Zum 50. Geburtstag des Künstlers Neo Rauch

Viel Rauch um Neo

In Deutschland geschätzt, im Ausland geliebt: Neo Rauch ist die
Heidi Klum unter den Bildenden Künstlern. Eine kritische
Würdigung aus Anlass seines 50. Geburtstags.

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Neo Rauch mag den Begriff Neue Leipziger Schule nicht. Und doch haben Künstler wie er, Tim Eitel und Matthias Weischer etwas gemeinsam: Sie alle haben eine Renaissance der gegenständlichen Malerei eingeläutet, einer soliden, handwerklich geschulten Malerei. Rauch hat noch unter Bernhard Heisig studiert, dem gefragten Historienmaler der DDR. Dass die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig einen klar erkennbaren Stil hervorgebracht hat, liegt auf der Hand. Spuren des sozialistischen Realismus finden sich auch noch in den Arbeiten der jüngeren Generation, jedoch durchmischt mit Elementen, die das Ganze ins nebulös Unpolitische wenden, leicht surreal, melancholisch, bisweilen neoromantisch. Dass Neo Rauch den Begriff im Interview mit dem Spiegel als »blödsinnig« ablehnt, dürfte andere Gründe haben. Denn obwohl er zu den gefragtesten Künstlern unserer Zeit gehört, fühlt er sich Anfeindungen ausgesetzt – und zwar Anfeindungen, die nicht nur ihn, sondern den gesamten Komplex Neue Leipziger Schule betreffen. In leicht beleidigtem Ton gab er 2006 im Spiegel zu bedenken, dass seine Kunst in renommierten Ausstellungen wie der Documenta oder Manifesta nicht vorkomme: »Alles, was landläufig als kunstschön gilt, soll da vermieden werden.« Der offizielle Kunstdiskurs mache noch immer einen großen Bogen um Rauch und die Leipziger.
Tim Sommer, Chefredakteur des populis­tischen Kunstmagazins Art, wendet die Polarisierung ins Positive: »Das neue deutsche Kunstwunder hat die Kategorien verschoben. Statt Jacques Derrida oder Michel Foucault zu zitieren, fragen die Kritiker heute lieber nach der Preisentwicklung oder der Länge der Warteschlange, die ein Maler produziert.« Triumphierend konstatiert Sommer nichts anderes, als dass der Kapitalismus endlich auch in der Gegenwartskunst über den Intellektualismus gesiegt hat. Rauch und seine Fürsprecher eröffnen damit ein Gefecht, das latent verschwörungstheore­tische Züge hat: Gegenüber der alles bestimmenden, diskursiven, konzeptuellen Kunstauffassung fühlen sich die Leipziger ausgegrenzt. Doch diese Hegemonie ist erst einmal nichts weiter als eine Schimäre. Natürlich gibt es nach wie vor sehr viel neokonzeptionelle, kritische, diskursiv aufgeladene Kunst. Und natürlich ist es ein wenig bizarr, dass in Zeitschriften wie Texte zur Kunst oder Springerin immer dieselben Autoritäten zur Interpretation zeitgenössischer Kunst herangezogen werden, von Foucault bis Barthes, von Deleuze bis Debord. Abgesehen davon, dass man als Linker oder auch nur kritisch denkender Mensch jedoch froh sein kann über das Fortbestehen einer konzeptionellen Kunstauffassung, die nicht das Künstlersubjekt als quasi genialischen Schöpfer in den Mittelpunkt stellt, ist es absurd, solch kleinen Kreisen wie zum Beispiel dem Umfeld von Texte zur Kunst eine Hegemonialmacht zuzusprechen. Der Markt hört auf ganz andere Signale. Der wird bestimmt von konformistischen Selbstdarstellern, die Edelkitsch in Serie produzieren lassen, etwa Jeff Koons, Damien Hirst und Takashi Murakami, oder aber von neoromantischen Malern wie Peter Doig und Neo Rauch. Wer den Markt bestimmt, besitzt automatisch die Hegemonialmacht, ganz gleich, ob seine Werke auf der Documenta gezeigt werden oder nicht. Und der Markt ist zugleich auch ein Seismograf für gesellschaftliche Befindlichkeiten. Hier scheint Neo Rauch einen Nerv getroffen zu haben.
Obwohl es sich bei der puren Pop- und Trash-Oberfläche eines Jeff Koons und dem tief- und schwersinnigen Geraune eines Neo Rauch um zwei scheinbar völlig unterschiedliche Kunst­ansätze handelt, sind beide bei genauer Betrachtung gar nicht so weit voneinander entfernt. Letztlich bleibt auch in Rauchs Gemälden alles indifferente Oberfläche, so sehr die Bilder Tiefsinn vorgeben, einen Tiefsinn zudem, der im Ausland als besonders deutsch wahrgenommen und gefeiert wird. Rauch stört dieses Image nicht. »Ich lasse mich gerne als Deutscher wahrnehmen«, erklärte er dem Art-Magazin. »Man kann es ja gut aushalten unter den Deutschen. Es ist ja nicht so, dass wir hier unter die Barbaren geraten wären.« Der passionierte Leser von Botho Strauß und Ernst Jünger verwendet gerne auch mal Begriffe, wie man sie seit Anselm Kiefer nicht mehr von einem Künstler zu hören bekommen hat, etwa wenn er davon spricht, verschiedene künstlerische Einflüsse »in einer Ackerfurche meiner Kindheitslandschaft ineinanderfließen« zu lassen.
Wenn Personen auf seinen Bildern in Gedanken versunken durch ostdeutsche Landschaften tappen, dann hat dies stets etwas Morbides. Viel mehr wissen aber auch Kritiker meist nicht über seine Kunst zu berichten. Immer wieder zählen sie Einflüsse auf, die Rauch geprägt haben, von Balthus bis zu Caspar David Friedrich, von Tim-und-Struppi-Comics bis zu Max Ernst, vom Biedermeier bis zum DDR-Re­alismus, doch wenn es darum geht, den Sinngehalt dieser Arbeiten zu benennen, bleibt ­alles auf das subjektive Empfinden des Künstlers beschränkt. Rauch bezieht keinerlei Stellung zur deutschen Geschichte und einer mit ihr verbundenen Ästhetik. Auf diese Weise kann das Morbide seiner Arbeiten auch reaktionär gedeutet werden. Dass die Menschen wie fremdbestimmt durch seine Bilder wanken, entbindet sie von der Verantwortung, verleiht den Arbeiten etwas Fatalistisches. Das wird vor allem dort bedenklich, wo die Bilder Politisches andeuten, etwa in einem Gemälde von 2007 mit dem Titel »Vorort«. Fahnen werden verbrannt, eine Fliegerbombe liegt auf der Straße vor kleinbürgerlichen Häusern, Menschen stehen tatenlos herum. Hat die Gruppe gerade das Feuer entfacht, oder ist sie kurz davor, es zu löschen? Dies bleibt so unklar wie die Frage nach den Tätern und den Opfern. Klar ist nur, dass es sich um eine Szene handelt, die im Osten Deutschlands angesiedelt ist. Das Unbehagliche, das in vielen Rauch-Gemälden mitschwingt, kann sehr leicht auch als Verlust von »Identität« gedeutet und für die Selbststilisierung der Deutschen als Opfer instrumentalisiert werden.
Ob der Höhepunkt von Neo Rauchs Ruhm bereits überschritten ist oder die Leipziger Jubiläumsausstellung anlässlich seines 50. Geburtstages noch einmal für einen Aufschwung sorgen wird, lässt sich schwer prognostizieren. Fest steht allerdings, dass Neo Rauch als Prototyp eines Nachwendekünstlers maßgeblich an einer Entkontextualisierung und Entpolitisierung der Kunst mitgewirkt hat, indem er politische Versatzstücke nur noch als kunsthisto­rische Zitate und surreale Traumelemente einsetzt. Surrealismus wird hier zum Platzhalter für Verdrängung und künstlerischen Somnambulismus. Mit der Idee des historischen Sur­realismus, die Schichten des Unbewussten sichtbar zu machen, hat das wenig zu tun. Doch den historischen Surrealismus mag Neo Rauch so wenig wie den Begriff Neue Leipziger Schule. Die Surrealisten seien ihm viel zu »programmatisch« gewesen. Etwas, das man von der bloß noch auf subjektive Befindlichkeiten bezogenen Kunst des Leipziger Meisterschülers nicht behaupten kann.