Das große Trauern in Polen um Lech Kaczynski

Nicht nur Tränen

Pathos und Tränen beherrschten in der vergangenen Woche die öffentliche Debatte in Polen. Auch Fragen über die Zukunft der polnischen Politik und über die Entwicklung der polnisch-russischen Beziehungen wurden aufgeworfen.

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Die Zeit, die jetzt in Polen anbricht, wird zum Maßstab der Hoffnung. Seit dem Flugzeugabsturz von Smolensk, bei dem Staatspräsident Lech Kaczynski, seine Ehefrau und weitere 94 Personen starben, macht sich in der öffentlichen und poli­tischen Debatte der Wunsch bemerkbar, die Zwistigkeiten und heftigen Wortgefechte, die schon immer ein Teil der Alltags- und der politischen Kultur Polens waren, durch einen respektvolleren Umgang zu ersetzen. Diese Stimmung war in der vergangenen Woche auch in den Straßen von Warschau zu spüren, wo eine befremdliche Ruhe herrschte. Eine Verlangsamung machte sich im Alltag bemerkbar, in den Geschäften und Supermärkten herrschte gedämpfter Betrieb und man hatte sogar den Eindruck, die Autofahrer seien freundlicher zueinander.

Die meisten Polen sind dennoch zu realistisch, um an die langfristige therapeutische Wirkung der Trauer zu glauben. Das betrifft vor allem das politische Establishment. Tadeusz Mazowiecki, der erste postkommunistische Regierungschef, drückte in einem Interview mit dem Sender TVP1 seine Befürchtung aus, in der kommenden Woche werde langsam alles wieder zum Alten zurückkehren. Auch der ehemalige Präsident Alexander Kwasniewski bezeichnete sich als einen »gemäßigten Pessimisten« hinsichtlich der Bereitschaft seiner Landsleute, die in der politischen Öffentlichkeit herrschende Streitkultur zu überdenken.
Das zeigte auch die Auseinandersetzung um die letzte Ruhestätte des Präsidenten, die einige Tage vor der Trauerfeier stattfand. Rund 2 000 Menschen hatten gegen die Entscheidung des Krakauer Kardinals Stanislaw Dziwisz protestiert, Lech Kaczynski im Krakauer Wawel-Schloss beizusetzen, wo bisher nur Könige, Heilige, Dichter und Nationalhelden begraben wurden.
Ein solches Nachdenken über die politische Kultur, in dem sich die Trauer mit der Frage nach der Zukunft verbindet, begegnet Polen nicht zum ersten Mal. Auch nach dem Tod eines anderen, viel prominenteren Polen, Karol Wojtyla, vor fünf Jahren verband man in der öffentlichen Debatte den »Verlust« mit der Erwartung einer Veränderung in der politischen Kultur des Landes. Der Tod des ehemaligen Papstes wurde auch als nationaler Schock erlebt, der die politische Klasse für eine kurze Zeit der kollektiven Trauer als vereinte Gemeinschaft erscheinen ließ. Auch damals hegten viele die Hoffnung, dies sei ein Zeichen für die Überwindung von alten inner- und zwischenparteilichen Auseinandersetzungen.
In den folgenden Jahren war in Polen allerdings genau das Gegenteil zu beobachten. Die nationalkonservative Partei von Jaroslaw und Lech Kaczynski, Recht und Gerechtigkeit (PiS), regierte nach der gewonnenen Wahl im September 2005 mit einem angriffslustigen, populistischen Politikstil. Die beiden Zwillinge an der Spitze des polnischen Staates verkündeten eine »moralische Wende«, eine Rückbesinnung auf die nationalen Traditionen. In keiner anderen Regierungsperiode wurde so viel mit der Opposition gestritten, so viel nach »Verrätern« und Geheimagenten unter den politischen Führern des Landes gesucht. Sogar dem früheren Präsidenten Lech Walesa warf Lech Kaczynski vor, in der sozialistischen Zeit als Agent für den polnischen kommunistischen Sicherheitsdienst tätig gewesen zu sein.

Die Suche nach Tätern war neben einer den polnischen Opfern zugewandten Geschichtspolitik ein zentraler Bestandteil des Programms der PiS.
Nun fragt man sich in Polen, ob es nach dem Absturz des Präsidentenflugzeugs und der Trauerphase gelingen wird, jenseits der Täter-und-Opfer-ideologie zu denken. Es ist derzeit zu befürchten, dass die Katastrophe zu einem weiteren Opfermythos wird, dessen angemessene Verarbeitung nur im Bereich des symbolischen, wenn auch authentischen Opfergedenkens bleibt. Die Skepsis hinsichtlich einer Veränderung in der Gesellschaft, die eine sachlichere politische Debatte ermöglichen würde, erscheint insofern als legitim. Der Absturz des Präsidentenflugzeugs trifft die polnische Bevölkerung an einem wunden Punkt: Großes Mitgefühl und ein Bedürfnis nach Zusammenhalt begünstigen die Bildung von Mythen. Es wird sich zeigen, ob der kollektiven Trauer diesmal auch eine konstruktive Auseinandersetzung mit der Katastrophe folgt.

Das Flugzeugunglück in der Nähe von Katyn war eine unfassbare Tragödie. Ein Staatspräsident, seine Ehefrau und 96 weitere Mitglieder verschiedener politischer Gruppierungen kamen ums Leben. Es starb nicht nur ein Teil der politischen Führungsschicht Polens, darunter Politiker, Militärführer, wichtige Vertreter der Wirtschaft und der Kirche. Auch trauern 94 Familien um ihre Verwandten. Die politische Tragödie trifft unmittelbar auf das persönliche menschliche Leid. Das ist genau der Punkt, der die Identifikation vieler Polen mit den aus den Medien bekannten Persönlichkeiten auslöst. Im Radio, in Zeitungen, im Fernsehen fließen ganz ungehemmt die Tränen.
In dieser für Polen traumatischen Situation zeigte sich die russischen Regierung von Anfang an engagiert. Einige Stunden nach dem Unfall trafen der russische Präsident Dimitri Medwedjew und der Premierminister Putin in Smolensk ein. Es wurde sofort eine telefonische Hotline auf Russisch und auf Polnisch eingerichtet, bei welcher die Angehörige der Opfer sich informieren konnten. Auch eine visumfreie Einreise nach Russland wurde den polnischen Familienmitgliedern garantiert.
Russland scheint in öffentlich-politischer Hinsicht einen alten Panzer abzulegen. Angesichts des »Zweiten Katyn«, wie die Flugzeugkatastrophe in Polen aufgrund der Symbolik des Unglücks­ortes mystifiziert wird, ist dies nachvollziehbar und in Polen willkommen.
Zugleich wurde klar, wie unterschiedlich der Umgang mit der Symbolik der Geschichte in Russland und in Polen ist. Als am Sonntag im öffent­lichen russischen Fernsehen der Film »Katyn« von Andrzej Wajda gezeigt wurde, erschien das aus polnischer Perspektive wie ein Tabubruch. »Die Katyn-Lüge ist zu Ende«, hieß es in der Tageszeitung Gazeta Wyborcza am Dienstag. In Polen entsteht derzeit dagegen der Eindruck, dass das »Zweite Katyn« keine Erneuerung bedeuten wird, zumindest, was die Gedenkkultur angeht.
Es ist geradezu beunruhigend, dass schon jetzt eine Apotheose von Lech Kaczynski stattfindet und dass die Flugzeugkatastrophe zu einem weiteren Mythos der nationalen Geschichtsschreibung zu werden droht. In den kommenden Wochen wird man sich in Polen mit der Frage beschäftigen, wie das Gedenken an die Opfer mit der Herausforderung der nun anstehenden Präsidentschaftswahlen und der Neuorientierung im politischen Leben verbunden werden kann.