Zirkus Sarrazin

Zwischen den Übertragungswagen von ARD, N24 und etlichen anderen Sendern steht es: das Verdi-Mobil. Auf der Ladefläche des Pritschenwagens befinden sich Lautsprecher, aus denen Reggae dröhnt. Allmählich sammelt sich eine beachtliche Zahl von Demonstranten am Wagen der Gewerkschaft. Fahnen der »Linken«, der GEW und der Grünen sind zu sehen. Auch die Jusos haben zu der Kundgebung aufgerufen, geben sich aber nicht zu erkennen. Der Anlass der Versammlung dürfte dem SPD-Nachwuchs peinlich sein: Es wird nicht etwa gegen die NPD demonstriert, sondern gegen einen Parteikollegen: Thilo Sarrazin. Er stellt im Haus der Bundespressekonferenz, vor dem die Kundgebung stattfindet, sein neues Buch vor: »Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen.«
Sarrazin ist es bestens gelungen, die mediale Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Die Bild-Zeitung und der Spiegel haben Passagen seines Buchs vorab veröffentlicht, in dem er beklagt, dass Deutschland »immer ärmer und dümmer« werde – wegen der »überdurchschnittlichen Vermehrung« der Unterschicht und der »ernormen Fruchtbarkeit der muslimischen Migranten«. Auch mit Äußerungen über die »genetische Identität« der Juden hat Sarrazin Schlagzeilen gemacht und bewiesen, dass er nicht nur sozialdarwinistisch, sondern auch rassenkundlich bewandert ist. Und so ist der Andrang vor dem Haus groß. Kamerateams und Fotografen drängen sich vor einem Transparent, auf dem steht: »Rechtspopulismus stoppen! Gegen das Bündnis von Mob und Elite!« Andere Journalisten holen Meinungen der Demonstranten ein, die in dem Trubel wie Statisten in Sarrazins Medienzirkus wirken. Ein Redner protestiert gegen die »Hetze des Hasspredigers« und möchte das Buch »auf den Müllhaufen der Geschichte« verbannen. Auf einem Plakat ist ein Porträt Sarrazins zu sehen, daneben steht die Aufschrift: »Halt’s Maul!« Der Mann kommt der Aufforderung nicht nach. Am Abend sitzt er in der ARD-Talkshow »Beckmann« und plaudert über seine Thesen.