Schwul, katholisch, links, Ministerpräsident Apuliens: Nichi Vendola

Der Messdiener aus dem Mezzogiorno

Die linken Parteien haben bei den Regionalwahlen in Italien eine Niederlage erlitten, doch Nichi Vendola war erfolgreich. Der schwule Katholik, der eine neue linke Lokalpolitik propagiert, bleibt Ministerpräsident Apuliens.

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In Bari wurde die ganze Nacht ausgelassen gefeiert. Es gab wenige Linke, die nach den Regionalwahlen Ende März Grund zur Freude hatten. Eine Ausnahme waren jedoch die Anhänger Nichi Vendolas. Mit 48 Prozent der Stimmen wurde der Kandidat des Linksbündnisses in Apulien als Ministerpräsident im Amt bestätigt. Der Journalist Cosimo Rossi, der im Frühjahr ein Interviewbuch mit dem neuen politischen Star der italienischen Linken veröffentlicht hat (»La fabbrica di Nichi«), fand für die Aura, die den wiedergewählten Vendola umgibt, ein treffendes Bild: Er werde von der Presse umlagert wie Barack Obama und von den Apuliern verehrt wie die geschmückte Madonna eines süditalienischen Prozessionszugs.
Vendolas Wahlkampfstrategie erinnerte tatsächlich an die Mobilisierungskampagne des US-Präsidentschaftskandidaten. Über seine persönliche Internetseite rief er zur Einrichtung von freiwilligen Wahlausschüssen auf, sogenannten Fabriken, die für seine Wiederwahl werben und gleichzeitig eigene politische Aktionen durchführen sollten. »Nichis Fabriken« sind lokal verankert und global vernetzt, die Erfüllung des »glokalen« Traums. Vendola ist jedoch kein Imitator Obamas. Er verkörpert stattdessen ein Kapitel der Geschichte der italienischen Linken und bezieht sich bewusst auf die Besonderheiten des Mezzogiorno, des italienischen Südens. Dieser biographische Akzent ist für das Verständnis seiner Politik von entscheidender Bedeutung.
Nichi Vendola wird 1958 geboren, er wächst in der apulischen Kleinstadt Terlizzi auf. »Bei uns zu Hause hingen zwei Porträts nebeneinander: Yuri Gagarin und Papst Johannes XXIII. Meine Eltern hatten die Idee, den Namen des Stadtheiligen von Bari, Nicola, in den des damaligen Generalsekretärs der UdSSR, Nikita Chruschtschow, umzuwandeln. Doch schon im Kindergarten wurde ich dann einfach Nichi gerufen.« Die Anekdote zu seinem Namen ist Programm, er wird begeisterter Messdiener und Mitglied der kommunistischen Jugendorganisation.
»In den siebziger Jahren, in denen ich mich verstärkt der Politik zuwandte, wurde auch innerhalb des Katholizismus Widerspruch laut«, erzählt Vendola. Die antiautoritären, kritischen Absichten der Protestbewegung verbinden sich für ihn mit der kirchenkritischen Politik der katholischen Basisorganisationen, die nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil entstanden sind. Während der achtziger Jahre, in denen der Partito Comunista Italiano (PCI) in sozialdemokratische Lethargie verfällt, organisiert sich im Süden Italiens politischer Widerstand vornehmlich um charismatische Priester und Bischöfe, die sich auf den Konzilspapst Johannes XXIII. berufen. In diese Zeit fällt auch Vendolas Bekenntnis zu seiner Homosexualität, er wird zum Gründungsmitglied der ersten italienischen Schwulenbewegung Arcigay.

Erst 1990, als er in das Zentralkomitee des PCI gewählt wird, tritt die Parteiarbeit wieder in den Vordergrund. Allerdings erlebt er auch den PCI als Kirche: »Das ZK war keine Nomenklatur, sondern ein Konklave.« Als der PCI 1991 seine Selbstauflösung beschließt, beteiligt sich Vendola aktiv an der »Neugründung« einer kleinen kommunistischen Partei. Bis heute verteidigt er den Partito di Rifondazione Comunista als notwendigen Widerstand gegen die Anpassung der historischen Linken an den vom wirtschaftsliberalen Einheitsgedanken bestimmten Zeitgeist.
Während des G8-Gipfels 2001 in Genua gehört Vendola zu jener Parteifraktion, die eine Zusammenarbeit mit der globalisierungskritischen Bewegung unterstützt, er hält die traditionelle Parteistruktur mittlerweile für unzeitgemäß. Doch erst im Frühjahr 2009 verlässt er Rifondazione und gründet zusammen mit seinen Anhängern und verschiedenen anderen sozialistischen Splittergruppen die linke Sammelbewegung Sinistra Ecologia e Libertà (SEL).
Damals hatte Vendola in Apulien längst sein eigenes parteiübergreifendes »Laboratorium« eröffnet. 2005 war der kommunistische schwule Katholik in seiner traditionell rechtskonservativen Herkunftsregion überraschend ins Amt des Regionalpräsidenten gewählt worden. Die vermeintlich diffamierende Etikettierung wurde zu seinem Erfolgsgeheimnis. Seit seiner Wiederwahl Ende März gilt die apulische »Anomalie« sogar als Vorbild für die gesamte italienische Linke.
Worin diese »Anomalie« besteht, erklärte Fausto Bertinotti, Vendolas politischer Mentor, in einem Zeitungsinterview unmittelbar nach den Wahlen: »Nichi hat nicht etwa gewonnen, weil er links vom Mitte-Links-Bündnis steht, sondern weil er für eine andere Idee, für eine andere politische Praxis steht.«
Vor den Wahlen hatte Vendola als einer der wenigen davor gewarnt, darauf zu vertrauen, dass der Imageverlust von Silvio Berlusconi und die offenen Konflikte innerhalb der rechten Regierungskoalition automatisch zu einem Stimmungsumschwung zugunsten des Linksbündnisses führen würden. Wenn die Linke keine Alternative anzubieten habe, würde sich das gesellschaftliche Gleichgewicht weiter nach rechts verschieben. Diese Einschätzung wurde durch den Stimmenzuwachs für die offen rassistisch auftretende Lega Nord in den nord- und mittelitalienischen Regionen bestätigt.

Vendola will die Rechten mit ihren eigenen Waffen schlagen, Populismus und Territorialismus neu und positiv definieren. Die aggressive Kirchturmpolitik der Lega Nord betrachtet er als eine Reaktion auf den Globalisierungsprozess. Sie propagiere die Abschottung des Territoriums, die Zurückweisung alles Fremden und die egoistische Verteidigung der eigenen Interessen. Dagegen müsse man einen Territorialismus stärken, der aus der lokalen Besonderheit die Kraft schöpfe, sich gesellschaftlichen Veränderungen zu öffnen. Anders als die Lega im Norden mit ihrem gewalttätigen Provinzialismus suche seine Koalition einen weltoffenen, solidarischen Dialog mit den verschiedenen Kulturen. In der Vorstellung vom Hafen von Brindisi als Tor zum Balkan und zum Nahen Osten klingen euromediterrane Ideen an, die die süditalienische Peripherie ins Zentrum Europas rücken.
Mit dieser Mittelmeer-Politik scheint jedoch weniger eine geostrategische Machtphantasie verbunden zu sein als vielmehr die Idee eines anderen Mezzogiorno: »Ein Süden, der nicht Gomorrah sein will«, der sich also aus dem Würgegriff der süditalienischen Mafiaorganisationen befreien will, wird von Vendola propagiert. Auf den Separatismus der Lega Nord antwortet sein Programm mit der Abgrenzung zum norditalienischen Entwicklungsmodell. Während die Lega im Norden die Krise des italienischen Industriekapitalismus durch staatliche Protektionspolitik abzuwehren sucht, bezeichnet Vendola die Politik seiner Regionalregierung in den vergangenen fünf Jahren als »radikalen Reformismus«, der auf Innovation und Nachhaltigkeit ziele.
Liberalen Kritikern ist der Personenkult um »Nichi« suspekt, sie werfen Vendola vor, er betreibe dieselbe populistische und plebiszitäre Politik wie Berlusconi. Der Vorwurf prallt an Vendola ab, schließlich sucht er ganz bewusst nach einer positiven Bezugnahme auf den »popolo«. Die Rechte definiere das Volk über die nationale, christliche Identität, die Linke müsse mit der Konstruktion politischer und ziviler Gemeinschaften dagegenhalten.

Der Wahlerfolg scheint ihm Recht zu geben: »Hier in Apulien haben wir gesät. Und jetzt fahren wir die Ernte ein!« Vendola gefällt sich in der Rolle des Häretikers zweier Kirchen, meint aber, dass nur die rote Kirche eine »epochale Niederlage« erfahren habe, während »der Katholizismus einen unverbrüchlichen Teil des Mezzogiorno« ausmache. Er beschreibt seine kommunitaristischen Projekte als Wiederbelebung der ehemaligen kommunistischen Ortsgruppenpolitik, greift dabei aber auf biblische Metaphern zurück und beschwört somit eher das Bild frühchristlicher Gemeinden.
Vendolas Diskreditierung der Parteien als »oligarchische Netzwerke«, die es zugunsten sozialer Bewegungen zu überwinden gelte, klingt nicht nur wegen der italienischen Vergangenheit befremdlich. Die populistische Rechte hat in den vergangenen Monaten nur zu deutlich ihre antidemokratischen, autoritären und faschistoiden Züge offenbart. Aber auch Vendolas Kritik an der Parteiendemokratie und seine, wenngleich von den eigenen linksliberalen Bündnispartnern aus der Demokratischen Partei nicht mitgetragene, Forderung nach einer partizipatorischen Demokratie bleiben ambivalent. Der angestrebte unmittelbare Austausch von Basisgruppen erinnert häufig eher an Familienstrukturen und die ohnehin in weiten Teilen Süditaliens bis heute vorherrschenden mafiös-klientelistischen Abhängigkeitsverhältnisse als an eine emanzipatorische Politik.