Den deutschen Nazis gefällt Tarantinos Film nicht

Arme kleine Nazis

Im Film »Inglourious Basterds« werden deutsche Nazis von Juden gejagt. Das gefällt den echten Neonazis gar nicht.

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Seit Ende des vergangenen Jahres bekannt wurde, dass im neuesten Tarantino-Film jüdische Amerikaner im Zweiten Weltkrieg in Europa auf Nazijagd gehen, empören sich deutsche Neonazis über die von ihnen befürchtete »Deutschenfeindlichkeit des Films«. »Psychopatisch und drogensüchtig« sei der Regisseur, klagen Neonazis und stellen sich besorgt die Frage, wie man als »volkstreuer Mensch« mit solchen Filmen bloß umgehen soll.
Bereits im Februar meldete sich die neonazistische »Gesellschaft für freie Publizistik« zu Wort. »Jeder Deutsche ist aufgefordert, diese primitive Hetze zu stoppen«, hieß es in einem reißerischen Boykottaufruf. Man drohte gar großspurig: »Wir werden nicht tatenlos zusehen, wenn angloamerikanische und/oder perverse Schauspieler, Filmproduzenten und Regisseure unser Volk (…) verhetzen und die Gehirne dieser Brot-und-Spiele-Gesellschaft weiterhin vernebeln!« Doch bereits wenige Tage später erkannten die Nazis auf ihrer Internetplattform »Altermedia« dann, dass sie zu bedeutungslos sind, um das »prozionistische Propagandafilmschaffen« zu stoppen.

Auf einer anderen rechtsextremen Internetplattform, »widerstand.info«, teilte man die Meinung über die Aussichtslosigkeit eines Boykottaufrufs und forderte stattdessen, beim Kinobesuch »die Stimmung und Meinung zum Film« aufzufangen, »um dann dort kulturpolitisch aktiv zu werden«. Ganz sicher sind sich die Kameraden, dass die junge Generation keine Lust mehr auf eine »einseitige Geschichtsschreibung« habe. Die Identifikation mit den Filmnazis und deren Verteidigung ist bei den echten Nazis offenbar eine Frage der Ehre. Insbesondere die im Film gezeigte Gewalt gegen die Wehrmacht sei »pervers«. Zwar gebe es »auch in nationalen Kreisen sicherlich nicht wenige Menschen«, »die es sehr wohl genießen, sich Filme anzusehen, welche sich inhaltlich nur aufs Töten oder besser gesagt, Abschlachten von Menschen beschränken«. Doch bei Tarantino gehe es »nicht um fiktive Geschichten«, sondern um die »perverse Geschichtsauffassung, wonach alle deutschen Soldaten es wert wären, ›abgeschlachtet‹ zu werden«. Das mache »aus diesem Film schon eine Art Politikum«.
Anfang August spekulierte man auf widerstand.info noch über eine Verschwörung der Freiwilligen Selbstkontrolle gegen das »deutsche Volk«, weil der Verein die Altersfreigabe auf 16 statt wie in Großbritannien auf 18 Jahre festsetzte. Dies zeige, dass er offenkundig den »politischen Zweck« verfolge, »antideutsche Propaganda« zu verbreiten. Die rechtskonservative Junge Freiheit versuchte, das ganze Genre des Anti-Nazifilms in einen weiteren politischen Kontext zu fassen. Ein Autor halluzinierte sich einen »zweifellosen weiteren Zusammenhang« zwischen der Darstellung von »Nazis aus Hollywood« und Demonstrationen gegen den alljährlichen Naziaufmarsch in Dresden mit der »Bomber-Harris, do-it-again-Fraktion« herbei. Wenn es um die »Ehre« des »tapferen Soldaten« geht, sind sich die Rechten einig. Spielt die Wehrmacht im Film die Rolle des Bösen, kann das nur »Deutschenhass« und »alliierte Lügenpropaganda« sein.

Auf »Altermedia« können die Nazis der »mordlüsternen Terrortour« Tarantinos auch etwas Positives abgewinnen. Dort findet man es »erheiternd«, dass es »mit dem tatsächlichen bewaffneten jüdischen Widerstand während des Krieges bekanntlich, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht allzu weit her war«. Dass der Altermedia-Autor dann doch mit Vergnügen klarstellt, wer hier in Wahrheit die Täter waren, hält ihn jedoch nicht davon ab, aus dem fiktiven Widerstand auf der Kinoleinwand irgendwie eine Rechtfertigung für den Holocaust abzuleiten: Der Film erzeuge nämlich eine »kausale Ereigniskette, der eine gewisse natürliche, im gewissen Sinne durch Notwehr begründete Folgerichtigkeit« für »Lager wie Auschwitz« »nicht abgesprochen werden« könne, so die irre Logik des Altermedia-Autoren. Denn »Kreaturen«, wie sie im Film von »Brad Pitt und Til Schweiger verkörpert werden«, müssten auf »Nimmerwiedersehen« weggesperrt werden, ebenso wie ihr »Schöpfer«. Der Autor gibt also Entwarnung: Interessierte Volksgenossen dürfen sich die amerikanische »Kriegspropaganda« gern ansehen. Weil »man« sich angeblich nach der Show »einmal mehr« frage: »Was werfen ausgerechnet die Hitler eigentlich vor?«