Tariq Ramadans Buch »Radikale Reform«

Das Islamistchen

Tariq Ramadan gilt als Vordenker des Reformislam. Nach der Lektüre seines neuen Buches fragt man sich: wieso eigentlich?

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Tariq Ramadan scheint auf den ersten Blick ein gläubiger liberaler Linker zu sein. Der in der Schweiz geborene Nachfahre des Begründers der Muslimbruderschaft, Hassan al-Banna, ist gutaussehend, in der ganzen Welt als Redner und Vortragender begehrt, für junge französische Muslime sogar eine Art Kultfigur. Und wenn er auch im Jahr 2004 nicht in die USA einreisen durfte, so holte ihn doch kurz darauf Tony Blair in ein Gremium für Integrationsfragen. Das Time Magazine zählte ihn zu den 100 wichtigsten Persönlichkeiten der Welt, der notorische Bauernrebell José Bové schätzt ihn, in der Ha’aretz durfte er ­einen Gastkommentar schreiben. Er plädiert für Tierschutz, nachhaltiges Wirtschaften, die Worte »Freiheit« und »Würde« sind in seinen unzähligen Interviews und ­Reden obligatorisch. Der in diesen Fragen oft hellsichtige Journalist Jörg Lau befand: »Tariq Ramadan hat es geschafft, zum inoffiziellen Sprecher eines Euro-Islam aufzusteigen, der das gebrochene Selbstbewusstsein der Dias­pora hinter sich lässt und das Hier und Jetzt der westlichen Moderne als sein Wirkungsfeld akzeptiert. Das allein ist ein Verdienst, auch wenn es keineswegs ausgemacht scheint, ob er das Etikett des liberalen Reformers zu Recht trägt. Es wäre falsch, ihn aus dem Gespräch über den langen Weg der Muslime nach Westen auszugrenzen. Es gibt nicht viele andere, die wie dieser Doppelagent des modernen Islam auf beiden Seiten Gehör finden.«
Seine Kritiker betonen, dass sich Ramadan zwar nicht so radikal gebärde wie sein Bruder Hani Ramadan, gleichwohl aber weiterhin in der Tradition der Muslimbruderschaft stehe und antisemitisches und islamistisches Gedankengut pflege. Seine Dissertation über seinen Großvater liest sich zumindest, dem Islamwissenschaftler Ralph Ghadban zufolge, wie eine Hagiografie. Auch muss man sein neuestes Buch, das soeben unter dem irreführenden Titel »Radikale Reform« auf deutsch erschienen ist, nur genau lesen, um zu erkennen, dass Ramadan keinesfalls als ein westlicher Muslim zu begreifen ist.
Um das Buch bewerten zu können, muss man Ramadans Argumentation zunächst nachzeichnen. Bereits zu Beginn seiner Ausführungen erklärt er seinen Begriff von Reform – er will nicht die Religion, die er als Gemeinschaft begreift, sondern innerhalb dieser Gemeinschaft reformieren. Die Religion als solche lässt er unangetastet. Der Koran ist bei ihm unhinterfragbares Gotteswort, auch die Berichte der Gefährten Mohammeds sind ihm heilig. Erst die späteren Interpretationen der Gelehrten sind ihrerseits wieder als in einem Kontext entstandene Texte zu begreifen, die heute widerlegt werden können. An eine Reform der religiösen Grundlagen denkt dieser »radikale Reformer« also keineswegs, im Gegenteil, er warnt davor, da ein solcher Prozess den Islam ebenso aushöhlen werde, wie die katholische Kirche von ihren Reformen ausgehöhlt worden sei.
Um eine derartige Verwässerung des Glaubens zu vermeiden, zugleich aber auch den Islam für Muslime, die im Westen leben, attraktiv zu machen, schlägt der Euroislamist eine Reihe von Verbesserungen vor. Nicht alles, was an den Traditionen rüttele, sei, weil angeblich aus »dem Westen« stammend, abzulehnen, schreibt Ramadan, und versucht hernach viele – sagen wir einmal – grüne Lehrsätze in die muslimische Glaubensgemeinschaft zu tragen. So soll man die Tiere pfleglich behandeln, wie schon Mohammed betont habe, der Koitus Interruptus, ja sogar die Verhütung seien in gewissen Grenzen erlaubt, und selbst Abtreibungen ließen sich – sofern sie einem höheren Ziel dienten, für Gläubige ermöglichen. Den Frauen sei ihre Lust erlaubt und zudem eine umfassende Bildung zugänglich zu machen, sie seien sogar juristisch gleichzustellen, auch das lasse sich aus dem Koran und den Worten des Propheten ableiten. Das Bildungsniveau sei schließlich allgemein zu erhöhen, moderne Unterrichtssysteme seien auszuprobieren, ebenso müsse und dürfe die Kunst von Muslimen mehr sein als beschauliche Illustration des göttlichen Wortes. Ketzerisch allerdings dürfe die Kunst, dürfe auch die Philosophie nicht sein. Ebenso wenig sei in Wirtschaftsfragen »dem Westen« nachzueifern, nicht nur das Zinsverbot gelte weiterhin, auch sei die Globalisierung eine ernsthafte Gefahr für Allahs Schöpfung. Dementsprechend müsse der Gläubige nachhaltig wirtschaften.
Praktische Vorschläge bleibt der Philosoph schuldig, er verweist auf die »Gelehrten«, die auf diese Ideen bislang nicht gekommen seien. All diese Gemeinplätze stünden auf jeden Fall im Einklang mit dem Glauben, versichert Ramadan. Denn »die Bedeutung und Funktion des Korans liegt (im Einklang mit allen göttlichen, spirituellen und philosophischen Botschaften) in seiner Fähigkeit, unser Herz und unseren Verstand zu bilden, damit wir nicht den Menschen und Gesellschaften folgen, die vom Wege abkommen, sondern vielmehr danach trachten, die Welt so zu verändern und zu gestalten, wie es zum Besten des Menschen ist – um ihm ein Leben in Würde, Gerechtigkeit, Liebe, Vergebung, Wohlergehen und Frieden zu ermöglichen«.
Dieser wohlklingende Satz durchzieht, mehrfach variiert, das Buch und lenkt ab von all dem, was Ramadan in diesem Buch »für die moderne Gesellschaft« auch schreibt. Nicht nur sieht er im »Westen«, der von einer »geistigen und geschmacklichen Amerikanisierung« geprägt sei, keine Alternative zu seiner islamischen Glaubensgemeinschaft, er zielt vielmehr darauf, »den Westen« zu islamisieren und also abzuschaffen. Nicht umsonst wird der Glaube in diesem Buch mehrfach gleichgesetzt mit »Widerstand«. Der Mann ringt also weniger mit seiner Religion, da sie ihm veraltet erscheint, die bislang maßgebliche Auslegung der Schriften behindert ihn vor allem auf seinem missionarischen Weg. Ramadan geht hart gegen den »Säkularismus« vor und versucht stattdessen, seinen Glauben den Bedürfnissen und Erkenntnissen der Gegenwart anzupassen. Er sucht nicht die Integration, es geht ihm um die Tarnung des Eigentlichen, welches eben die Ausbreitung seiner Religion ist. Wie jeder religiöse Mensch, der das Menschengemachte der heiligen Texte nicht sehen will, muss er sich dabei mehrfach verdrehen, doch all diese Verrenkungen nimmt Ramadan seiner Sache wegen gern in Kauf.
So will er die Todesstrafe nicht abschaffen, sondern aussetzen, will die Geschlechtergrenzen nicht verwischen, nur »der Frau« etwas mehr Freiheit zugestehen, will »falsche Freiheit«, »Konsum« und andere Individualbedürfnisse durch Demut und Bescheidenheit ersetzen.
Damit würde sich Ramadan nicht einmal von gemäßigten islamischen Schriftgelehrten unterscheiden. Doch dieser Missionar ist nicht so glaubensfest, wie er vorgibt zu sein, treibt ihn doch seine Geltungssucht vor jede Kamera und in jedes Amt. Auch scheint ihn, der stets gegen »globalisierte Unternehmen« ­wettert, der Umstand nicht zu stören, dass sein Buch in einem Verlag des Bertelsmann-Konzerns erscheint. Er ist nichts anderes als ein Politiker, der seinen Gott für ein höheres Ziel einsetzt. Er versucht nicht, den Islam mit der Moderne zu versöhnen, sondern die Moderne mit dem Islam zu eliminieren. Gottsei­dank jedoch ist er verhältnismäßig machtlos.

Tariq Ramadan: Radikale Reform. Die Botschaft des ­Islam für die moderne Gesellschaft. Aus dem Englischen von Kathrin Möller und Anne Vonderstein. Diederichs-Verlag, München 2009, 426 Seiten, 24,95 Euro