Das »Inglourious-Basterds«-ABC

Die Rache an Guido Knopp

Das »Inglourious-Basterds«-ABC.
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Adolf Hitler
Selbst bei den kleinsten Nebenrollen macht Tarantino alles richtig. Martin Wuttke ist der beste Hitler aller Zeiten. Nicht nur eine Witzfigur wie Hel­ge Schneider oder gar »echt« wie Bruno Ganz, der einen Look-a-like-Wettbewerb auch dann gewonnen hätte, wenn der Führer selbst mitgemacht hätte. Nein, der Wuttke-Hitler ist ein cholerischer Knilch, ein Trottel mit Bart, schlechtem Filmgeschmack und wahrscheinlich üblem Mundgeruch, mehr nicht.

Baseballschläger
Mit dem amerikanischsten Sportgerät überhaupt lässt sich Nazis wunderbar der Schädel einschlagen. Leider missbrauchen Neo-Nazi-Hools heute den Holzprügel, der nie in ihre Hände hätte fallen dürfen, für ihre Zwecke. Tarantino zeigt, dass das nicht so sein muss und wie man es besser macht.

Christoph Waltz
Der Mann ist als SS-Standartenführer Landa wirk­lich so gut, wie alle sagen. Seine Figur, ein eis­kalter Edelnazi mit hoher Bildung, der in jeder Sprache perfekt parliert, führt in albtraumhafte Abgründe. Dafür gab es großen Applaus in Cannes und Vergleiche mit Robert Redford, und demnächst kommt vielleicht sogar der Oscar hinterher.

Dialoge
»Inglourious Basterds« ist wieder voll mit den berühmten Tarantino-Dialogen. Leider sind diese, wie bereits in den vorigen Filmen, eher die Schwach­stellen des Films. Sie führen dazu, dass »Inglourious Basterds« viel zu lang ist und zu bruchstückhaft wirkt. Bevor es mit der Handlung wieder weitergeht, muss man immer noch etwas raffiniert gedrechseltes Gerede überstehen, das ermüdet auf Dauer.

»Es war einmal … «
Damit beginnt »Inglourious Basterds«. Der Film erzählt leider nur ein Märchen. Dafür aber auch eines mit Happy End.

Frankreich
Der Film spielt fast durchweg in Frankreich, wo das Nazireich auch untergeht. Die Rote Armee kam wohl nie bis Berlin, weil man sie gar nicht mehr benötigt hat. Die Bombenteppiche auf Deutschland hätten sich die Alliierten dann auch sparen können. Die Gedächtniskirche in Berlin wäre dem­nach heute keine Touristenattraktion, und ganz Deutschland sähe heute aus wie Rothenburg ob der Tauber.

Goebbels
Was der Mann sonst noch für Aufgaben hatte, interessiert nicht. In »Inglourious Basterds« ist er allein der große Tycoon der Nazi-Filmindustrie, der oberste Studioboss, dessen Produktionen die Deutschen und ihren Führer bei Laune halten sol­len. In Tarantinos Film ist er vor allem verantwortlich für den fiktiven Propagandafilm »Stolz der Nation«, der im Beisein des Führers in Paris uraufgeführt wird. Handlung: Ein Nazi, Frederick Zoller, knallt, in einem Turm hockend, seine Gegner ab, mehr ist da nicht. Die Deutschen und ihr Führer toben vor Begeisterung.

Historizität
Interessiert Tarantino kein Stück. Darum wirkt »Inglourious Basterds« nach Guido Knopp, »Der Untergang« und »Operation Walküre«, wo historisch belegt nachgestellt wird, wann der Führer sei­nen Schäferhund streichelte oder seine Sekretärin lobte, auch so ungemein befreiend. Stimmen die Fakten? Wie war’s wirklich? Diese doofen Fragen muss man einem Film nicht stellen, der sich von dem lächerlichen Anspruch befreit hat, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu erzählen.

»Inglorious Bastards«
Der B-Movie aus dem Jahr 1977, das Vorbild für Tarantinos Film, erscheint dieser Tage auf DVD.

»Judenjäger«
Der Spitzname von Landa, der betont, sich seinen Titel redlich verdient zu haben.

Kino
Das Kino ist für Tarantino alles. Aus ihm speist sich seine postmoderne Kunst. Arthouse, Trash, Martial Arts aus Hongkong, jedes Genre ist für Tarantino bekanntlich gleichrangig. Auch in »Inglourious Basterds« spielt das Kino selbst letztlich die Hauptrolle. Es gibt viele Film-im-Film-Szenen, außerdem ist Frankreich Kulturnation, weil es das Kino zu schätzen weiß und jedes Kind die Namen berühmter Regisseure kennt, während die Deutschen die Kinokunst vernachlässigen, also echte Banausen sind. Im Kino und dank dem Kino geht das Nazireich letztlich sogar zugrunde, die Wirkmächtigkeit der dominierenden Kunstform des 20. Jahrhunderts ist also nicht zu überschätzen. In den Worten Tarantinos: »Ein paar hundert Kopien Nitrofilm fackeln das Dritte Reich ab.«

Leni Riefenstahl
Tarantino ist Cineast, und damit ist Leni Riefenstahl für ihn eine der größten Regisseurinnen aller Zeiten. Sie ist die Muse des Führers, ein Propagandaluder hinter der Kamera, Hitlers willige Vollstreckerin, aber diese Einstellungen! Diese ungeheure »Macht der Bilder« in ihren Filmen!

Musik
Kommt wie immer in Tarantino-Filmen gut. Erneut wird vor allem die berühmte Spaghetti-Western-Musik von Ennio Morricone ausgegraben, die jeden Film automatisch in ein Epos von ungeheurer Dimension verwandelt.

Nazis
Die Nazis sind bei Tarantino nicht wie sonst in Hollywood-Filmen die bösen, niederträchtigen an­deren, die ständig »Achtung!« brüllen, keine Manieren haben und abgeknallt werden, bevor man ihre blauen Augen gesehen hat. Sondern sie sind ekelhaft, genial, niederträchtig, borniert, charmant. Sie sind vielschichtig und echte Charaktere, manchmal gar heldenhaft, fast schon wagnerianische Typen. Tarantino mutet uns das zu, und das ist auch gut so.

Original
Man sollte »Inglourious Basterds« unbedingt im Original sehen, da in dem Film in sehr vielen verschiedenen Sprachen gesprochen wird, was in der grotesken Synchronfassung nur bedingt wiedergegeben wird.

Produktion
Der Film ist hauptsächlich in Babelsberg entstanden, weswegen Tarantino in der Produktionszeit auch so oft in Berliner Clubs gesichtet wurde. »Inglourious Basterds« ist auch ein deutscher Film, obwohl er so undeutsch ist. Bemerkenswert.

Rachephantasie
»Inglourious Basterds« ist eine Rachephantasie. Leider gab es die Basterds nie.

Skalps
Hunderte Naziskalps verlangt Oberbasterd Brat Pitt am Anfang des Films von seinen Kämpfern. Es wird den toten Nazis dann auch fleißig die Kopfhaut abgezogen, eine, wenn man so will, uramerikanische Technik, archaisch, aber konsequent. Die Basterds sind keine edlen Wilden – Win­netou hat nie jemanden skalpiert –, sondern brutale blutrünstige Schlächter. Aber genau solche Jungs brauchen wir nun mal gegen die Nazibrut.

Til Schweiger
Der unterschätzte Deutsche in Tarantinos Star-Ensemble. Schauspielerisch fällt er natürlich weit hinter das zurück, was Christoph Waltz oder August Diehl darbieten, aber der Pulp- und Tarantino-Faktor von Schweigers Spiel als Sergeant mit dem großartigen Namen Hugo Stiglitz ist immens hoch.

Ufa
Auch hier gilt, wie für Leni Riefenstahl, dass Quentin Tarantino sagt: Nicht jeder Ufa-Film im Dritten Reich ist automatisch schlecht oder gar so eklig wie »Jud Süß«. Tarantino schaut sich alles an und sein liebster Ufa-Film ist »Glückskinder« aus dem Jahr 1936.

Vernichtung
Die totale Vernichtung wird auch in »Inglourious Basterds« verlangt, vernichtet werden sollen aber die Nazis.

Widerstand
Mit etwas Glück wird »Inglourious Basterds« genau der Film, auf den die Antifa immer gewartet hat. Endlich kriegen die Nazis so richtig eins auf die Mütze. »Antifa heißt Angriff«: Die Basterds zei­gen, wie es wirklich geht.

Zwastika
Auch Swastika oder Hakenkreuz. Die kriegt ein Nazi in die Stirn geritzt, von dem ein Basterd keinen Skalp will, den man aber auch nicht so einfach wieder gehen lassen möchte. So eine Schnitzkunst in der Stirn verdeutlicht auch optisch ganz gut: Schuld verjährt nicht.