Über die Ausstellung »ZOV Sportverräter«

Video und Verrat

Eine Ausstellung stellt Sportler vor, die aus der DDR flüchteten.

»ZOV Sportverräter« heißt es im zweiten Stock des Willy-Brandt-Hauses in Berlin-Kreuzberg, wo üblicherweise der SPD-Vorstand künftige Heldentaten plant. Denn dort ist derzeit eine Ausstellung zu sehen. Sie handelt von »Spitzenathleten auf der Flucht«. Die Schicksale von 15 DDR-Sportlern werden dargestellt: Videointerviews, die abrufbar sind und die Sportler mit ihren alten Geräten zeigen – vor einem Rennrad stehend, auf eine Hürde gestützt, neben einem Startblock sitzend. Die Idee und ihre Realisation stammen von der mexikanischen Künstlerin Laura Soria. Zu Wort kommen Sportler, die heute weitgehend vergessen sind: Karin Balzer, Weltklassesprinterin, die nach ihrer Flucht 1958 in die DDR zurückkehrte, Falko Götz, Fußballer des BFC Dynamo Berlin, der später Profitrainer wurde, oder Manfred Steinmann, ein leichtathletischer Sprinter, der im Westen als Gesundheits- und Sportfunktionär Karriere machte. Sie stehen da vor dem Besucher und erzählen via Videowand ihre Geschichte: Emotional, ungeschützt, und immer ist klar, dass diese Menschen eine Geschichte haben, die gehört werden muss. Unabhängig davon, wie man sonst über sie denkt.
Jutta Braun, die gemeinsam mit René Wiese vom Zentrum Deutsche Sportgeschichte die Ausstellung kuratiert hat, begründet deren Konzeption so: »Wir wollten die DDR-Sportler nicht als Goldkinder zeigen, die sich bloß nicht zufrieden gaben mit dem was, die DDR ihnen bot.« Das gelingt. Und es gelingt nicht. Um mit der Kritik anzufangen: Indem der kleine Ausschnitt der »Republikflüchtlinge« gewählt wird, erscheint das Gros derer, die ihren Sport weiter in der DDR betrieben, als diskreditiert, als große Masse der Angepassten. Und das wird dem Gros eben nicht gerecht.
Doch was die Ausstellung (nur, erst oder immerhin) ansatzweise unternimmt, ist der Versuch, einen neuen Blick auf die DDR-Sportler zu werfen. Nicht mehr die willigen »Diplomaten im Trainingsanzug«. Nicht mehr die tumben Befehlsempfänger. Nicht mehr die, die in den vergangenen zwei Jahrzehnten als maschinenähn­liche Pillenschlucker denunziert wurden. Stattdessen entsteht – wie gesagt: erst ansatzweise – ein Sportlerbild, das die Athleten als denkende, handelnde, kritische, oft auch subversive Akteure zeigt. Das gelingt.

Die Ausstellung »ZOV Sportverräter« ist zu sehen bis zum 28. August im Willy-Brandt-Haus, Wilhelmstr. 140, 10 963 Berlin. Dienstags bis sonntags, 12 bis 18 Uhr

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