Peter Offenborn im Gespräch über das Sozialistische Osteuropa-Komitee in Hamburg

»Das Ergebnis war mir letztlich egal«

Der Historiker Peter Offenborn war in den siebziger und achtziger Jahren Mitglied des Sozialistischen Osteuropa-Ko­mitees (SOK) in Hamburg. Später arbeitete er als Buchhändler. Er gab das Buch »Jü­dische Jugend in Hamburg 1933 – 1941« heraus. Der 67jährige Rentner forscht heute über faschistische Kontinuitäten in Hamburg.
Von
Anzeige

Was war das Sozialistische Osteuropa-Komitee?
Das war eine Gruppe von undogmatischen Linken, die sich zusammensetzte aus Leuten, die 1968 die CSSR verlassen hatten, aus DDR-Emigranten und westdeutschen Undogmatischen, darunter gab es auch Trotzkisten, die schon eher dogmatisch waren, außerdem Leute vom Sozialistischen Büro und ein paar Jusos. Das Komitee ist 1970/71 entstanden, um Öffentlichkeit für die linken Diskussionsprozesse herzustellen, die in Osteruropa stattfanden. Die Entstehung ging vor allem auf die Ereignisse 1968 in Prag zurück, die Initiatoren der Gruppe waren Tschechen, die in Prag dabei gewesen sind.
Und was haben Sie konkret gemacht?
Wie damals üblich: Flugblätter, Broschüren, die unregelmäßig herauskamen und aus denen sich später eine richtige Zeitschrift entwickelte. Außerdem haben wir Veranstaltungen organisiert in Hamburg, Berlin und dort, wo es weitere Gruppen des Komitees gab, in Dortmund, Marburg, Frankfurt und München. Ein Höhepunkt war, als nach der Ausweisung Wolf Biermanns aus der DDR viele Leute zu uns gekommen sind und wissen wollten, was sie tun könnten.
Wie stand das Komitee zu den Streiks in Polen 1980 und zur Solidarnosc?
Das war für uns keine Überraschung, weil wir die Entwicklung in Polen verfolgt hatten. Zuvor gab es ja das KOR, das Komitee zur Verteidigung der Arbeiter, und wir hatten viele Informationen über Streikaktionen und Proteste an den Universitäten. Die Werftbesetzung in Danzig haben wir begrüßt. Wenn der unmittelbare Produzent seine Angelegenheiten in die Hand nimmt, ist das immer gut, unabhängig davon, was politisch daraus geworden ist. Zumal es nicht ausschließlich ein Streik für die Verbesserung der eigenen Lebensbedingungen war. Es ging insgesamt um eine Veränderung der Gesellschaft. Aber uns war schon klar, dass es keine linke Bewegung werden würde, im Sinne einer Arbeiterautonomie.
Sie haben in einem Artikel geschrieben, »dass es nicht möglich war, unsere Begriffe ›links‹ und ›rechts‹ auf Personen und Gruppen zu übertragen, die wir in Osteuropa kennengelernt hatten«. Traf das auch auf die Solidarnosc zu?
Ja, denn das war die Verbindung einer Gewerkschaftsbewegung mit der Kirche …
Gab es deshalb Bedenken in Ihrer Gruppe?
Teils, teils. Ich hatte keine Bedenken, denn die Kirche ist Bestandteil der polnischen Gesellschaft. Ob sie reaktionär war, was zu vermuten ist, müsste man im Einzelnen untersuchen. Auf jeden Fall hat sie stabilisierend gewirkt. Ich weiß nicht, was ohne die Kirche aus dem Streik in der Lenin-Werft geworden wäre. Da waren viele Ra­dikale dabei, so was kann sich zuspitzen. Wenn ich auf alten Fotos sehe, wie über 500 Streik­ende auf dem Werft-Gelände knien und sich den Segen geben lassen, denke ich, das hat dazu beigetragen, ein Blutvergießen zu verhindern. Die Kirche hat den Hass, den es gab, kanalisiert. Es ­taten sich ja viele verschiedene Dinge in Polen. Die Leute fingen an sich zu organisieren, in allen größeren Städten gab es ganz unterschiedliche Solidarnosc-Gruppen, es gab linksgerichtete, andere waren richtiggehend rechts und auch antisemitisch.
Sie hatten als Komitee häufiger Ärger mit moskautreuen Kommunisten aus der DKP. Auch während des Streiks in Polen?
Die DKP- oder Spartakus-Leute hatten für uns im Grunde keine Bedeutung. Die waren politisch nicht relevant. An der Uni hatten sie ihre Gruppen, und dort waren sie unübersehbar, aber ansonsten boten die ja überhaupt keine politische Perspektive, die standen für uns am Rand. Wie wir für die natürlich auch. Jeder hat seine Politik gemacht, ohne aufeinander einzugehen. Es gab Konflikte, wenn deren Studentengruppen unsere Plakate überklebten und solche Dinge. Inhaltlich ist da aber nichts gelaufen, etwa dass man sich mal an einen Tisch gesetzt und diskutiert hätte.
Sie sagten einmal: »Für die einen waren wir Spalter, für die anderen CIA-Agenten.« War an einer der Behauptungen etwas dran?
Nein. Also als Spalter konnte man uns natürlich wahrnehmen, aber das war nicht unsere Absicht. Wir wollten einfach unseren politischen Ansichten eine Öffentlichkeit verschaffen. So wie andere 1974 nach Portugal gereist sind oder später nach Nicaragua, wo Revolution war und man Fahnen schwingen konnte und wo es auch wärmer war als in Osteuropa. Es war aber auch tatsächlich etwas anderes mit Polen, man konnte nicht da hinfahren und sagen: Seht her, so müsst ihr’s machen. Nicht, wenn man aus Deutschland kam, wo es eben eine ganz besondere Geschichte gibt. Aus diesem Grund war das Verhältnis zu Polen nicht vergleichbar mit anderen Solidaritätskampagnen jener Zeit. Auch die SPD hat sich auch aus diesen Gründen zurückgehalten.
Was dachten Sie, als Lech Walesa Staatspräsident wurde?
Zu der Zeit gab es das Komitee nicht mehr. Mir persönlich war diese eine große Streikaktion mit der Folge der souveränen Organisierung einer großen Bevölkerungsgruppe wichtig. Das Ergebnis war mir damals letztlich egal. Die ganzen späteren Machtkämpfe habe ich kaum verfolgt. Schon Anna Walentynowicz vertat ja eine ganz andere Position als Lech Walesa. Es gab von dem Tag an, als sich die Solidarnosc offiziell gründen konnte, Flügelkämpfe. Und selbst der linke Jacek Kuron, der von den Trotzkisten kam, hat sich dann ja ganz anders, mehr staatsorientiert entwickelt. Sicher hätte ich mir gewünscht, dass sich da eine linksradikale Bewegung durchgesetzt hätte, um das Land grundlegend zu transformieren und auch, um eine Alternative zu bieten für die westdeutsche Gesellschaft.
Wie bewerten Sie diese Ereignisse in Polen im Nachhinein?
Das Ereignis hat gezeigt, dass es möglich ist, dass eine gesamte Bevölkerung aufsteht und die Per­sonen, von denen sie beherrscht wird, beiseite schiebt. Das hatte Auswirkungen auf die späteren Ereignisse in der DDR und der CSSR. Die Leute wussten durch das, was in Polen geschehen ist, dass die Gesellschaft veränderbar ist. Als sie 1989 in der DDR anfingen zu demonstrieren, hatten sie im Hinterkopf, dass es in Polen gelungen ist. Und zur Bewertung gehört auch festzustellen, dass es den Leuten in Polen heute besser geht, nicht nur von der Lebensqualität her, auch hinsichtlich der Verlängerung ihrer Lebenszeit. Es hat eine positive materielle und soziale Entwicklung stattgefunden, und auch die Möglichkeiten der Bevölkerung, sich einzubringen, mitzugestalten, sind größer. Sicher gab es auch Rückschläge, es gab reaktionäre Regierungen und reaktionäre soziale Bewegungen. Es ist nicht die Gesellschaft, wie ich sie mir idealtypisch vorstelle. Aber solche Projektionen sollte man hierzulande eher auf die BRD beziehen denn auf Polen.