Keine Olympischen Winterspiele in München

And the winner is ... not München

Die bayerische Landeshauptstadt wird auch 2018 keine olympischen Winterspiele austragen.

Pyeonchang galt lange Zeit als der eindeutige Favorit. Kurz vor der Entscheidung des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) über den Austragungsort der Winterspiele im Jahr 2018 Mitte voriger Woche schien München aber die Asiaten überholt zu haben. Das jedenfalls behauptete ein Ranking des IOC-nahen Branchendienstes mit dem schönen Markennamen »Around the Rings«.
Für Spannung war in Durban also gesorgt. Die deutsche Delegation, angeführt von Bundespräsident Christian Wulff und dem bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, wurde vom Münchener Oberbürgermeister Christian Ude begleitet. Auch das BMW-Vorstandsmitglied Ian Robertson war dabei. Dieses politische Aufgebot demonstrierte noch einmal unübersehbar das, was Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich der Reisegruppe schon lange vorgemacht hatte. Der Politiker hatte gleich zu seinem Amtsantritt die Bewerbung Münchens in den Rang einer nationalen Aufgabe erhoben. Womit Friedrich wohl endgültig einem deutschen Sportmythos ein Ende bereitete: Sport hat sehr wohl mit Politik zu tun. »Das Land steht hinter euch!« hatte der auch für den Sport zuständige Innenminister im Mai die Münchener Präsentation im IOC-Quartier im Schweizer ischen Lausanne populistisch beworben. Jegliche Kritik an der 33 Millionen teuren Bewerbung sollte zumindest in dieser Phase als unangemessen dargestellt werden. Fast folgerichtig wurde ein Bürgerentscheid in Garmisch-Partenkirchen für die Spiele als Erfolg präsentiert und für die Bewerbung sogar noch beschönigend ausgelegt. Als eine »Bewerbung mit Bürgervotum« waren die Münchener Anstrengungen seitdem verkauft worden. Dass sich nur 58 Prozent der beteiligten Bürger für den exzessiven Sportstättenbau in den Alpen und der sie umgebenden Landschaft ausgesprochen hatten, sagt viel über das Demokratie- und vor allem über das Minderheitenverständnis der Olympia-Organisatoren aus.
Die Olympiabewerbung von München galt nicht wenigen Menschen als ein Sinnbild für eine gigantische Zerstörung der Landschaft und des öffentlichen Raums. In München und Umgebung sollten nach dem erhofften IOC-Zuschlag elf neue, teure Sportstätten gebaut werden, die öffentliche Hand wäre mit diesem Projekt mit geschätzten fünf Milliarden Euro belastet worden. Profitiert hätte, wenn überhaupt, nur das IOC. Das alles erklärte der Bund Naturschutz (BN) in einem Gutachten, das er gemeinsam mit der Gesellschaft für ökologische Forschung (GöF) zur Olympiabewerbung von München, der selbsternannten Großstadt mit Herz, erstellt hatte. »Der Olympiatraum wird böse enden«, attestierten die Olympiakritiker. Die bürgerliche Presse war der Kritik wenig zugeneigt, was nur auf den ersten Blick überrascht. Sie hielt sich bei der journalistischen Bewertung und Begleitung der Münchener Bewerbung bereits seit Jahren fast verschämt zurück. Diverse Anzeigenkoppelgeschäfte der »Bewerbungsgesellschaft München« mit den deutschen Großverlagen sollen eine Ursache dafür sein. Das jedenfalls hört man aus Redaktionen, auch wenn das öffentlich natürlich niemand zugeben möchte.
An der Spitze der deutschen Durban-Delegation stand die ehemalige DDR-Eisprinzessin Katharina Witt. Sie sollte der Bewerbung den in diesem globalen Geschäft nötigen Glamour verpassen, mit anderen Worten: die aus 110 IOC-Mitgliedern bestehende selbsternannte olympische Familie noch einmal mit ihrem penetranten Gute-Laune Charme bespaßen. Nur 19 der 110 IOC-Mitglieder sind übrigens weiblich. Als ein weiteres schlagkräftiges Argument für die deutsche Olympiabewerbung wurden drei deutliche olympische Abstimmungsniederlagen bemüht. Das klingt reichlich absurd, gehört aber offensichtlich zur olympischen Normalität. Deutschland trug zuletzt im Jahr 1936 in Garmisch-Partenkirchen Olympische Winterspiele aus, auch wenn man sich heute daran nicht mehr so gerne erinnern möchte. Fast seriell gescheitert war man in jüngerer Zeit: mit einer Winterbewerbung für Berchtesgaden für das Jahr 1992, anschließend für die Sommerspiele 2000 in Berlin und mit der Stadt Leipzig als Austragungsort für das Jahr 2012.
Peinlich nur, dass Pyeonchang ebenfalls mit den eigenen Misserfolgen wirbt. Die Stadt bewarb sich bereits zum dritten Male hintereinander als Gastgeber von Olympischen Winterspielen, nachdem man 2010 an Vancouver/Kanada und für 2014 an Sotschi/Russland jeweils knapp gescheitert war. Und eine werbewirksame Eis­prinzessin hatte die koreanische Metropole ebenfalls aufzubieten, nämlich Kim Yu-na, die Weltmeisterin von 2009 und Olympiasiegerin von Vancouver 2010. Bei Pyeonchang, so wurde der Stadt vor allem von deutscher Seite nachgesagt, spiele Geld überhaupt keine Rolle. Warum das ausgerechnet bei den IOC-Entscheidern von Nachteil sein soll, ließ sich jedoch nur schwer erschließen. Zudem legte die südkoreanische Stadt eine äußerst kompakte Bewerbung für Spiele der kurzen Wege vor. Die olympische Infrastruktur bedarf kaum eines Neubaus, lediglich vier Sportanlagen müssen nun neu gebaut werden. Von Olympiagegnern hört man in und um ­Pyeonchang überhaupt nichts.
Südkorea weist zudem mit seinem Sponsorenpool Samsung, Hyundai, Kia und LG namhafte und potente Konzerne aus, die dem IOC schon lange fest und treu zur Seite stehen. Außerdem hat der asiatische Staat mit der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele 1988 in Seoul und der Fußball-Weltmeisterschaft 2002 (gemeinsam mit Japan) bewiesen, dass er sportliche Weltereignisse reibungslos und, immer wichtig, höchst rentabel organisieren kann. Und geschneit hat es in diesem Winter in Pyeonchang sogar auch noch. So viel wie schon lange nicht mehr.

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