Eine italienische NGO im Visier der afghanischen Regierung

»Weder Obama noch Ussama«

Die italienische NGO Emergency hat immer wieder Probleme mit der afghanischen Regierung. Die Verhaftung von drei Mitarbeitern der NGO wegen angeblichen Waffenbesitzes löste in Italien Protest aus. Nach langem Schweigen wurde die Friedensbewegung wieder aktiv. Am Sonntag wurden die Verhafteten freigelassen.
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Eine Woche lang hatten sich die Gemüter in wechselseitigen Schuldzuweisungen erhitzt. Dann kam überraschend die Nachricht: Sie sind frei! Gino Strada ließ in seinem Dank an den italienischen Außenminister Sarkasmus anklingen: »Ich werde Frattini ein Emergency-T-Shirt schicken.« Für den Gründer der Hilfsorganisation Emergency ist der Vorfall, trotz des »glücklichen Endes« für seine drei Mitarbeiter, noch längst nicht abgeschlossen.
Matteo Dall’Aira, Marco Garatti und Matteo Pagani waren Anfang April in einer von der Ärzteorganisation eingerichteten Klinik in Laskar Gah in der südafghanischen Provinz Helmand zusammen mit sechs einheimischen Kollegen vom afghanischen Geheimdienst verhaftet worden. Bei einer Durchsuchung des Krankenhauses waren in einem Lagerraum zwei Pappkartons mit Sprengstoffgürteln, Handgranaten und Schusswaffen gefunden worden. Den Emergency-Mitarbeitern wurde vorgeworfen, mit finanzieller Unterstützung der Taliban Selbstmordattentate geplant und einen Mordanschlag auf den Provinzgouverneur vorbereitet zu haben. Eine formale Anklage wurde jedoch nie erhoben. Das britische Isaf-Kommando, das für die südafghanische Provinz zuständig ist, dementierte jede Beteiligung an der Verhaftung, obwohl auf einem Video von der Aktion auch britische Soldaten zu erkennen waren.

Der italienische Außenminister schien den Vorwurf der Verschwörung ernst zu nehmen und beeilte sich klarzustellen, dass Emergency nicht zu den Hilfsorganisationen gehöre, die in Afghanistan im Namen Italiens Aufbauhilfe leisteten.
Diese offensichtliche Distanzierung rief die Friedensbewegung auf den Plan. Unter dem Motto »Ich stehe auf der Seite von Emergency« unterschrieben binnen weniger Tage mehr als 300 000 Menschen eine Online-Petition für die sofortige Freilassung der Gefangenen. In Rom kamen mehrere tausend Menschen zu einer Solidaritätskundgebung zusammen. Die Pazifisten forderten dabei nur am Rande den sofortigen Truppenabzug aus Afghanistan, vielmehr beschuldigten sie ihre Regierung der dienstbaren Unterwürfigkeit gegenüber der Isaf.
Als die Gefangenen am Sonntag nach acht Tagen Haft entlassen wurden, hieß es in einer Verlautbarung der afghanischen Sicherheitskräfte lapidar, sie seien »unschuldig«. Die Hintergründe, die erst zur Verhaftung und nun zur überraschend schnellen Freilassung geführt haben, bleiben weiterhin unklar.
Emergency behauptet, es handele sich um ein »Komplott«: Entweder das Sicherheitspersonal der Klinik sei korrumpiert worden oder die Militärs hätten die Waffen selbst im Lagerraum platziert. »Jemand hat versucht, Emergency in Misskredit zu bringen, dieser Versuch ist gescheitert.« Trotzdem müsse man die »Provokation« ernstnehmen, offensichtlich werde Emergency nicht von allen geliebt. Die internationale Allianz störe sich daran, dass sich die NGO von keiner Seite vereinnahmen lasse, weder »von Obama noch von Ussama«. Man werde weiterhin auch verwundete Taliban versorgen und die Leiden der zivilen Opfer des Anti-Terror-Kriegs dokumentieren. In Laskar Gah seien 34 Prozent der Patienten Kinder unter 14 Jahren.
Das Verhältnis zwischen der afghanischen Regierung und Emergency ist schon länger gestört. Bereits im Frühjahr 2007 war ein afghanischer Mitarbeiter der Klinik in Laskar Gah unter Terrorverdacht geraten und wochenlang festgehalten worden, nachdem er als Vermittler aufgetreten war und die Freilassung eines von Taliban entführten italienischen Journalisten erwirkt hatte. Anlässlich der im Februar eingeleiteten Offensive der Nato gegen Stützpunkte der Taliban in Helmand war es erneut zu Spannungen gekommen. Emergency warf den Isaf-Truppen vor, der Zivilbevölkerung den Zugang zu medizinischer Versorgung zu verwehren. Den Taliban bescheinigte Strada damals, dass sie die afghanische Bevölkerung besser repräsentieren würden als ein ihnen aufgezwungener Präsident. Nun vermutet Emergency, dass die afghanische Regierung mit ihren Verbündeten im Hinblick auf die geplante Ausweitung der Nato-Angriffe auf die Nachbarprovinz Kandahar einen Vorwand gesucht habe, um die NGO aus der Grenzstadt Laskar Gah zu vertreiben und somit einen ungewollten »Zeugen der Anklage« auszuschalten. Ob dies wirklich das Ziel der Aktion war, bleibt unklar. Afghanische Militärs haben die Klinik besetzt, sie bleibt vorerst geschlossen.