbst die geschäftliche Kom­petenz eines Multimilliardärs, dessen durchschnittlicher Stundenverdienst nachweisbar 22 397 480 Taler beträgt, nicht mehr uneingeschränkt vertrauenswürdig ist, nachdem man in den vergangenen Wochen Geldvermögen dahinschmelzen sah wie die Polkappen. Doch wir wissen aus den von Carl Barks und Erika Fuchs überlieferten Entenhausener Ereignissen, dass selbst in Zeiten größter Krisen, die Dagobert Duck stündliche Verluste von einer Milliarde Taler beschert haben (also fast das 50fache der üblichen Gewinne), sein Konzern wochenlang überlebte, ohne dass sich der Eigentümer genötigt gefühlt hätte, einen Kredit aufzunehmen – das tat er letztmals beim Goldrausch in Alaska anno 1898.
Dagobert Duck ist reich geworden, weil er zäher war als die Zähesten und schlauer als die Schlausten. Und er ist ein ehrlicher Mann dabei geblieben. Das unterscheidet ihn von etlichen Bankierskollegen. Ein weiteres Erfolgsrezept Ducks aber ist zweifellos, dass sein Vermögen nur zu kleinen Teilen in Wertpapieren angelegt wurde. Das eigene Unternehmen ist nicht einmal eine Aktiengesellschaft – ganz im Gegensatz zu seinen hartnäckigsten Widersachern, deren vollständige Firma »Panzerknacker AG« lautet. Was haben wir früher über die Vorstellung gelacht, eine Verbrecherbande könnte nach den Prinzipien des deutschen Aktienrechts organisiert sein. Heute scheint uns Erika Fuchs in dieser Hinsicht als große Prophetin. So ändern sich die Zeiten.
»Kapitalisten verstehen etwas von den Genüssen des Lebens« – so heißt es in Entenhausen. Verstehen sie aber auch etwas vom Kapital? Da­go­bert Duck jedenfalls ist eine Symbolfigur jener Vermögensverwaltung, die man als »Schatzbildung« bezeichnet. Er hortet. Nun ist dieses Verhalten nicht nur nach Meinung von Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, sondern gemäß allen gängigen volkswirtschaftlichen Theorien verwerflich, weil damit der Kreislauf des Geldes unterbrochen wird. Die erfreulicherweise en detail dokumentierte Zusammensetzung des Duckschen Vermögens ist in dieser Hinsicht aufschlussreich: drei Kubikkilometer Bargeld, eine drei Meter tiefe Schicht Smaragde im Geldspeicher, zwölf Tonnen amerikanische Rubine, 1 022 Ölquellen, 2 000 Goldminen, 6 000 Morgen Kürbisfelder, 1 000 Mor­gen Beerenplantagen. Wir können anhand dieser Aufstellung eine Präferenz für Liquidität und Rohstofferzeugung feststellen, die aufmerksamen Beobachtern lange vor der gegenwärtigen Krise zu denken hätte geben sollen. Sie haben nicht richtig hingeschaut, diesen Vorwurf muss man ihnen schon machen.

Ein Großteil des Duckschen Geldes arbeitet nicht. Es genießt vielmehr den Ruhestand und dient vor allem sentimentalen Gefühlen seines Besitzers. So findet sich tief im Geldspeicher unter unzähligen anderen Münzen vergraben ein Fass mit der ersten Million Dagobert Ducks, die dieser »noch heute nicht ohne Rührung betrachten kann«. Dass auch der erste selbstverdiente Taler noch in seinem Besitz ist, dürfte sogar oberflächlichen Kennern Entenhausens bekannt sein. Man darf aber vermuten, dass frisch verdientes Geld von Dagobert Duck generell nicht wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt wird. Man rufe sich nur einen Satz in Erinnerung, den er beim Betrachten einer einzelnen Münze aus seinem Ver­mögen äußerte: »Oh, das Geldstück kenn’ ich. Das ist das, was ich damals auf der Weltausstellung 1907 nicht ausgegeben habe.«
Dieses Zitat führt ins Herz der politischen Ökonomie Entenhausens, die sowohl rätselhafte Phänomene wie die kurzfristige Bilanzschwebe als auch mittlerweile leicht nachvollziehbare wie die kreditabwürgende Unabhängigkeitstheorie kennt. Erfreulicherweise ist durch Barks und Fuchs ein Vorlesungszyklus überliefert, den Da­gobert Duck als unfreiwilliger Entwicklungshelfer beim Stamm der südamerikanischen Muskateller-Indianer gehalten hat. Hören wir uns den Milliardär erst einmal an: »Zuerst muss man sich ein paar Taler sparen. Die tut man auf die Bank. Ersparnisse erfreuen das Herz des Bankdirektors. In seiner Freude legt er noch etwas dazu.« So erläutert Duck das Zinsphänomen. Es ist hier also weniger Geld, das Geld heckt, um mit Marx zu reden, als vielmehr eine Ökonomie des Wohlgefallens (man könnte auch sagen: eine Günstlingswirtschaft), die das Vermögenswachstum erst in Gang bringt. Banken fungieren dabei als grundgütige Gläubiger.
Das wirkt etwas weltfremd. Aber weiter in Ducks Vorlesung: »Mit dem geborgten Geld kauft ihr billige Waren ein und verkauft sie so teuer wie möglich.« Spätestens hier werden wir hellhörig, denn wir wissen ja, dass sich der Milliardär selbst nicht mehr verschuldet. Wir folgern daraus, dass kaum jemand so wenig berufen ist, uns den Kapitalismus zu erläutern, wie Dagobert Duck. Es gibt ein berühmtes Diktum aus seinem Munde: »Mir hat auch keiner gesagt, wie man Kapitalist wird.« Der Witz ist: Er ist es nie gewesen, denn Hortung, wie Duck sie betreibt, muss dem Kapitalismus wesensfremd bleiben. Er ist ja gerade angewiesen auf frei flottierende Geldströme, weil nur so Kapital akkumuliert werden kann.

Nun würde niemand bestreiten, dass auch Dagobert Duck erfolgreich Vermögen gebildet hat, und es ist nicht abzusehen, dass – um mit Rosa Luxemburg zu reden – das Karussell der Akkumulation in seinem Falle jemals kreischend zum Stillstand kommen wird. Aber Vermögen ist eben noch kein Kapital, denn dazu gehört die investive Nutzung des Geldes, und an nichts hat Dagobert Duck weniger Interesse. Wie er seine Geschäfte betreibt, ist ein Rätsel. Dessen Lösung dürfte darin liegen, dass ihm schon längst alles gehört, so dass es für ihn gar keinen Sinn hat, zu investieren oder auch nur zu konsumieren, weil ohnehin jeder von Duck ausgegebene Taler wieder in den eigenen Kassen landet. Dafür gibt es einen empirischen Beweis: die Geschichte mit dem sprechenden Titel »Die Kunst, Geld auszugeben«.
Das ist in der Tat eine Kunst, wenn man ein Wirtschaftssystem wie das Entenhausener hat. Keine Kunst dagegen ist es, dabei Geld aufzuhäufen. Man könnte diese Konstruktion für krisenfest halten, weil alles in einer Hand liegt, und somit nach dem Vorbild des Wirtschaftsungeheuers Dagobert Duck auch bei uns eine Bündelung aller ökonomischen Aktivitäten in einer Hand fordern. Doch wir haben ja bereits gehört, dass es Momente gibt, in denen selbst das Perpetuum mobile der Duckschen Geldvermehrung gebremst wird. Die Ursache dafür ist regelmäßig übersinnlichen Charakters, denn ökonomischer Erfolg in Entenhausen beruht auf der Zauberkraft mächtiger Talismane wie des Glückstalers oder einer magischen Sanduhr. Deshalb sollten wir uns vom Glauben an eine rational organisierte Wirtschaft verabschieden und unsere Aufmerksamkeit der zweiten ökonomischen Kunst widmen, die in Entenhausen gelehrt wird: »Die Kunst, als reicher Mann zu sterben«, lautet der Titel eines populären Sachbuchs im Besitz von Dagobert Duck.
Gegen die protestantische Prädestinationslehre, die für Max Weber Hauptantrieb des kapitalistischen Systems ist, wird hier ein ästhetisches Vermögen gesetzt – eine Kunstfertigkeit im Sinne der griechischen techne. Von Entenhausen lernen, heißt also akzeptieren lernen, dass es eine Kunst ist, reich zu werden. Rationalität genügt nicht. Aber wer wollte das ernsthaft noch bezweifeln?

Der Autor ist Ehrenmitglied und Ehrenpräsidente der D.O.N.A.L.D.