Wenn das Orakel spricht

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Wirtschaftsliberale Prediger gibt es auch anderswo. Doch erwartet man von ihnen, dass sie sich auf dem Markt behaupten, und niemand käme auf die Idee, sie als »Weise« zu bezeichnen. In Deutschland ist das anders, der Bundespräsident beruft auf Vorschlag der Regierung die fünf Mitglieder des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, die mit ihrer Ernennung automatisch zu Wirtschaftsweisen erhoben werden. Selbstverständlich geht es dabei sozialpartnerschaftlich zu, es ist immer ein Weiser dabei, der den Gewerkschaften nahesteht. Derzeit ist das Peter Bofinger, der Ende März warnte, die Abgabe für einen Rettungsfonds dürfe die Banken keinesfalls mehr als 0,1 Prozent der Bilanzsumme kosten.
Daher ist der Rat der Weisen ein gutes Beispiel für die Funktionsweise des deutschen Kapitalismus. Jeder darf konstruktive Vorschläge im Interesse des Gemeinwohls machen, damit am Ende die Reallöhne gesenkt und die Erwerbslosen besser schikaniert werden können. Anders als im angelsächsischen Raubtierkapitalismus wird alles unter staatlicher Führung im öffentlich-rechtlichen Proporz ausgehandelt. Dann hat niemand mehr einen Grund zu protestieren, obwohl Deutschland das einzige Land der EU ist, in dem seit dem Jahr 2000 die Reallöhne sanken. Ähnlich dem Analysten, der den Analytiker ablöste und als moderner Astrologe die Börsennachrichten deutet, ist der Wirtschaftsweise der Nachfolger des Ökonomen. Er ist das Orakel, das angerufen wird und wie bei »Matrix«, wenn ihm sonst nichts mehr einfällt, einfach sagt: »Es ist deine Bestimmung.« Des Deutschen Bestimmmung ist es zu exportieren.
Das System funktioniert natürlich nur, weil es die Erkenntnis in Deutschland, wo Nationalismus, Autoritätshörigkeit und Standesdünkel ihr vorgezogen werden, weiterhin schwer hat. Eigentlich müsste ja in den vergangenen Wochen hierzulande jedem aufgefallen sein, dass die Deutschen die größten Trottel Europas sind. Den bürgerlichen Medien kann man keinen Vorwurf machen. Brav dokumentierten sie die Statistiken, und sie berichteten über die Kritik der französischen Finanzministerin Christine Lagarde an den deutschen Handelsüberschüssen, der sich nun auch ihr US-Kollege Timothy Geithner mit der Mahnung angeschlossen hat, die Deutschen sollten mehr für die Binnennachfrage tun. Die deutsche Außenhandelsbilanz verzeichnete im Krisenjahr 2009 einen Überschuss von 136,1 Milliarden Euro. Das entspricht 13 610 000 000 Flaschen guten französischen Weins oder 1 701 250 000 Kilogramm amerikanischer Hummerschwänze. Wenn man schon den Kapitalismus nicht abschaffen will, kann man doch wenigstens mehr Wein und mehr Hummerschwänze fordern, um den Franzosen, den Amerikanern, der Weltwirtschaft und sich selbst einen Gefallen zu tun.