Harvey Milk, San Francisco und den neuen Film von Gus van Sant

Gay, gewählt, getötet

Harvey Milk gilt als Martin Luther King der Schwulen. Er bekannte sich zu seiner Homosexualität und machte dennoch in den USA politisch Karriere. 1978 wurde der erste schwule Stadtrat San Franciscos von seinem parteiinternen Gegenspieler er­schossen. Jetzt kommt die Lebensgeschichte des Polit-Stars ins Kino. Unser Autor hat sich in der ehemaligen Flower-Power-Hochburg an den Originalschauplätzen umgesehen

Von Knud Kohr
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San Francisco, 23. Dezember 2008. Zehn Minuten vor acht bricht Jubel aus im »Castro Movie Palace«. Eine mächtige Wurlitzer-Orgel fährt automatisch aus dem Orchesterboden, ein schmaler Organist entlockt ihr ein Medley aus Filmmelodien. Seit 1922 werden Filme gezeigt in diesem plüschigen Saal, in dem Farben und Materialien, italienische, orientalische und spanische Einflüsse erbarmungs­los übereinander herfallen. Das Programm dazu ist durchaus passend: Mainstream neben Independent-Produktionen. »The Sound of Music« mit Judy Garland zum Mitsingen neben einer deutschsprachigen Reihe, ausgewählt von Wim Wenders. In diesem Jahr hat der Kinopalast einen der vielleicht größten Auftritte seiner Geschichte. Gezeigt wird für ein paar Wochen Gus Van Sants neuer Film »Milk«.
Die Biografie von Harvey Milk, der 1977 als ers­ter offen schwuler Politiker in ein Amt gewählt wurde. Und zwar direkt vor der Tür, in San Fran­ciscos Schwulenbezirk rund um die Castro Street, nach der auch das Kino benannt wurde. Und der einige Monate später durch die Kugeln seines politischen Gegners, des Republikaners Dan White, starb. Mehr Heimspiel ist für einen Film nicht denkbar. Der Organist endet mit einer kleinen Improvisation. Noch einmal brandet Ju­bel auf, dann wird es dunkel im Saal.
Zur Oscar-Verleihung am 22. Februar wird »Milk« als einer der Favoriten antreten – nominiert in acht Kategorien, darunter bester Haupt­dar­steller, beste Regie, bestes Buch und bester Film. Dustin Lance Black schrieb das Drehbuch, und Sean Penn spielt die Titelrolle. Jahrelang hatte Penn das Problem, immer wieder als »Ex-Mann von Madonna« tituliert zu werden, so dass ihn die Öffentlichkeit kaum als das wahrnahm, was er vor allem anderen ist: der wahrscheinlich beste Schauspieler seiner Generation. Zum fünften Mal ist er nun schon nominiert, einmal (2004 für »Mystic River«) hat er den Academy Award gewonnen. Vielleicht war er nie so gut wie hier, bei der überzeugenden Darstellung des flirrenden, charismatischen Harvey Milk.
Van Sant ist nicht der erste, der Harveys Geschichte erzählt. Bereits 1984 – noch unter dem Eindruck des Mordes – erschien der Film »The Times of Harvey Milk« von Rob Epstein, der den Oscar für die beste Dokumentation gewann. Mehr als einmal verwendet van Sant Material aus Epsteins Film – in dramatischen Pas­sagen gegen Ende des Films kombiniert er Spiel- und Dokumentarszenen zu einer Art Faction-Stil.
1995 wurde der Stoff auf die Opernbühne gebracht. Weit weniger beachtet als die Filme, schaffte es die Inszenierung immerhin von den USA aus bis auf europäische Bühnen, u.a. nach Düsseldorf, und es ist davon auszugehen, dass Regisseur und Autor auch diese Bearbeitung genau studiert haben.
Wie also erzählen, wie beginnen? Van Sant entscheidet sich für relativ enge Bilder, die das Nachbarschaftliche, Verbundene des Castro und seiner Bewohner zeigen. Aber auch die Unmöglichkeit, dem Anderen, dem Andersartigen aus dem Weg zu gehen. Die erste Sequenz des Films erzählt eine Nacht im Frühjahr 1970, in der Harvey Milk – neu in San Francisco angekom­men – seinen 40. Geburtstag feiert. Historisch ist das nicht ganz richtig, weil Milk erst 1972 nach San Francisco kam, aber van Sant baut eine Pointe aus dieser Geschichtsklitterung. Im Bett, mit seiner neuesten Eroberung, die für die nächsten Jahre sein Freund wird, lächelt Harvey bei der Zigarette danach. »40 … 50 werde ich bestimmt nicht.« Dieser Satz entpuppt sich leider als Prophezeiung.
Gemeinsam eröffnen die Männer ein Fotogeschäft in der Lower Haight Street. Abgestoßen von der Homophobie mancher alteingesessener Geschäftsmänner der Umgebung, aber auch befeuert von einer starken schwulen Gemeinde, die sich seit einigen Jahren im Stadtteil Castro ansiedelt, tritt Milk als Kandidat für das Amt des Stadtverordneten an. Und verliert. Zwei Jahre später verliert er erneut. Knapper zwar, aber der Mut für eine weitere Kandidatur scheint zu schwinden. Bis eines Tages im Jahr 1977 sein Kam­pagnen-Manager mit breitem Grinsen und einem Stadtplan im Laden auftaucht. Die Wahlbezirke sind neu strukturiert worden. Der Manager tippt auf zwei Straßenzüge: »Wir müssen nur die Schwulen und die Hippies überzeugen. Das sollten wir schaffen!«
Die Schwulen im Castro hat Milk ohnehin mehr­heitlich auf seiner Seite. Aber nun ist Haight-Ashbury dazugekommen. Die Blöcke rund um diese Straßenkreuzung sind in den frühen sechziger Jahren Urzelle der Hippiebewegung ge­worden. Jerry Garcia und Grateful Dead haben in der Haight Street ihr Haus, und in einem der Hippie-Kindergärten wird LSD als Mittel frühkindlicher Erziehung eingesetzt. Wenn irgendwo auf der Welt etwas nie Dagewesenes geschehen kann, die Wahl eines offen schwulen Politikers nämlich, dann hier. Harvey Milk und sein Team stürzen sich in einen weiteren Wahlkampf. Sein Freund verlässt ihn während dieser arbeits­intensiven Zeit. Aber Milk gewinnt das Mandat.
Heute gilt San Francisco als schwulste Stadt der Welt. Jeder sechste Mann in ihren Grenzen liebt soziologischen Studien zufolge gleichgeschlechtlich, dazu jede zehnte Frau, und im Cas­tro sind es zusammengerechnet deutlich mehr als die Hälfte der Bevölkerung. Wer am Samstag­abend im Drogeriemarkt »Walgreen’s« oder bei »Seven Eleven« ein paar Einkäufe nachholt, kann das Gefühl bekommen, in einem Comic von Ralf König gelandet zu sein: Ledermänner, Fetischfreunde und SM-Paare stehen mit ihren Einkaufskörben zwischen Rentnern und Sekretärinnen brav in der Warteschlange.
Doch dieser erste Blick täuscht. 30 Jahre nach der Ermordung von Harvey Milk sind auch in San Francisco die Schwulenrechte keineswegs sicher. Wenige Wochen vor Filmstart, als der erste Schwarze zum Präsidenten der USA gewählt wurde, stand in Kalifornien eine zweite Frage zur Abstimmung: Ja oder Nein zur »Proposition 8«? Würde »Prop 8« angenommen, wäre das vor kurzem erstrittene Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Heirat gleich wieder verloren. Aus Angst davor kam es in den Tagen vor der Wahl in den Standesämtern der Stadt zu regelrechten Massentrauungen. Die Angst war berechtigt: Während die Welt Barack Obama feierte, empörte man sich im Castro über die Annahme der verhassten »Prop 8«. Seitdem ist die Politik wieder auf der Straße sichtbar. Vor dem Kino werden Unterschriften für eine neuerliche Volks­abstimmung gesammelt. Wenige Häuser entfernt hat jemand – vielleicht ein schwuler Christ? – ein Plakat in sein Fenster gehängt: »It’s a sin to say God hates gay!« ist darauf zu lesen.
»Hey, kauft meine Zeitung!« In der Haight Street steht ein Mann um die 60 in speckiger Jeansjacke an einer Wand und preist ein Straßen­blättchen an. »Sie ist auf Recyclingpapier gedruckt! Wenn ihr sie kauft, laufen bald wieder Bären und Biber durch den Golden Gate Park! Seid ihr Veganer? Ist mir egal, aber ihr bekommt trotzdem ein Drittel Rabatt!« Um ihn herum riecht es süßlich, und angesichts seiner verwaschenen Aussprache bekommt man ungewollt Zweifel an der Unschädlichkeit von Marihuana. Zumindest scheint es schädlich, wenn man es länger als drei Jahrzehnte zu sich nimmt.
Im Gegensatz zum Castro wirkt die Haight Street wie ein Freilichtmuseum. Zwar haben auch hier ein paar Rudimente der Hippie-Kultur überlebt. Das »Red Victorian Inn« zum Beispiel, betrieben von der 83jährigen Künstlerin Sami Sunchild. Sie hat nicht nur ihre Kunstwerke zum Verkauf an die Wände gehängt. Zwischen den normalen Cafétischen stehen auch die so genann­ten Conversation Tables, an die man sich nur setzen sollte, wenn man bereit ist, mit anderen Gästen Gespräche zu Fragen des Lebens zu führen, die auf einer speisekartenähnlichen Liste verzeichnet sind. Diese Tische allerdings bleiben meistens leer. Nur ab und zu traut sich eine Gruppe Touristen heran, die groß genug ist, alle verfügbaren Plätze gleichzeitig zu besetzen.
Schräg gegenüber wartet der »Booksmith«, ei­ne Buchhandlung, die auch von dem Ruhm lebt, Schauplatz von Allen Ginsbergs letzter Lesung gewesen zu sein. Ansonsten muss man aber bis in die Esoterik-Ecke schlendern, um Un­terschiede zu Hugendubel zu erkennen.
In einer Nebenstraße gibt es noch immer eine Klinik, in der Einwohner des Viertels kosten­los behandelt werden. Und an der Ecke Haight und Masonic Street herrscht dichter Andrang im »Goodwill-Shop«, einer Art amerikanischer Version von Humana.
Vor allem aber ist die Haight Street voll mit Tou­risten, Halbwüchsigen zumeist, die alle aussehen, als kämen sie aus Kleinstädten des Mittelwestens und wollten hier für einige Stunden mal richtig die Sau rauslassen. Von Zeit zu Zeit bekommt man sogar eine Bierdose zu sehen, die nicht in einer Papiertüte versteckt wird.
Es scheint, als seien die Ideale von Freiheit, Lie­be, Drogen und dem Recht auf viertelstündige Gitarrensoli, die einst die Haight Street beherrsch­ten, mittlerweile vollständig vom kulturellen Mainstream überrannt und zu ihrem eigenen, diffusen Zitat geworden, das aus Batikhemden und Zitrusöl in den Schaufenstern besteht. Wer näher hinschaut, stellt fest: Selbst diese Dinge sind mittlerweile mehrheitlich irgendwo in Asien hergestellt worden.
Das Castro hingegen wirkt unbeschädigter. Viel­leicht liegt das am Druck von außen und innen, der nach wie vor besteht: Der ständige Kampf gegen Aids ist zu führen, und den konservativen Kräften muss etwas entgegengesetzt werden.
Als Harvey Milk sein Amt im Rathaus antritt, lässt Gus Van Sant seinen Gegenspieler erscheinen: Dan White, gespielt von Josh Brolin. Auch er ist für den Oscar nominiert. Der republikanische Stadtverordnete, ein Mann mit Frau und Kind und Handkantenscheitel, ist überzeugter Verfechter der damals aktuellen »Prop 6«, mit der die Grundlage geschaffen werden soll, schwu­le Lehrer vom Dienst zu suspendieren.
Der Politiker Milk unterläuft diesen Versuch, Schwule zu dämonisieren, mit einer simplen Strategie: Die Schwulen der Stadt sollen sich outen. Damit jeder merkt, dass er Homosexuelle kennt, die mit dem düsteren Bild des Jugendver­derbers, das die Verfechter von »Prop 6« haben, nichts zu tun haben. Für White wird das zum Di­lemma. Zwischen ihm und Milk hat sich eine vorsichtige Kollegenfreundschaft zu entwickeln begonnen, die auch ins Private reicht. Ausgerechnet Milk ist der einzige Stadtverordnete, der zur Taufe von Whites Tochter erscheint. Am Rande dieser Feier versucht Milk, den angetrunkenen Gegenspieler auf seine Seite zu ziehen. Das überfordert White. Einer wie Milk muss eine Ausnahme bleiben im festgefügten Weltbild von ihm selbst und seiner Partei. Mit einem Gewaltakt gegen sich selbst versucht White, sich aus diesem Dilemma zu befreien: Wenn »Prop 6« scheitert, droht er, werde er sein Amt zurück­geben. Als genau das passiert, merkt er, dass er viel zu viel in die Waagschale geworfen hat. Er will sein Ultimatum rückgängig machen.
Doch als er sein Amt vom Bürgermeister nicht zurückbekommt, aus juristischen Gründen auch nicht zurückbekommen kann, bleibt White nur noch die Gewalt gegen andere. Er erschießt den Bürgermeister und Harvey Milk. Mit Bildern von Fackelzügen durchs Castro, die er aus Epsteins Film übernimmt, lässt van Sant seinen Film enden.
Gegen halb elf strömen die Besucher aus dem Kino. Zwei verfrorene Aktivisten stehen noch am »Prop 8«-Stand und sammeln letzte Unterschriften. Ein Dritter baut ihnen den Stand qua­si vor den Füßen ab. Einige Besucher zieht es in die an der nächsten Straßenecke gelegene »Twin Peaks Bar«, die einst der erste schwule Club des Viertels war. Der noch immer nobel aussehende Laden ist vorrangig von reiferen Herren bevöl­kert. Wer jünger ist oder einfach nur Hunger hat, geht zwei Häuser weiter ins »Orphan An­dy’s«. Der Laden ist proppenvoll, nur am Eingang, wo bei jedem Türöffnen die Zugluft hineinströmt, ist noch ein Tisch zu haben. Nebenan versucht ein kahl rasierter, schwarz gekleideter Galerist, einen Kunden von seiner neuesten Ent­deckung zu überzeugen.
Die Burger bei Andy sind teuer. Der Kuchen ist schauderhaft und in Sprühsahne erstickt. Das Eis wird halb geschmolzen in Suppentellern ser­viert. Aber die Kellner sind durchtrainiert, gut gelaunt und geben sich kokett. Also ist die Stim­mung großartig. Gleich beginnt der Heiligabend in San Francisco.

»Milk« (USA 2008), Regie: Gus Van Sant, Buch; Dustin Lance Black, Darsteller: Sean Penn, Josh Brolin, Emile Hirsh, Allison Pill, James Franco, Diego Luna.
Filmstart: 19. Februar