Die ersten Olympischen Jugendspiele in Singapur

Bedeutungsschweres Medaillensammeln

Auch bei den ersten Olympischen Spielen für Jugendliche geht es nur um eines: Gewinnen.

Anzeige

Die Sehnsucht muss riesengroß sein. Und genau deshalb soll alles ein wenig so anmuten, wie man sich die Olympischen Spiele im antiken Original vorstellt. Rein und unschuldig, weil ohne Doping, dem humanen Leistungsethos verpflichtet, ohne Medaillenspiegel, nationales Pathos, Kommerzialisierung, Gigantismus, Professionalisierung. Dafür aber mit hoher Kultur und Bildung im Beiprogramm geschmückt. Herhalten für so viele Projektionen müssen die Olympischen Jugendspiele, die vom 14. bis zum 26. August im Stadtstaat Singapur erstmalig ausgetragen werden und vom Internationalen Olympischen Komitee (IOC) ins Leben gerufen wurden.
Sie sind als eine Art Korrektiv zu den angeblich ethisch korrumpierten Olympischen Spielen der »Großen« entworfen worden – und müssen sich doch schon vor ihrer Taufe den Vorwurf gefallen lassen, nur eine schlechte Kopie ihres in die Jahre gekommenen Vorbilds zu sein. Eine Leistungsshow also, von 14- bis 18jährigen Sportlerinnen und Sportlern aus allen 205 Mitgliedsnationen des IOC dargeboten, die in Singapur in 26 Sportarten ihre Kräfte messen werden. Insgesamt 3 600 Nachwuchsathleten reisen in diesem Monat nach Singapur, darunter 70 aus Deutschland.
IOC-Präsident Jacques Rogge, mittlerweile auch schon 68 Jahre alt, hält das alles für eine grandiose Idee. Kein Wunder, denn es ist seine eigene.
Mit den Olympischen Jugendspielen möchte sich der Belgier in der Olympischen Geschichte unsterblich machen, sich ein Denkmal setzen. Sie sollen sein Vermächtnis sein. Rogges Amtszeit endet 2013, dann muss der Arzt als Sportfunktionär abtreten. Schon 1991 hatte er als Vorsitzender des Europäischen Nationalen Olympischen Komitees europäische Jugendspiele eingeführt. Seitdem ist er von der Idee eingenommen, so etwas als Weltereignis zu organisieren. Dennoch dauerte es weitere 16 Jahre, bis die Olympischen Jugendspiele vom Internationalen Olympischen Komitee auf einer Session Anfang August 2007 in Guatemala abgesegnet wurden. Gegen zahlreich Widerstände: »Frühgeburt« nannte der Präsident des Weltfußballverbandes, Joseph Blatter, die Nachwuchs-Leistungsshow. Es hagelte Kritik von allen Seiten, vor allem aus Deutschland. Durch die Olympischen Jugendspiele würden junge Menschen noch härter trainieren und vielleicht, weil sie Jugend-Olympiasieger werden möchten, sogar noch früher anfangen zu dopen. »Damit fördern wir ein verfrühtes Hochleistungstraining in ganz jungen Jahren mit all seinen Belastungen«, kommentierte der Präsident des Deutsche Turner-Bundes, Rainer Brechtken. Der Sportsoziologe und Leichtathletik-Funktionär Helmut Digel forderte sogar den kompletten Verzicht auf diese Miniaturausgabe der Olympischen Spiele. Während der Deutsche Turner-Bund seine Kritik abmilderte, hielt Digel an seinem Widerstand fest. Vor allem dem mit großem Tamtam angekündigten kulturellen Beiprogramm der Spiele wollte er so nicht auf den Leim gehen.
Dabei hatte Rogge sich seine Spiele zunächst auch etwas anders vorgestellt. Um die Nachwuchsspiele überhaupt im IOC salonfähig zu machen, musste er von einigen seiner hehren Ideen kräftig abrücken. Zunächst wollte der Präsident auf jegliche nationale Symbolik verzichten, also keine Hymne, keine Fahne. Dieses Anliegen scheiterte allerdings schnell an den mächtigen internationalen Verbandspräsidenten. »Ohne nationale Symbole werden wir das Interesse der Medien verlieren, das der Regierungen und schließlich das der jungen Athleten«, ließ sich das IOC-Mitglied aus Israel, Alex Gilady, als Sprecher der Verbände zitieren. Schließlich wurde der eindeutig patriotischen Variante der Vorzug gegeben.
Als Ausgleich drückte Rogge der sportlichen Weltelite in Singapur ein Beiprogramm auf. Das basiert auf der Olympischen Charta (»Fair Play«), wirkt ambitioniert und gut gemeint, kommt aber letztlich doch ziemlich streberhaft daher. Workshops, Vorträge und Ausflüge sollen in Singapur abseits der Spiele, die sich das IOC rund 30 Millionen US-Dollar kosten lassen wird, zur Bildung der Weltjugend beitragen. Zu den wichtigsten Sinnlieferanten sollen dabei gehören: »Skills-Development« (Karriereplanung), »Well-being and healthy lifestyle« (Gesundheitsmanagement im Spitzensport) »Expression« (Kultur, Kommunikation und digitale Medien). Das ganze ist als »Culture and Education Programme« (CEP) übertitelt.
Man fragt sich, welche jungen Menschen von heute im Alter von 14 bis 18 Jahren so etwas zwei Wochen lang über sich ergehen lassen wollen. Vielleicht als Olympiasieger – aber wer bei den Wettkämpfen in Singapur eine Goldmedaille gewinnt, darf sich nicht einmal so nennen. Wer ganz oben auf dem Treppchen steht, ist ein »Sieger«, mehr nicht. Die durchweg betagten Sportfunktionäre jedenfalls glauben an ihre sportliche Erziehungsveranstaltung, die auch auf einen offiziellen Medaillenspiegel verzichten will. »In zwei Wochen kann man einiges bewegen und zum Nachdenken anregen«, erklärt der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Thomas Bach. »Erziehung findet nicht bei großen Events statt«, entgegnet Digel und fordert junge Sportler in die Planung der Spiele einzu­beziehen – wenn sie schon nicht mehr abgesagt werden können.
Es geht also in letzter Instanz wohl doch wieder nur um das Gewinnen, das Bessersein in diesem Schnupperkurs für die echten Olympischen Spiele. Immerhin haben sich die Organisatoren bei diesem Experiment im Sportprogramm manches einfallen lassen, was Hoffnung weckt. In Singapur gehen in einigen Sportarten multinationale Teams an den Start, manchmal ganze Kontinentalteams. Das Radfahren wurde aus dem Programm genommen und durch einen jugendgerechteren BMX-Wettbewerb ersetzt.
Die Durchgangsstation zu den nächsten Olympischen Spielen in London 2012 soll fortan regelmäßig, im Zweijahresrhythmus, ausgetragen werden. Im Winter 2012 wird Innsbruck die Olympischen Winterspiele der Jugend veranstalten und im Sommer 2014 soll die chinesische Stadt Nanking Singapur beerben. Nicht von ungefähr haben die asiatischen Städte zunächst einmal die Nase vorn, wenn die sportliche Jugend der Welt gerufen wird. Schließlich sucht das IOC schon lange nach Absatzmärkten auf dem Zukunftskontinent Asien. Oder wie es Klaus Schormann, Präsident des Internationalen Verbandes für Modernen Fünfkampf und Cheforganisator der Jugendspiele treffend formuliert: »Das ist eine Investition in die Zukunft«.