Was weiß der Geier?

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Sayyad al-Rashidi ist ein aufmerksamer Mann. Als über ihm ein großer Geier kreiste, fiel ihm auf, dass mit dem Vogel etwas nicht stimmte. Der saudische Jäger beschloss, das verdächtige Tier vom Himmel zu holen. Lebend, denn tote Zeugen beantworten ja bekanntlich keine Fragen. Al-Rashidi schlachtete eines seiner Schafe, legte es als Köder aus und lockte den Geier damit in die Falle. Große Geier sind zwar elegante Flieger, aber sie kommen ein bisschen schwer in die Gänge, da sie steigende Luftströme brauchen, um abheben zu können. So geriet der Vogel in saudische Gefangenschaft. Denn der Verdacht hatte sich bestätigt: Das Tier trug nicht nur eine auffällige Flügelmarkierung, sondern ein technisches Gerät mit hebräischen Schriftzeichen. Sayyad al-Rashidi hatte einen Mossad-Spion ertappt! Die Nachricht machte schnell die Runde, saudische Zeitungen berichteten über den gefiederten zionistischen Agenten. Schließlich hatte der Gouverneur der ägyptischen Provinz Sinai, Mohamed Abdul Fadil Shousha, nach den Hai-Attacken auf ägyptische Badegäste im Roten Meer ganz offiziell den Verdacht geäußert, der Mossad habe Haie in die Badegewässer geschleust, um Touristen zu vergraulen. Klar, dass der Mossad auch den Geier schickte!
Doch noch ehe Thilo Sarrazin in der Causa einen Beleg für die ererbte Dummheit der arabischen Welt sehen kann, wird der inhaftierte Gyps Fulvus, ein Gänsegeier also, wohl längst wieder seine Kreise ziehen. Denn ausnahmsweise hat sich in der Diskussion or­nithologischer Sachverstand durchgesetzt. Prinz Bandar bin Saud al-Saud, der Chef der saudischen Naturschutzbehörde, zeigte sich wenig amüsiert über das Spionage-Gerede und verfügte, den Geier ziehen zu lassen, der nämlich lediglich mit seinem GPS-Sender Daten an die Universität von Tel Aviv liefert, die in einem Projekt die Flugrouten der Geier untersucht. Der Prinz ließ es sich auch nicht nehmen, darauf hinzuweisen, dass saudische Wissenschaftler mit derselben Technik arbeiten, um das Wanderungsverhalten bedrohter Arten zu erforschen. Den lokalen Zeitungen diktierte er: »Einige saudische Journalisten haben aus Sensationsgier Nachrichten über den Vogel verbreitet, ohne die Informationen zu prüfen. Sie hätten vorher kompetente Stellen fragen sollen.« Mit anderen Worten: Die arabischen Journalisten sind zu faul zum Recherchieren und verbreiten ungeprüft noch den letzten Quatsch – ein schöner Beleg dafür, dass der arabische Raum mit dem Westen doch vieles gemein hat.