»Hey Weißer, wir haben Hunger«. Wie eine Hilfsorganisation in Haiti eine Schule aufbaut

Nicht jeder will ein Cleaner sein

Bevormundung der Bevölkerung und Abhängigkeit von der westlichen Außenpolitik werden NGO oft vorgeworfen, auch bei der Hilfe für Haiti. Im Bergdorf Coupeau wird eine Schule gemeinsam von Helfern und Bewohnern gebaut.

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Als das schwere Eisentor vor dem Wohnhaus zur Seite geschoben wird, nickt der haitianische Sicherheitsmann freundlich. Dann studiert er weiter die Bibel. Neben ihm lehnt ein großkalibriges Gewehr. Es ist fünf Uhr morgens, die Hauptstadt Port-au-Prince erwacht. Jürgen Schübelin, der Haiti-Koordinator der NGO Kindernothilfe, und der chilenische Architekt Alvaro Arriagada sind auf dem Weg in das Bergdorf Coupeau, wo die deutsche Hilfsorganisation eine eingestürzte Schule wieder aufbauen will.
»Dort, wo Hilfsorganisationen nur Geschenke aus schönen Jeeps und per Hubschrauber verteilt haben, können Sie nicht erwarten, dass die Menschen an Aktivitäten und Selbsthilfe Interesse haben«, sagt Schübelin. Er rückt die beigefarbene Weste mit dem blauen Logo seiner Organisation zurecht, setzt an, macht eine Pause, dann sagt er: »Wir verstehen diesen Schulbau auch als politisches Signal. Denn in Haiti wird es keine Perspektive zur Überwindung von Armut geben, ohne dass die Menschen in abgelegenen Gebieten ein Selbsthilfepotential entwickeln.«
Der Geländewagen passiert den Stadtteil Carrefour. Die Zustände in Haiti sind desolat, nicht erst seit dem Erdbeben, das am 12. Januar des vergangenen Jahres mehr als 250 000 Menschen das Leben gekostet hat und mehr als einer Million ihr Obdach nahm. Die Straße ist aufgeplatzt, der Bauschutt türmt sich meterhoch. Es riecht nach Urin und Abfall. Auf dem Mittelstreifen der verstopften Hauptstraße leben Familien in notdürftigen Verschlägen mit Plastikplanen. Kinder spielen in ausgebrannten Autowracks. Der Staub Tausender eingestürzter Häuser liegt wie Nebel über der Stadt. Die Räder des Jeeps versinken in einem Loch mit giftgrünem Wasser. Auf der Heckscheibe steht in großen Buchstaben zu lesen: »Thank you, Jesus!«

Mehrere tausend Nichtregierungsorganisationen übernehmen seit dem Beben Aufgaben des Staates, der in Haiti weder über ein nennenswertes eigenes Budget noch über funktionierende Institutionen verfügt. Nicht zuletzt von den NGO hängt ab, ob es gelingen kann, nach der Naturkatastrophe eine soziale und politische Wende einzuleiten, hin zu dem viel beschworenen Neuanfang für das ärmste Land der westlichen Hemisphäre. Die Haitianer hoffen auf Normalität in ihrem von Kolonialherren, US-Besatzern und korrupten Machthabern ausgeweideten Land, die Hilfe privater Organisationen spielt dabei eine zentrale Rolle.
Nach dem Eintreffen eines Übersetzers für Kréyol beginnt der dreistündige Fußmarsch. Die Strömung der Rivière Froide, des »kalten Flusses«, ist so reißend, dass man sich beim Durchqueren an den Händen halten muss. Ein evan­gelikaler Wanderprediger verkündet seine Auslegung der Bibel. Kurz danach ziehen Männer mit einer Bahre vorbei. Der tote Körper darauf ist in ein Leinentuch gewickelt. In diesem rund 50 Kilometer langen Tal war das Epizentrum des Bebens.

»Die Herausforderung hier in Coupeau ist die Logistik, nicht das Bauen. Die Dorfbewohner transportieren jeden Sack Zement, jeden Sack Sand und alle Eisenträger zu Fuß aus der Stadt in die Berge.« Alvaro Arriagada weiß, wovon er spricht. Einmal wöchentlich meistert er den beschwerlichen Auf- und Abstieg über steile Bergwege, um drei Tage in Coupeau zu arbeiten. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, denn dort fließt kein Strom.
Alte und junge Menschen kommen uns entgegen, Frauen und Männer, die meisten tragen ihre Lasten auf dem Kopf. »Hey, Weißer, wir haben Hunger!« Immer wieder werden wir auf diese Art von Haitianern angesprochen, selbst von einem Händler, der sein Lebensmittelsortiment auf dem Rücken eines Esels transportiert. Allein die Anwesenheit der »Fremden« löst reflexartig die selbstverständliche Frage nach Hilfe aus. Arriagada antwortet freundlich, aber bestimmt, dass er gekommen sei, um Menschen mit seiner Arbeitskraft zu unterstützen, nicht um Almosen zu verteilen.
Als wir bei mittlerweile 40 Grad im Schatten Coupeau erreichen, ist die Freude über unsere Ankunft groß. Der Lehrer lässt seine Schüler ein Begrüßungslied anstimmen. Unterrichtet werden die 70 Schüler seit dem Beben in einem orangefarbenen Zelt direkt neben der Baustelle. Wie durch ein Wunder ist beim Einsturz der Schule niemand verletzt worden. »Als wir zum ersten Mal in die Berge hochgestiegen sind, fanden wir eine Gemeinde vor, Kinder, Eltern, Großeltern, in der niemand auch nur eine Minute in einer Schule verbracht hatte«, erzählt Jürgen Schübelin und nimmt einen tiefen Schluck aus der Wasserflasche. Für ihn ist es eine Herzensangelegenheit, dass die kleine Schule neu gebaut wird. Für etwa 25 000 Euro sollen hier zwei Klassenräume, ein Lehrerzimmer mit kleiner Bibliothek sowie Toiletten entstehen. Auch eine Zisterne ist vorgesehen, um Regenwasser aufzufangen. So weit die Wünsche der Dorfbewohner, die Arriagada auf Versammlungen zusammengetragen hat.

Der 28jährige Architekt aus Santiago de Chile ist Experte für erdbebensicheres Bauen – und für Gemeindearbeit, dafür, wie gebaut wird: kollektiv, ökologisch, nachhaltig, dezentral. Bevormundung und Alimentierung werden vielen Hilfs­organisationen vorgeworfen, deren Arbeit bestehende Abhängigkeiten festschreibe, ganz unabhängig davon, wie gut die Hilfe gemeint war.
»Richte keinen Schaden an!« Jürgen Schübelin wischt sich mit einem Tuch den Schweiß vom Gesicht. »Diese Grundregel der Not- und Entwicklungshilfe wird in Krisenregionen wie Haiti immer wieder verletzt«, sagt er. Die Schule wird mit heimischen Materialien gebaut, um die regionale Bauwirtschaft zu unterstützen, so weit es geht ohne Holz, um die wenigen verbliebenen Wälder zu schonen, und bewusst in der vergessenen Peripherie, nicht in der Hauptstadt Port-au-Prince, auf die sich die meisten NGO konzentrieren.
Das Prinzip dieses Modellprojekts, das die Selbstbestimmung der Dorfbewohner fördern soll, ist das Kombit-System, eine haitianische Tradition, bei der Nachbarn Wohnhäuser, Kirchen und Schulen gemeinsam bauen. Hier in Coupeau bedeutet Kombit für die meisten Dorfbewohner Arbeit für Naturalien. Bezahlt werden nur die vier Bauarbeiter und die Träger schwerer Lasten. Für alle beginnt der Tag morgens um vier mit einem gemeinsamen Frühstück, danach wird hart gearbeitet, am Abend gibt es dann ein Fest mit einer warmen Mahlzeit.
Je mehr NGO in aller Welt das Vakuum füllen, das zerfallende Nationalstaaten in Krisenzeiten hinterlassen, desto bedeutsamer wird es, wie sie ihre Rolle als politische Akteure selbst definieren. Dabei erweist sich, wie vielschichtig Hilfe ist, wie widersprüchlich sie sein kann. Eine Amerikanerin, die seit zwei Monaten in Haiti arbeitet, zieht eine ernüchternde Bilanz. »Ob in Afghanistan, im Irak oder jetzt in Haiti – als Helferin reise ich letztlich den Truppen meiner Regierung hinterher. Ohne dass ich eine Alternative zu unsere Arbeit für Menschen in Not sehe, erlebe ich es so, dass wir die Scherben von politischen Konflikten wegfegen, die Opfer von Neokolonialismus, Neoliberalismus und Naturkatastrophen gleichermaßen verarzten.«
Die popkulturelle Entsprechung dieses Aspekts von Hilfe ist die Figur des Cleaners. Das wohl bekannteste Beispiel liefert Quentin Tarantinos Thrillergroteske »Pulp Fiction«. Nachdem die beiden Gangster Vincent Vega (John Travolta) und Jules Winnfield (Samuel L. Jackson) versehentlich einen Mann in einem Auto erschossen haben, rufen sie den von Harvey Keitel gespielten Cleaner Winston Wolf an, damit er die Angelegenheit bereinigt. Das Bild ist nicht so absurd, wie es zunächst erscheinen mag. So lässt die persönliche Einschätzung der Helferin, die namentlich nicht genannt werden möchte, einen bitteren Schluss zu: Als global operierende Cleaner sind moderne NGO weit mehr in die weltweite »Sicherheitsarchitektur« eingebunden, als ihnen lieb sein kann. Dann ist auch der Vorwurf der Arbeitsteilung nicht mehr weit, bei der, ganz wirtschaftsliberal, humanitäre Hilfe von Staaten an private Akteure ausgelagert werde.

Doch auch Hilfsorganisationen diskutieren ihre Rolle, reflektieren die Nähe zu Politik und Militär, entwickeln Entwürfe, die weit über die Nothilfe hinausgehen. Die NGO Medico International etwa hat ihren letzten Kongress in Frankfurt am Main unter die Frage gestellt: »Welche Hilfe für wessen Sicherheit?« Mit dem Blick auf die »zivilmilitärischen Kooperationen« in Krisenregionen und unter dem Eindruck von Soldaten als Katastrophenhelfern in Haiti wollten die Teilnehmer erörtern, welche Alternative es zur »internationalen Zwangsverwaltung« und einem Protektorat in Haiti gibt. Seit einigen Jahren schon diskutiert die medizinische Hilfsorganisation über »Macht und Ohnmacht der Hilfe«, darüber, dass »Entwicklungsbemühungen mehr und mehr in den Sog globaler Sicherheitspolitik geraten«.
Auch die deutsche Caritas scheut die enge Kooperation mit Politik und Militär. Peter Neher, der Präsident des katholischen Hilfswerks, hat der Bundesregierung eine Absage für die geforderte Beteiligung an dem »Konzept der vernetzten Sicherheit« erteilt. Zwar begrüßt er es, dass die Regierung zusätzliche Mittel für die Arbeit der Hilfsorganisationen in Afghanistan in Aussicht stellt, er hält es aber für »inakzeptabel, dass die Vergabe dieser Gelder an sicherheitspolitische Bedingungen geknüpft ist«. Neher formuliert einen anderen Anspruch: »Als Christen müssen wir dort helfen, wo Not herrscht, und nicht dort, wo es außenpolitisch oder gar militärisch Erfolg versprechend ist.«
Das Bündnis Entwicklung Hilft hat sich deshalb auf »Grundsätze für den nachhaltigen Wiederaufbau in Haiti« verständigt. In ihm haben sich Welthungerhilfe, Brot für die Welt, Christoffel-Blindenmission, Medico International, Misereor, Terre des Hommes und auch die Kindernothilfe zusammengeschlossen. Sie alle verpflichten sich zu einer Arbeit in Haiti, die sich an den Bedürfnissen der Menschen orientiert, nicht an den Angeboten der NGO oder gar an den Forderungen externer Geldgeber. Die sieben Organisationen sehen für eine »echte Armutsbekämpfung« nur dann eine Chance, wenn alle Haitianer Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung haben.
Mit diesem Manifest lösen sich die Unterzeichner vom originären, rein humanitären Mandat von Hilfsorganisationen. Stattdessen fordern sie die Entwaffnung in Haiti und wollen den Wiederaufbau dezentral organisieren. Es sei außerdem notwendig, »Gewaltstrukturen und Machtverhältnisse« zu erkennen, »um diese idealerweise aufbrechen zu können und um Partizipation und Gleichberechtigung in der haitianischen Gesellschaft zu stärken«. Das Bündnis Entwicklung Hilft scheut sich überdies nicht, im Gegensatz zum Mainstream der deutschen Debatte eine staatliche Steuerung des Aufbaus der Infrastruktur, des Wohnungsbaus und der Förderung der Landwirtschaft in Haiti zu befürworten.

Während die Hilfe in Port-au-Prince vielerorts noch stockt und überwiegend Abriss- oder Aufräumarbeiten zu sehen sind, steht in Coupeau der Neubau der Schule kurz vor dem Abschluss. Umringt von neugierigen Kindern diskutiert Al­varo Arriagada mit einem Arbeiter die Schritte der kommenden Woche. »Der Boss«, wie hier alle diesen Arbeiter nennen, leitet die täglichen Bauarbeiten. Auf seinem verschwitzten Shirt steht geschrieben: »Wenn unsere Kinder nicht lesen können, wie sollen sie dann wissen, was in der Welt passiert«. Der chilenische Architekt berät den Boss, wie er die Schule bauen muss, damit sie dem nächsten Erdbeben besser trotzen kann: mehr Zement und weniger Sand für die Steine, die sie hier oben in Coupeau selbst pressen, mehr Eisenträger für die Säulen, Eisenträger auch für die Rahmen unter dem Dach und vor allem eine andere Dachkonstruktion. »Wer bei leichten Wänden schwere Dächer aus Beton baut, riskiert, dass das Gebäude einstürzt«, sagt Al­varo Arriagada.
Der Boss gibt das Wissen dann an die Dorfbewohner weiter, die ihre eingestürzten Häuser selbst neu bauen wollen. So jedenfalls der Plan des deutsch-chilenischen Teams. Weil mit dem Beben Mitte Januar auch die Hoffnung der Dorfbewohner auf Bildung für ihre Kinder schwand, sieht Jürgen Schübelin seinen Architekten auch als Therapeuten. Alvaro Arriagada drückt es so aus: »Das Wichtigste für die Menschen ist, Vertrauen wiederzuerlangen. In ihre Kraft, ihre Fähigkeiten und in die Stabilität der Gebäude.«
Kinder erreichen das Dorf, auf ihren Köpfen balancieren sie gekonnt große Wasserkrüge. Wie jeden Tag nach dem Unterricht bringen sie Wasser vom Fluss hinauf nach Coupeau, für den Mörtel auf der Baustelle. Vor unserer Rückkehr in die Hauptstadt bedankt sich Jürgen Schübelin für ihren schweißtreibenden Einsatz. Die zwölfjäh­rige Natascha blickt ihn an und antwortet: »Ihr müsst nicht ›Danke‹ sagen, es ist schließlich unsere Schule.«